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Filmfestival Locarno : Nachrichten von jenseits des Horizonts

Wo, wenn nicht in Locarno: Irène Jacob in „The Pornographer (A Love Story)” Bild: Filmfestival Locarno

Wer im August an den Lago Maggiore kommt, hofft nicht auf große, sondern auf interessante Filme. Diese Hoffnung wird noch jedesmal erfüllt. Pornographen, Büffelhüter und Reporter beim Festival in Locarno.

          Der Streit darüber, ob Locarno ein großes oder nur ein größeres kleines Filmfestival sei, wird auch in diesem Jahr unentschieden ausgehen. Die Wortführer des Festivals verweisen auf die Vielzahl der Sektionen, den Umfang der Filmauswahl - in zehn Tagen laufen 350 Beiträge - und das internationale Ansehen des Goldenen Leoparden. Die Spielverderber argumentieren mit der Qualität der Wettbewerbsbeiträge.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Tatsächlich ist Locarno kein Festival der großen Namen. Die Direktorin Irene Bignardi setzt wie ihre Vorgänger auf erste und zweite Filme von jungen Regisseuren, und wer Minh Nguyen-Vô oder Serik Aprimow noch nicht kennt, kann sie hier kennenlernen. Aber er kann es auch lassen, denn so wie die großen Enttäuschungen, von denen Cannes, Berlin und Venedig ein Lied singen können, in Locarno selten sind, sind es auch die Ausschläge nach oben, die Entdeckungen, die sensationellen Debüts. Wer im August an den Lago Maggiore kommt, hofft nicht auf große, sondern auf interessante Filme. Diese Hoffnung wird noch jedesmal erfüllt.

          Auf solche Begegnungen wartet man in Locarno

          Da sitzt zum Beispiel eines Morgens, von Fotografen und Reportern unbelästigt, der Schauspieler Martin Donovan in einer Kinobar im Stadtteil Muralto und wartet auf den Beginn der Vorstellung. Donovan spielt die Hauptrolle in Alan Wades "The Pornographer (A Love Story)", einem Videofilm über die Fetischliebe eines Regisseurs zu seinem weiblichen Star. Vor allem aber ist er eine Ikone des amerikanischen Independent-Kinos, ein Mann, der sein Ticket nach Hollywood noch immer nicht gelöst hat, und so wie "The Pornographer" aussieht, wird sich daran auch so schnell nichts ändern.

          Den Star des Films (und des Films im Film) aber spielt die immer wieder hinreißende Irène Jacob, eine Schönheit wie aus einem Roman von Stendhal, und schon die Kombination von Donovan und Jacob ist aufregend genug, um die achtzig Minuten von Wades filmischer Skizze wie im Flug vergehen zu lassen. "The Pornographer" ist kein Film für die Multiplexe und vielleicht auch keiner für die größeren Kunstkinos, aber er bringt uns zwei Schauspieler so nah, wie es selten geschieht. Auf solche Begegnungen wartet man in Locarno.

          Den Gegensatz zwischen Kino und Leben sichtbar machen

          So wie man auf Filme wie Laetitia Massons "Pourquoi (pas) le Brésil" wartet, die ein Kinogenre gegen den Strich bürsten und jene Fragen stellen, die sich der Mainstream aus naheliegenden Gründen verkneift. Masson soll einen Roman ihrer Freundin Christine Angot verfilmen, "Pourquoi le Brésil", und weil sie dringend Geld braucht und von Angot ermuntert wird, sagt sie zu. Aber sie will das Buch nicht adaptieren, im Gegenteil: Der Roman, sagt die Regisseurin, solle diesmal den Film adaptieren. Und so begibt sie sich selbst mitten hinein in ihre Bilder, berichtet von ihren Schwierigkeiten beim Drehbuchschreiben und macht ihre Hauptdarstellerin (Elsa Zylberstein) zu ihrem Alter ego, einer Filmemacherin, welche die Gefühle, von denen sie erzählen soll, erst einmal selbst wieder erleben will.

          Die Spiegelungen, in die Masson ihren Stoff auflöst, überbrücken den Gegensatz zwischen Kino und Leben nicht, sie machen ihn nur noch deutlicher sichtbar. Aber eben um dieser Klarheit willen ist "Pourquoi (pas) le Brésil" entstanden, und wenn der Film nicht die Härte eines Kinoessays von Godard besitzt, dann nur deshalb, weil Laetitia Masson noch den trockensten Gedanken in ein lebendiges Bild verwandeln kann. Vom Thesenfilm alten Schlages ist "Pourquoi (pas) le Brésil" mindestens ebenso weit entfernt wie von einer klassischen Literaturverfilmung.

          Die gespenstischste Erfahrung des Festivals

          Was dagegen passieren kann, wenn man ein Buch auf die übliche Weise verfilmt, zeigt Laurence Ferreira Barbosa mit "Ordo". Die französische Regisseurin hat einen Kriminalroman von Donald Westlake so präpariert, daß er aussieht wie seine eigene Mumie. Ein dunkelhäutiger Matrose entdeckt, daß eine seiner Ex-Ehefrauen zum Kinostar geworden ist, und begibt sich in die südfranzösische Villa der blonden Schönen. Dort steht der Film eine Stunde lang still, als warte er auf den Steinernen Gast. Es kommt aber nur die Mutter der Blondine, und als es dem Seemann nicht gelingt, sie im Pool zu ersäufen, packt er seine Sachen und geht. Das alles mag spannend zu lesen sein, aber auf dem Weg auf die Leinwand hat sich der Suspense verflüchtigt wie ein Parfum.

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