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Filmfestival in Odessa : Wir sehen uns beim Aufruhr zu

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Tragische Geschichte in Zeiten der „Säuberungen“

Und doch reagierte das Publikum danach überraschend positiv, um nicht zu sagen: demokratisch. Obwohl fast durchwegs zu vernehmen war, dass das „nicht mein Majdan“ war, konnte Loznitsa doch ausführlich darlegen, was für ihn wichtig war, konnte er sogar auf einem Privileg der Kunst vor der Politik bestehen. Dass dieser Abend nicht nur ohne Zwischenfälle verlief, sondern zu einem Testfall von Unterscheidungslogiken werden konnte, auf denen Demokratie nun einmal essentiell beruht, musste umso stärker ins Auge fallen, als zwei Tage davor ein ganz anderer Film in „Muzkomedii“ eine ganz andere Reaktion hervorgerufen hatte.

„The Guide“ („Povodyr“) von Oles Sanin ist ein Nationalepos reinsten Wassers, ein Film, in dem es um nichts anderes geht, als der Ukraine jene langen Traditionen zuzuschreiben, aus denen sie im neunzehnten Jahrhundert ihr erwachendes Nationalbewusstsein schöpfte. Der entscheidende historische Augenblick ist dabei der, an dem der sowjetische Kommunismus sich als der Feind der Ukraine erwies: die Jahre 1933/34, die in dem von vielen Menschen in der Ukraine als Völkermord begriffenen Holodomor mündeten. Der millionenfache Hungertod wird in „The Guide“ geschickt mit einer Episode der sowjetischen Kulturpolitik in Beziehung gesetzt, mit der Ermordung zahlreicher „Kobzaren“, also von Sängern, die mit ihrem Liedgut die nationalen Traditionen verbreiteten. Der „Führer“, von dem im Titel die Rede ist, ist ein blinder, alter Mann, der mit einem Knaben im Schlepptau durch das Land irrt (ein prächtiges Land, nebenbei), immer bedroht von der Geheimpolizei. Der Knabe ist – dies gibt dem Film eine nicht unwichtige Pointe – von Geburt Amerikaner, sein Vater war ein linker Idealist, dem die Sowjetunion ihren ersten Traktor verdankte. Er wurde trotz dieser Verdienste ein frühes Opfer der Säuberungen, und sein Sohn Peter versucht danach, sich auf eigene Faust nach Moskau durchzuschlagen. In dem Kobzar Ivan findet er einen väterlichen Begleiter, im Netzwerk der Kobzaren findet er Schutz.

Ein wichtige Erfahrung

Die emotionalen Konstellationen von „The Guide“ sind eins zu eins in die Gegenwart übertragbar. Die kommunistischen Schergen lassen sich problemlos mit russischen Nationalisten identifizieren, die keinen Sinn für die hier breit dargelegte ukrainische „Seele“ haben (passenderweise hat auch eine Bandura eine Seele), die für das Lied von den Kosaken taub sind und die den „Saporoger Sitsch“, einen ukrainischen Gründungsmythos, für ein Märchen halten. Vor allem aber verteilt „The Guide“ ganz eindeutig die Gewalt: Die Ukraine wird zu einem Land des Leidens.

Ob sich auf so einem Opfermythos ein praktikabler Patriotismus begründen lässt? Das Publikum beim Festival in Odessa dankte auf jeden Fall mit häufigem Szenenapplaus und war sichtlich ergriffen. Es wird wohl vor allem an einer Generation jüngerer Filmemacher liegen, diesem unverhohlen geschichtspolitischen Nationalkino ein differenzierteres Modell entgegenzusetzen. Etwa das Feld, das sich um Volodymyr Tykhy seit 2010 gebildet hat, der Kurzfilm-Anthologien wie „Goodbye Ukraine“ initiierte, in denen sich „Zornige Ukrainer“ artikulierten. Er gab in Odessa einen Workshop, in dem er darüber sprach, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse in Form von Horrorfilmen ausdrücken lassen. Die Jury des nationalen Wettbewerbs bewies schließlich auch Verstand und sah von einer Auszeichnung für „The Guide“ ab. Ausgezeichnet wurde „Crepuscule“, ein knapp einstündiger Dokumentarfilm von Valentyn Vasyanovych, in dem eindringlich zu sehen ist, wie wenig idyllisch das Leben auf dem Land in der Ukraine zumeist ist.

Wenn man die „Abenddämmerung“ von Vasyanovych als Metapher für das gesamte Festival nimmt, dann liegt man nicht verkehrt. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Stadt und das Land wieder so viel Gewissheit gewonnen haben, dass die Potemkin-Treppen wie in den Jahren davor als Freiluftkino dienen können. In diesem Jahr mochte niemand allzu große öffentliche Versammlungen riskieren, und die Schlusszeremonie fand wegen der Opfer von MH17 mit reduziertem Protokoll statt. Als Übung in heterogenen Erfahrungen aber war das Festival wohl ein Erfolg.

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