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Filmfestival Locarno : Die vielen Facetten des Chaos

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Siegerinnen mit Silber- und Bronzetier: Regisseurin Milagros Mumenthaler und ihre Hauptdarstellerin Maria Canale Bild: Reuters

Beim Filmfestival von Locarno zeigt das rumänische Kino seine wachsende Klasse. Die Preisverleihung wird aber zu einem Triumph für das junge argentinische Kino.

          „Beste Absichten“ haben immer alle, mit dem Ergebnis muss das nichts zu tun haben. „Beste Absichten“ ist der treffende Titel eines Films, der den Wahnsinn des Alltags ins Bild setzt. Der Rumäne Adrian Sitaru erhielt für ihn jetzt zum Abschluss des Wettbewerbs der Filmfestspiele in Locarno den Regiepreis (und den Darstellerpreis für Bogdan Dumutrache). Es beginnt mit einem langen Kameraschwenk durch ein Wohnzimmer. Man sieht einen Mann, Ende dreißig, bei sich zuhause. Er zankt über ein paar Kleinigkeiten mit seiner Freundin, dabei arbeitet er am Laptop und telefoniert mit einer Kollegin, die ihm offenbar eine wichtige Information noch nicht gemailt hat, er bucht einen Flug – ein junger Angestellter im Stress.

          Das rumänische Kino, das derzeit zu den interessantesten Kinematographien Europas gehört, liebt solche Alltagssituationen und entwickelt seine Charaktere und seine Geschichten fast immer am Rande zum scheinbar Banalen. Schnell kommt Bewegung in die Ausgangslage: Der Mann erhält einen Anruf von seinem Vater, die Mutter habe einen Schlaganfall erlitten. Nun fährt der Sohn ins Krankenhaus und kümmert sich um die Behandlung.

          Blick auf eine Gesellschaft, die sich vom Kommunismus zu erholen beginnt

          Sitaru spielt seine Szenen lang aus, zu Beginn etwa wird nur einmal innerhalb von gut zehn Minuten geschnitten. Das stellt erhöhte Anforderungen an Schauspieler und Choreographie, zugleich intensiviert sich die Szene im Sekundentakt; man kann der Spannung beim Wachsen zusehen. Solche Inszenierungen sind das Markenzeichen rumänischer Filme, und Sitaru gelingt es, durch genaue Beobachtungsgabe die vielen Facetten des Chaos im Innenleben eines Krankenhauses zu zeigen, dessen Zustände keineswegs mehr durch postkommunistische Miserabilität geprägt sind. Aber von zwei Ärzten bekommt man drei Meinungen, die Zimmer sind überfüllt, das Personal überfordert – derlei passiert einem auch hierzulande. Nähe zum Menschlichen prägt die Zeichnung auch unwichtigerer Nebenfiguren.

          Vor allem im Porträt des überbesorgten wie gegen seine Umwelt aggressiven Sohnes entfaltet der Film auch das Psychogramm eines Muttersöhnchens. Sitarus rumänischer Mann ähnelt dem Polizisten im Zentrum von „Hashoter“ vom Israeli Nadav Lapid (Spezialpreis der Jury). Beide Filme sind nicht vordergründig politisch, aber sie erzählen viel über das Leben in ihren Gesellschaften, in denen die Familien stärker sind, als anderenorts, und die Söhne offenbar gezwungen, immer den „starken Mann“ zu geben.

          Frischen Schwung im argentinischen Kino

          Vor allem aber wurde die Preisverleihung am Samstag zu einem Triumph für das junge argentinische Kino. Mit Milagros Mumenthalers „Abrir puertas y ventanas“ ging der Goldene Leopard an den Film im Wettbewerb, der bei aller konkreten Beobachtung auch ein Geheimnis besitzt und in den Gedanken des Zuschauers lange nachhängt. Die Auszeichnung für die „Beste Schauspielerin“ ging mit Maria Canale für ihre erste Filmrolle gleichfalls an diesen Film, ebenso wie einige Preise der unabhängigen Jurys.

          Mit „El Estudiante“ gewann ein weiterer argentinischer Film auch einen der Hauptpreise im zweiten, dem Nachwuchs vorbehaltenen Wettbewerb, dem der „Cineasti del Presente“. Santiago erzählt darin vom Desillusionierungsprozess eines Studenten, der in der Universitätspolitik Karriere macht und hier bald mit Lüge und Intrigen konfrontiert ist. Beide Preisträger stehen für einen frischen Schwung im argentinischen Kino, dessen Sujets urbaner sind und der Stil weniger hermetisch als noch vor einigen Jahren.

          Das war auch in Gaston Solnickis „Papirosen“ erkennbar, der leider ohne Auszeichnung blieb. Solnickis origineller Dokumentarfilm, der vor allem sehr inspiriert mit Jahrzehnte altem Filmmaterial umgeht, erzählt von den drei Generationen seiner Familie und mittelbar vom Milieu der europäisch geprägten Emigranten des zwanzigsten Jahrhunderts und Traditionen, die in einem Leben zwischen alter Bürgerlichkeit und neureichem Lifestyle zunehmend verblassen.

          Geringe Neigung zum Risiko

          Insgesamt war Locarno 2011 in beiden Wettbewerben ein guter Jahrgang, ein spannendes Programm mit einigen sperrigen und „schwierigen“ Filmen, die formal keine Kompromisse machten – ein Beleg dafür, dass der gute Eindruck des Vorjahres, in dem der neu berufene künstlerische Leiter Olivier Pere vieles umgekrempelt hatte, kein Zufall war. Qualitativ schwer nachzuvollziehen bleiben für den Besucher aber nach wie vor die Unterschiede zwischen den beiden Wettbewerben um den Goldenen Leopard beziehungsweise den „Cineasti del Presente“. Zudem war der Hauptwettbewerb stilistisch wie thematisch im Vergleich zum Vorjahr insgesamt weniger abwechslungsreich und extrem, ohne größere Wagnisse. Die eine oder andere ästhetische Provokation hätte fraglos gut getan. Stattdessen überwogen „kleinere“ Varianten des Autorenkino-Mainstreams, wie er, finanziell besser ausgestattet, auch in Berlin, Venedig und Cannes zu sehen ist. Wer unter „Autorenkino“ aber auch originellen Umgang mit Genres versteht oder produktive Zumutungen, musste sich eher an die Nebensektionen halten.

          Wer sich dann noch das Vergnügen machte, die Retrospektive zu besuchen, die Vincente Minnelli galt, sah eine unüberbrückbare Fallhöhe zu den Gegenwartsfilmen im Wettbewerbsprogramm in Locarno. Wer könnte ein Minnelli der Zukunft sein? Oder ist das, unter Produktionsbedingungen der Mischfinanzierung aus EU-Fonds, nationalem Fördergeld und aufgezwungener Fernsehbeteiligung, einfach die falsche Frage? Denn für die Kunst sind beste Absichten oft der größte Gegner.

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