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Filmfestival in Marrakesch : Bevor das Kino stirbt, verbindet es Völker

  • -Aktualisiert am

Kann er ihr helfen? Szene aus „Sofia“, dem raffiniert konstruierte Regiedebüt von Meryem Benm’barek über eine unverheiratete zwanzigjährige Marokkanerin, die schwanger wird. Bild: Memento Films

Finale Diagnosen? Auf dem Filmfestival in Marrakesch beleuchtet die Regisseurin Meryem Benm’barek die Rolle der Frau in Marokko und befindet Martin Scorsese, dass das klassische Kino am Ende seines Weges angelangt ist.

          Kein Witz: Treffen sich zwei amerikanische Rucksacktouristen in einem Café in Marrakesch. Sagt der eine: „Ich bin vor allem wegen des Filmfestivals hier. Stell dir vor, das wird neuerdings von einem Deutschen geleitet!“ – „Aha“, meint der andere, „der soll den Arabern wohl Disziplin und Ordnung beibringen?“ Hier irrt der Backpacker: Der gebürtige Münsteraner Christoph Terhechte, der siebzehn Jahre lang für die Forum-Sektion der Berlinale verantwortlich war, wurde in Marrakesch als neuer künstlerischer Direktor engagiert, weil er ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber des marokkanischen Kinos ist. Schon 1999 hatte er für das Forum ein Programm mit Filmen aus Marokko zusammengestellt.

          Das internationale Filmfestival von Marrakesch, 2001 vom liberalen König Mohamed VI. initiiert, war im vergangenen Jahrzehnt auf ziemlich selbstherrliche Weise von einer französischen Firma durchgeführt worden. Nun sollte es sich wieder mehr dem einheimischen Publikum öffnen. „Das Festival darf kein Raumschiff sein, das in der Stadt landet, sondern muss seine Wurzeln in der Region haben“, so Terhechte. „Es bleibt ein internationales Festival, aber mit einem Schwerpunkt auf Marokko, dem Maghreb, der arabischen Welt und dem afrikanischen Kontinent.“

          Sämtliche Festivalveranstaltungen waren schon immer bei freiem Eintritt für jedermann zugänglich – das wusste nur bislang kaum jemand. Um das zu ändern, tourte Terhechte zehn Tage lang durch Hochschulen und andere Institutionen. Zudem rief er ein Kinderfilmprogramm ins Leben. Er holte sich die Genehmigung des Erziehungsministeriums, überzeugte Lehrer in öffentlichen Schulen und organisierte den Transport der Klassen in das Cinéma Colisée, den ältesten Filmpalast von Marrakesch. Ein voller Erfolg: Mehr als dreitausend Kinder kamen zu den Vorführungen; die meisten hatten noch nie zuvor eine Kinoleinwand gesehen.

          Mauern, von Männern errichtet

          Bis zu den siebziger Jahren gab es in Marokko eine äußerst lebendige Filmtheaterkultur, doch seitdem mussten immer mehr Lichtspielhäuser schließen, und heute existieren nur noch rund dreißig Kinos – eine erschreckende Zahl für ein Land mit mehr als 30 Millionen Einwohnern. Gut zwei Dutzend marokkanische Filme wurden im vergangenen Jahr produziert. Sieben von ihnen, allesamt sehenswert, liefen in der neu eingeführten Panorama-Reihe des Festivals. Sie zeigten ein Land im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.

          Herausragend: „Sofia“, das raffiniert konstruierte Regiedebüt von Meryem Benm’barek über eine unverheiratete zwanzigjährige Marokkanerin, die schwanger wird, weshalb ihr eine Gefängnisstrafe droht. Um ihr zu entgehen, erklärt sie sich bereit, einen Kerl zu heiraten, den sie so gut wie gar nicht kennt. Während die Männer im Film passive Schwätzer sind, die keine Verantwortung übernehmen wollen, versuchen die Frauen, Probleme zu lösen und die Gesellschaft voranzubringen. Doch dabei stoßen sie immer wieder auf Mauern, die von Männern errichtet wurden.

          Der mexikanische Regisseur Guillermo Del Toro nimmt am letzten Tag des 17. Marrakesch International Film Festival teil.

          Ein noch pessimistischeres Porträt seiner Heimat zeichnet Mohcine Besri in „Une urgence ordinaire“ („Ein ganz normaler Notfall“), dem einzigen marokkanischen Beitrag im internationalen Wettbewerb des Festivals, in dem ausschließlich erste oder zweite Regiearbeiten zugelassen sind. Der Mikrokosmos einer überfüllten Klinik wird bei Besri zum Abbild einer kranken Gesellschaft. Einer der Protagonisten stöhnt nach einem grotesk missglückten Selbstmordversuch: „Was für ein Land! Wenn du sterben willst, lassen sie dich nicht in Frieden gehen. Und wenn du leben willst ...“ Statt den Satz zu vollenden, deutet er auf das Chaos um ihn herum. Wir sehen verzweifelte Eltern, die ihr eigenes Kind verscherbeln, um eine Operation bezahlen zu können. Wir erleben ein System, in dem ohne Schmiergelder nichts läuft. Und wir hören, wie Leute nach einer erfolgreichen Bestechung sagen: „Ich wusste, Sie haben ein gutes Herz!“

