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Filmfestival in Cannes : Schwarzweiß kann alles überstrahlen

„Cool“ kann man auch auf Kyrillisch buchstabieren: Mike (Roman bilyk) setzt in Kirill Serebrennikows „Leto“ kaum je die Sonnenbrille ab. Bild: Festival

Zwei Filmemacher, von denen einer nicht zum Festival nach Cannes fahren durfte, setzen einen ersten Tief- und einen frühen Höhepunkt: Kirill Serebrennikow und Asghar Farhadi.

          4 Min.

          Kirill Serebrennikow kam erwartungsgemäß nicht zur Premiere seines Films „Leto“. Ihm wird in Moskau seit letztem Jahr der Prozess gemacht, und er sitzt im Hausarrest. Aber seine Darsteller kamen, energiegeladen, und sie hatten nicht nur Buttons mit dem Gesicht ihres Regisseurs an ihre Abendgarderobe gesteckt, sondern auch ein riesiges Schild mit seinem Namen dabei, das sie am Ende der Freitreppe vor sich hielten und schwenkten und auch im Saal noch einmal hochhielten. Alle vermissten Serebrennikow, schauten immer wieder einmal zu dem leeren Sitz, der seinen Namen trug, und alle lachten und weinten über seinen Film, einen frühen Höhepunkt im Wettbewerbsprogramm. Lebendig, klug, mitreißend und melancholisch, aber ohne Pathos. Verspielt auch, unverschämt immer wieder und komisch. Eine Feier von Jugend und Musik, vom Sommer, von der Liebe, von Freiheit auch und Witz. Also ein immens politischer Film. „Leto“ – Sommer – überstrahlte alles bisher. Und das in Schwarzweiß.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht ganz in Schwarzweiß. Zum Verspielten dieses Films gehören Szenen wie aus einem Homemovie, die plötzlich farbig sind, eingerahmt von Songtexten, die gerade erst geschrieben werden, oder auch Playlists, von Songfolgen auf Plattencovern. Musicalartige Szenen in Bussen und Zügen gehören dazu. Dabei geht es vor allem um Rockmusik in Leningrad in den achtziger Jahren, um zwei Musiker mit ihren Bands. Einer davon ist Viktor Tsoi, der etwa so legendär und so schön wie Jim Morrison war, und hier von Teo Yoo gespielt wird. Er gründete die Band Kino und kam 1990 bei einen Autounfall ums Leben. Er war achtundzwanzig.

          Die Figuren wirken lässig und frei, worin der Witz liegt

          Es ist eine Zeit gewesen, in der eine Musikszene im Underground entstand, und Serebrennikow setzt neben der Musik eine Menge Phantasie ein, uns das nahezubringen. „Psycho Killer“ von den Talking Heads als Musicaleinlage im Zug, die einer Schlägerei folgt um die Frage, ob die Sex Pistols Musik des Feindes machen oder Arbeiter sind. Musical heißt hier: Männer, die durchs Abteil fliegen, Lichtkonturen um die Figuren, die aufscheinen und verglimmen, Animationen. Die jungen Musiker verehren Lou Reed, obwohl er arrogant sei, Iggy Pop, Billy Joel, David Bowie, Blondie, T. Rex, die Albencover ihrer Idole hängen in der Gemeinschaftswohnung in einem Gang, aber die Musik, die sie machen, die Songs, die sie schreiben, hören sich eigenwillig an. „Warum wollt ihr immer, dass meine Songs anders klingen“, fragt Viktor seine Mitspieler einmal, „spielt sie doch einfach so, wie sie sind.“

          „Leto“ spielt im Leningrad der Achtzigerjahre.

          Auch die Posen der beiden Stars in diesem Film, Viktor und Mike, der sein Mentor wird (Roman Bilyk), sind nicht ganz dieselben wie die ihrer westlichen Vorbilder, obwohl Mike kaum je seine Sonnenbrille absetzt. Lässig wirken sie alle, und frei, worin natürlich der ganze Witz liegt. Es lebt sich anders als Rockstar, wenn die Songtexte genehmigt werden müssen. Die einzigen Drogen Zigaretten und Alkohol sind. Wir haben damals nichts von dieser Musik mitbekommen, während umgekehrt alles, was hier gut war, auch dort Einfluss hatte. Eine Frau ist übrigens auch dabei, Natascha, gespielt von der selbstbewussten Irina Starschenbaum, sie denkt unabhängig und liebt beide Männer, aber sie macht keine Musik, sondern spült manchmal und badet das Kind. „Leto“ feiert diese Zeit, als mit der Musik von Kino auf privaten Partys, am Strand und unter Aufsicht auch im Leningrader Rock Club eine Bewegung entstand, in der Musik Freiheit wollte. Dass der Film außerhalb des staatlich geförderten Produktionssystems entstand, versteht sich von selbst, unabhängig und aus internationalen Quellen finanziert.

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