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Filmfestival Locarno : Das Gegenteil von tot ist uralt

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So sieht’s also bei vergreisten Ungläubigen aus, wenn sie ihre Lebensbilanz um sich versammeln: Harry Dean Stanton in „Lucky“ Bild: dpa

Verwirrung beim siebzigsten Festival in Locarno: Ein Schauspieler namens John Carroll Lynch dreht seinen ersten Film, in dem ein Regisseur namens David Lynch als Schauspieler auftritt.

          Welcher Film hat dein Leben verändert? Zumindest virtuell schwebte diese schwere, vielleicht gar nicht zu beantwortende Frage über dem Festival. Beim Online-Wettbewerb „Movie of My Life“ konnte jeder, der wollte, vom unbekannten Kinoliebhaber bis zu eingeladenen Stars oder Regisseuren, ein kleines Filmchen von anderthalb oder zwei Minuten Länge auf die Festival-Website stellen. Einzelne ausgewählte Beiträge wurden dann vor den Screenings des offiziellen Programms gezeigt. Am schlichtesten vielleicht das Video von Horrorfilm-Regisseur Dario Argento, der vor seiner DVD-Sammlung darüber redet, wie oft er einen ganz bestimmten Film schon gesehen habe. Langsam steigere sich die Spannung, bis es dann nach 35 Minuten zu diesem unheimlichen Schock komme, der dann noch einmal übertroffen werde. Das habe er nie vergessen können. Hitchcocks „Psycho“ ist gemeint.

          Das Filmfestival von Locarno feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Doch Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter von Locarno, wollte das Jubiläum nicht überbetonen. Kein wehmütiger Blick zurück. Stattdessen stellte er das Neue heraus, wie besagten Online-Wettbewerb oder die neu geschaffene Sektion „Signs of Life“, die experimentelle Erzählformen und innovative Ausdrucksweisen auslotet. Als Geburtstagsgeschenk gab es die drei neuen Kinosäle des PalaCinema, das ExRex wurde komplett renoviert und in GranRex umbenannt – der ideale Ort für die aufregende Jacques-Tourneur-Retrospektive.

          Der überzeichnete Niedergang des Mannes

          Sowohl im Internationalen Wettbewerb als auch bei den abendlichen Vorführungen auf der Piazza Grande vor 8000 Zuschauern präsentierten mehrere Regisseure ein extremes Männerkino, bei dem der männliche Körper zum Schauobjekt degradiert wurde oder als Waffe diente. Filme, di In „Ta peau si lisse“, im Wettbewerb gelaufen, verfolgt der frankokanadische Regisseur Denis Côté, in Locarno zuletzt 2010 mit „Curling“ vertreten, dokumentarisch den Alltag von sechs Bodybuildern, von der Qual im Fitnesscenter bis zur Aufregung vor dem Wettbewerb, von der Inszenierung von Posen bis zum strengen Einhalten von Diäten. Der Kult um den Körper, der Fetisch um die Muskeln, gerät zur alles verzehrenden Leidenschaft, bei der auch dem Flechten des Bartzopfes große Aufmerksamkeit gewidmet wird. Doch manche Anstrengung, etwa das stete Umwerfen eines übergroßen Lkw-Reifens, löst beim Zuschauer auch Beklemmung aus. Denn die Gladiatoren der Neuzeit lächeln nie, das sähe im schwarzen Vollbart einfach zu doof aus, sagt einer von ihnen. „Ta peau si lisse“ war darüber hinaus symptomatisch für einen anderen Trend im 18-teiligen Wettbewerb: Er war einer von fünf Dokumentarfilmen.

          Im Schweizer Wettbewerbsbeitrag „Goliath“, inszeniert von Dominik Locher, ist die Größe (genauer: das Groß-werden-Wollen) und das Scheitern des Mannes bereits im Filmtitel enthalten. Ein junger Angestellter muss hilflos mit ansehen, wie seine schwangere Freundin in der S-Bahn von Hooligans geschlagen wird. In der Angst, ihr als Mann nicht mehr genügen zu können, stürzt er sich in ein exzessives Krafttraining und spritzt sich Steroide. Doch damit leitet er eine Abwärtsspirale ein, bei der er alles – Arbeit, Freundin, Kind, gemeinsame Wohnung, sogar die Potenz – verliert. Ein wenig zu überzeichnet verfolgt Locher diesen Niedergang, am Ende gibt es keinen Hoffnungsschimmer. Hier ist der Mann vor allem unfähig, seine Gefühle auszudrücken. Er ist stark, jedenfalls körperlich, aber ohne Worte.

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