          Andere Wettbewerbsbeiträge aus der arabischen Region schlagen in dieselbe Kerbe. So erfahren wir etwa in Ahmed Magdys surreal angehauchtem Drama „Die Giraffe“, das sich an das Tabuthema Abtreibung wagt: Auch in Ägypten ist Bestechung offenbar allgegenwärtig – und Sex außerhalb der Ehe eine Straftat. Der erschütterndste der vierzehn Wettbewerbsfilme wurde schließlich von der Jury um den amerikanischen Regisseur James Gray mit dem Hauptpreis des Festivals ausgezeichnet: Die iranischstämmige Österreicherin Sudabeh Mortezai erzählt in ihrem rauhen, akribisch recherchierten und mit Laien realisierten Menschenhandel-Drama „Joy“ von jungen nigerianischen Frauen, deren Traum von einem besseren Leben in Europa sich in einen Albtraum verwandelt. Sie werden verkauft und zur Prostitution auf dem Wiener Straßenstrich gezwungen – und geraten in einen perfiden Kreislauf aus Abhängigkeit und Ausbeutung, aus dem es kein Entrinnen gibt.

          Großartige Geschichten brauchen kein Visum

          Viele der in Marrakesch gezeigten Filme geben denjenigen eine Stimme, die sich sonst kaum Gehör verschaffen könnten: Menschen, die ums nackte Überleben oder um ein bisschen Würde kämpfen; Menschen, die Zuflucht suchen oder ein Stück vom Glück. Großartige Geschichten brauchen kein Visum, um Grenzen zu überschreiten und auf globale Resonanz zu stoßen.

          Um einen echten Austausch zwischen Zuschauern und Filmemachern zu ermöglichen, bot Terhechte nach vielen Filmvorführungen moderierte Fragerunden an, die das Publikum in Marrakesch zu leidenschaftlichen Diskussionen nutzte. Außerdem bestand er darauf, sämtliche Regisseure vor Filmbeginn persönlich vorzustellen, damit sie hinterher von interessierten Zuschauern angesprochen werden konnten. Das sei tatsächlich passiert, bestätigt die Berlinerin Eva Trobisch, die mit ihrem Regiedebüt „Alles ist gut“ im Wettbewerb vertreten war, für das ihre Hauptdarstellerin Aenne Schwarz den Preis als beste Schauspielerin gewann: „Manche Leute waren irritiert über das Ende unseres Films – aber auf eine gute Art!“

          Die amerikanische Schauspielerin Dakota Johnson nimmt am letzten Tag des 17. Marrakesch International Film Festival teil.

          Auch Robert De Niro, den das Festival mit einer Hommage ehrte, beschwor in seiner Dankesrede die völkerverbindende Kraft des Kinos: „Wir durchleiden gerade eine Periode des diabolischen Populismus, geprägt von Gier, Egozentrik und Fremdenhass. Die Filmkunst repräsentiert das Gegenteil: Sie überwindet Grenzen, feiert die Vielfalt und vereint uns in unserer Liebe zum Kino und unserer Humanität.“ Neben De Niro stellten sich unter anderen auch Martin Scorsese, Guillermo del Toro und Agnès Varda in Marrakesch für ein- bis zweistündige, zum Teil heillos überfüllte Publikumsgespräche zur Verfügung. Die Stars verschafften dem Festival, das von einer Stiftung unter der Schirmherrschaft des Königshauses geführt und von Sponsoren finanziert wird, die nötige mediale Aufmerksamkeit. Doch kein Gast erhielte für sein Erscheinen eine Gage, sagt Terhechte. Sie kämen alle nur, weil sie das Festival und den Ort liebten.

          Ein Höhepunkt war das Publikumsgespräch mit Scorsese, der meinte, das klassische Kino sei am Ende seines Weges angelangt. Er habe mehr als fünf Jahre lang vergeblich versucht, in Hollywood Geld für seinen neuen Film „The Irishman“ mit De Niro und Al Pacino in den Hauptrollen aufzutreiben: „Die Leute von Netflix waren die Einzigen, die das Risiko eingehen wollten. Sie haben mich gerettet.“ Ähnlich ging es del Toro mit seinem „Pinocchio“-Projekt, das ebenfalls von dem Streaming-Dienst finanziert wird. Nun hoffen die beiden Regisseure, dass ihre neuen Filme ebenso wie Alfonso Cuaróns „Roma“ vor der Online-Auswertung zumindest zeitweise auf der großen Leinwand zu sehen sein werden.

          Nachdem Netflix kürzlich die Rechte an dem nigerianischen Film „Lionheart“ erworben und großes Interesse am afrikanischen Markt signalisiert hat, bietet sich der Konzern auch als Alternative für arabische Filmemacher an, für die es laut Meryem Benm’barek fast unmöglich ist, ihre Projekte im eigenen Land zu finanzieren. Sollte die alte afrikanische Tradition des Geschichtenerzählens künftig etwa auf einer Streaming-Plattform fortgeführt werden? Jurymitglied Daniel Brühl verblüffte in Marrakesch mit einer weiteren Anregung: „Vielleicht ist das zu idealistisch gedacht, aber Netflix könnte doch, um Sympathiepunkte zu sammeln, weltweit Programmkinos vor der Schließung retten und dort Eigenproduktionen zeigen.“ Zu idealistisch? Ach was – es lebe der Idealismus!

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