https://www.faz.net/-gqz-735v3

Filmfestival in San Sebastián : Schneewittchens Vater ist Torero

  • -Aktualisiert am

Sie warten nicht auf Diane Arbus, sondern spielen die Zwerge in „Blancanieves“, einer hinreißenden Märchenversion Bild: Festival

Ben Affleck bei der CIA? Penelope Cruz in Serbien? Beim 60. Internationalen Filmfestival in San Sebastián gab es noch ganz andere Überraschungen.

          4 Min.

          So gut hat in San Sebastián schon lange kein Filmfestival mehr angefangen: Keine Niete unter den ersten sechs Filmen, sondern eine anregende Mischung aus Hollywood-Mainstream und überraschendem europäischen Autorenkino. Gegen das Erste ist nichts einzuwenden, schließlich müssen auch Stars und Glamour an die Muschelbucht kommen, gleich am Anfang Richard Gere und Susan Sarandon, später Ben Affleck, John Travolta und Oliver Stone (die beiden Letzteren erhielten den Donostia-Preis für ihr Lebenswerk), und ganz am Schluss wird Dustin Hoffman erwartet, der außerhalb des Wettbwerbs sein Regiedebüt „Das Quartett“ vorstellen wird.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In den ersten Tagen war noch zauberhaftes Wetter, da stahl sich Catherine Deneuve durch den Hintereingang ins Hotel, um den Fotografen zu entgehen, wie Kenner es vorausgesehen hatten. Ganz anders Benicio del Toro, von dem das örtliche Blatt „El Diario Vasco“ berichtete, er habe in der bekanntesten Diskothek der Stadt Tequila aus der Flasche getrunken, John Travolta sei auch dabei gewesen. Nur wir haben wieder gefehlt.

          Leseprobe für einen fiktiven Film: Ben Affleck und Ensemble in „Argo“

          Ein Wort zum Mainstream. Ben Affleck hat mit „Argo“ keinen schlechten Film gedreht. Die Geschichte der sechs amerikanischen Botschaftsangestellten, die 1979 der Teheraner Geiselnahme entgingen und sich im Haus des kanadischen Botschafters versteckten, um dann durch einen filmreifen Trick (sie posierten als Crew eines Science-Fiction-Films on location in Iran) wieder freizukommen, hat eine kompakte Dramatisierung wie diese verdient. Nur die Hauptfigur ist fehlbesetzt; Ben Affleck als bärtiger CIA-Stratege hat die Ausstrahlung einer mittelgroßen Schlafzimmerkommode, und irgendwie glaubt man am Ende, die Leute hätten sich auch ohne ihn retten können, was erwiesenermaßen nicht stimmt.

          Ein schwarzweißes Schneewittchen

          Wer heute noch einen Stummfilm in Schwarzweiß dreht, gilt seit letztem Jahr als Nachäffer des Oscar-Gewinners „The Artist“, doch im Fall von „Blancanieves“, einer spanischen Schneewittchen-Geschichte von Pablo Berger, geht der Vorwurf daneben. Das Projekt ist acht Jahre alt und wurde erst jetzt fertig. Zählt man auf, was alles darinsteckt, klingt es grauenhaft, aber wir schwören: Das täuscht. Ein Grimmsches Märchen im Spanien der zwanziger Jahre; Papa ist ein berühmter Stierkämpfer, landet aber im Rollstuhl; Mutter stirbt simultan bei der Geburt der Tochter; böse Krankenschwester heiratet wehrlosen Papa und sperrt ihn weg, während Schneewittchen in einem Drecksloch hausen muss, bis es ausgesetzt wird und bei sieben authentischen Zwergen unterkommt, die mit einer Stierkampfshow über Land tingeln.

          Es gibt mindestens vier Gründe, warum die Sache zu einem hinreißenden Märchenfilm für alle Altersstufen wird. Eine dichte Handlung, grandiose Darstellerinnen (Sofía Oria und Macarena García als kleines und großes Schneewittchen sowie Maribel Verdú als Stiefmutter), die kristallklaren Bilder des Kameramanns Kiko de la Rica und ein wunderbarer Soundtrack von Alfonso Vilallonga. Droht Rührung, leuchtet gleich wieder wilde Komik. Die Statisten sind so gut ausgewählt, als wären sie alten Fotoporträts der Zweiten Spanischen Republik entsprungen, manches zahnlose Maul weist direkt auf Goya zurück. Wie ernst man das Ganze nehmen soll, wird nie klar, aber es geht zu Herzen: romantische Poesie aus dem Geist richtig verstandener Folklore.

          Ja, es gibt in der Geschichte auch einen Hahn, so wie es in „The Artist“ das Hündchen gibt, doch jeder weiß, wie wichtig Tiere im Stummfilm für den komödiantischen Anteil sind. Tiere brauchen nicht zu reden, um ihr Wesen auszudrücken. Dass der massige Stier, gegen den Schneewittchen am Ende kämpft, vom Publikum in der Arena begnadigt wird, darf als einziges Zugeständnis an das stierkampfkritische Spanien des dritten Jahrtausends gelten.

