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Filmfestival in Marrakesch : Bevor das Kino stirbt, verbindet es Völker

  • -Aktualisiert am

Andere Wettbewerbsbeiträge aus der arabischen Region schlagen in dieselbe Kerbe. So erfahren wir etwa in Ahmed Magdys surreal angehauchtem Drama „Die Giraffe“, das sich an das Tabuthema Abtreibung wagt: Auch in Ägypten ist Bestechung offenbar allgegenwärtig – und Sex außerhalb der Ehe eine Straftat. Der erschütterndste der vierzehn Wettbewerbsfilme wurde schließlich von der Jury um den amerikanischen Regisseur James Gray mit dem Hauptpreis des Festivals ausgezeichnet: Die iranischstämmige Österreicherin Sudabeh Mortezai erzählt in ihrem rauhen, akribisch recherchierten und mit Laien realisierten Menschenhandel-Drama „Joy“ von jungen nigerianischen Frauen, deren Traum von einem besseren Leben in Europa sich in einen Albtraum verwandelt. Sie werden verkauft und zur Prostitution auf dem Wiener Straßenstrich gezwungen – und geraten in einen perfiden Kreislauf aus Abhängigkeit und Ausbeutung, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Großartige Geschichten brauchen kein Visum

Viele der in Marrakesch gezeigten Filme geben denjenigen eine Stimme, die sich sonst kaum Gehör verschaffen könnten: Menschen, die ums nackte Überleben oder um ein bisschen Würde kämpfen; Menschen, die Zuflucht suchen oder ein Stück vom Glück. Großartige Geschichten brauchen kein Visum, um Grenzen zu überschreiten und auf globale Resonanz zu stoßen.

Um einen echten Austausch zwischen Zuschauern und Filmemachern zu ermöglichen, bot Terhechte nach vielen Filmvorführungen moderierte Fragerunden an, die das Publikum in Marrakesch zu leidenschaftlichen Diskussionen nutzte. Außerdem bestand er darauf, sämtliche Regisseure vor Filmbeginn persönlich vorzustellen, damit sie hinterher von interessierten Zuschauern angesprochen werden konnten. Das sei tatsächlich passiert, bestätigt die Berlinerin Eva Trobisch, die mit ihrem Regiedebüt „Alles ist gut“ im Wettbewerb vertreten war, für das ihre Hauptdarstellerin Aenne Schwarz den Preis als beste Schauspielerin gewann: „Manche Leute waren irritiert über das Ende unseres Films – aber auf eine gute Art!“

Die amerikanische Schauspielerin Dakota Johnson nimmt am letzten Tag des 17. Marrakesch International Film Festival teil.

Auch Robert De Niro, den das Festival mit einer Hommage ehrte, beschwor in seiner Dankesrede die völkerverbindende Kraft des Kinos: „Wir durchleiden gerade eine Periode des diabolischen Populismus, geprägt von Gier, Egozentrik und Fremdenhass. Die Filmkunst repräsentiert das Gegenteil: Sie überwindet Grenzen, feiert die Vielfalt und vereint uns in unserer Liebe zum Kino und unserer Humanität.“ Neben De Niro stellten sich unter anderen auch Martin Scorsese, Guillermo del Toro und Agnès Varda in Marrakesch für ein- bis zweistündige, zum Teil heillos überfüllte Publikumsgespräche zur Verfügung. Die Stars verschafften dem Festival, das von einer Stiftung unter der Schirmherrschaft des Königshauses geführt und von Sponsoren finanziert wird, die nötige mediale Aufmerksamkeit. Doch kein Gast erhielte für sein Erscheinen eine Gage, sagt Terhechte. Sie kämen alle nur, weil sie das Festival und den Ort liebten.

Ein Höhepunkt war das Publikumsgespräch mit Scorsese, der meinte, das klassische Kino sei am Ende seines Weges angelangt. Er habe mehr als fünf Jahre lang vergeblich versucht, in Hollywood Geld für seinen neuen Film „The Irishman“ mit De Niro und Al Pacino in den Hauptrollen aufzutreiben: „Die Leute von Netflix waren die Einzigen, die das Risiko eingehen wollten. Sie haben mich gerettet.“ Ähnlich ging es del Toro mit seinem „Pinocchio“-Projekt, das ebenfalls von dem Streaming-Dienst finanziert wird. Nun hoffen die beiden Regisseure, dass ihre neuen Filme ebenso wie Alfonso Cuaróns „Roma“ vor der Online-Auswertung zumindest zeitweise auf der großen Leinwand zu sehen sein werden.

Nachdem Netflix kürzlich die Rechte an dem nigerianischen Film „Lionheart“ erworben und großes Interesse am afrikanischen Markt signalisiert hat, bietet sich der Konzern auch als Alternative für arabische Filmemacher an, für die es laut Meryem Benm’barek fast unmöglich ist, ihre Projekte im eigenen Land zu finanzieren. Sollte die alte afrikanische Tradition des Geschichtenerzählens künftig etwa auf einer Streaming-Plattform fortgeführt werden? Jurymitglied Daniel Brühl verblüffte in Marrakesch mit einer weiteren Anregung: „Vielleicht ist das zu idealistisch gedacht, aber Netflix könnte doch, um Sympathiepunkte zu sammeln, weltweit Programmkinos vor der Schließung retten und dort Eigenproduktionen zeigen.“ Zu idealistisch? Ach was – es lebe der Idealismus!

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