          Eine Widerstandskämpferin als Modell

          Manchmal macht einem schon der Titel eines Films weiche Beine, und das war der Fall bei „Der Künstler und das Modell“ des Routiniers Fernando Trueba. Nicht noch einmal „Die schöne Querulantin“, bitte, dachten wir; und keine üppig bebilderten Sentenzen über Kunst, Schönheit und Alter! Auf diesem Gebiet kann das Medium unerträglich sein. Nun, der Film handelt tatsächlich von alldem, aber in einer kleinen, präzise gezeichneten Welt. Trueba erzählt von einem französischen Dorf nahe der spanischen Grenze im Jahr 1943, in das es sowohl deutsche Soldaten als auch spanische Widerstandskämpfer verschlägt.

          Hier wohnt ein alter Bildhauer (Jean Rochefort), trinkt auf dem Dorfplatz seinen Schnaps und sieht Formen, die kein anderer sieht. Er sucht nach einem jungen Modell, um noch einmal eine große Skulptur zu schaffen. Claudia Cardinale spielt seine warmherzige Frau. Früher war sie selbst sein Modell, ein besseres hat er nie gefunden; jetzt führt sie ihm junge Mädchen zu, die passen könnten, und diesmal ist es eine junge spanische Widerstandskämpferin (Aida Folch), der la Cardinale gleich klarmacht, was von ihr erwartet wird: nackt vor dem Blick des Alten zu bestehen und ihm bei der Arbeit nicht im Weg zu sein.

          Truebas Film ist den Details hingegeben, aber nicht pedantisch, langsam, aber nicht träge. Er zeigt die kleinen Gesten des Respekts und der Liebe, die die Ehe der beiden Alten bestimmen, er enthüllt aber auch, wo sie nicht ausreichen. Der Krieg ist nur insofern ein Thema, als er vom Abschied handelt. Vor allem ist dieser entspannte, in Schwarzweiß gedrehte Film eine Meditation über Beharrlichkeit, das Prägende beiläufiger Begegnungen und den unausweichlichen Weg zum Tod.

          Kaum Trost, doch viel Humor

          Manche Festivalfilme sind verrückte Geschichten, die es vielleicht irgendwann auch ins deutsche Nachtprogramm schaffen. Einer davon könnte „El muerto y ser feliz“ (Der Tote und das Glücklichsein) sein, das Roadmovie des Spaniers Javier Rebollo, der vor drei Jahren einen Teil des Publikums mit einem mindestens ebenso schrägen Film verschreckt, uns andere aber selig gemacht hat. Diesmal: Das weite Argentinien. Ein ausgedienter alter Auftragskiller (José Sacristán) im vorletzten Stadium seiner Krebskrankheit. Mit einem Köfferchen voller Morphium begibt er sich auf die Reise, gabelt an einer Tankstelle eine fremde Frau auf, die es auch nicht so gut im Leben hatte (Roxana Blanco), und gemeinsam segeln die beiden durch diese anderthalb Stunden.

          Eine Stimme aus dem Off kommentiert, was wir sehen, greift vor oder schafft ironischen Abstand. Meistens gehen solche Tricks schief, weil man die Besserwisserei von draußen nicht erträgt, aber hier funktioniert es. Javier Rebollo, der einen abgründigen, eher unspanischen Witz hat, lässt seine Geschichte weit ausschwingen und macht nie den Eindruck, als müsste er uns über Tod und Einsamkeit hinwegtrösten. Beide sind noch da, wenn die Lichter wieder angehen.

          Einen Star müssen wir noch erwähnen, Penelope Cruz. Sie spielt in „Venuto al mondo“ (Zur Welt gekommen) von Sergio Castellitto eine Italienerin, die mit ihrem sechzehnjährigen Sohn nach Sarajevo reist, wo sie sechzehn Jahre und neun Monate zuvor während des Balkankriegs ... Na, Sie wissen schon, es waren schwierige Zeiten. Wir erfahren: Die Mutter ist nicht die Mutter, der Vater ist nicht der Vater, der Sohn ist nicht der Sohn.

          Das alles wäre chaotisch genug. Aber in einem Finale, das das Premierenpublikum unfreiwillig zu Lachanfällen hinriss, stapelt der Regisseur ein Serbien-Klischee auf das andere, bis sein Kriegsdrama implodiert. Gern hätten wir noch von Kurt Cobain erzählt, dessen Musik eine gewisse Rolle spielt, aber wie sagt es die andere schöne Frau neben Penelope Cruz in einem Satz, der den Saal zum Toben bringt? „Kurt Cobain ist tot.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Weizsäckers : Eine deutsche Familie

          Mit der Ermordung Fritz von Weizsäckers verliert eine der bekanntesten deutschen Familien einen weiteren Sohn. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde weithin geschätzt, auch über die Medizin hinaus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.