https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/filmfestival-cannes-filme-von-james-gray-und-jerzy-skolimowski-18045317.html

Filmfestival Cannes : Zu laut gedacht, zu kurz gesprungen

Großvater und Enkel: Anthony Hopkins und Michael Banks Repeta in „Armageddon Time“ Bild: Festival de Film Cannes 2022

James Gray und Jerzy Skolimowski sind alte Bekannte auf den Filmfestivals. Allerdings liegt ihr Karrierehöhepunkt schon eine Weile zurück. Daran werden auch ihre diesjährigen Wettbewerbsbeiträge nichts ändern.

          3 Min.

          Manche Geschichten werden niemals alt. Vor fast sechzig Jahren erzählte Robert Bresson in „Zum Beispiel Balthasar“ die Lebensgeschichte eines Esels, der nacheinander als Lasttier, Zugtier, Touristenspielzeug, Zirkusattraktion und Werkzeug einer Schmugglerbande missbraucht wird und am Ende bei einer Schießerei stirbt. Der Film zeige die ganze Welt in eineinhalb Stunden, erklärte Bressons jüngerer Kollege Jean-Luc Godard damals. Jetzt hat der polnische Regisseur Jerzy Skolimowski den Stoff ein zweites Mal verfilmt, und alles ist wieder da: das Mädchen, das den Esel wie einen Bruder liebt, die ländliche und kleinstädtische Umgebung, die Schlechtigkeit der Menschen und die Unschuld der Kreatur.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Trotzdem sieht alles ganz anders aus. Das liegt vor allem daran, dass Skolimowski die Bilder nicht für sich selbst sprechen lässt, sondern nahezu jede Szene mit Toneffekten, Kunstlicht und Kamera-Spielereien boostert, bis einem die Symbolik buchstäblich um die Ohren fliegt. Es ist, als traute er dem Esel nicht mehr zu, uns so wie in Bressons Filmklassiker zu rühren. Warum aber hat er „Eo“ (so der Titel des Films) dann überhaupt gedreht? Anscheinend ging es darum, ein ätzendes Porträt des heutigen Polen mit seinen Hooligans, Nerzfarmen, Lastwagenfahrern und Halsabschneidern zu zeichnen, aber selbst diese Strategie hält der Film keine neunzig Minuten durch. Im letzten Drittel springt die Geschichte nach Oberitalien, und kurz vor Schluss taucht plötzlich Isabelle Huppert auf, zerschmeißt Geschirr, klirrt mit Silberbesteck und verbreitet hinreißend schlechte Laune, aber zu diesem Zeitpunkt hat man „Eo“ längst aufgegeben.

          Geboosterte Symbolik: Szene aus Jerzy Skolimowskis „Eo“
          Geboosterte Symbolik: Szene aus Jerzy Skolimowskis „Eo“ : Bild: Festival de Film Cannes 2022

          Der künstlerische Höhepunkt von Skolimowskis Karriere liegt ziemlich genau vier Jahrzehnte zurück. Das war 1982, als er mit „Moonlighting“ (in dem der junge Jeremy Irons einen polnischen Schwarzarbeiter in London spielt) den Drehbuchpreis in Cannes gewann. Zwölf Jahre später bekam der Amerikaner James Gray für sein Regiedebüt „Little Odessa“ einen Silbernen Löwen in Venedig, und auch dieser Auszeichnung folgte wie bei Skolimowski keine weitere nennenswerte. Aber seit der Jahrtausendwende ist Gray mit jedem zweiten seiner Filme in Cannes gewesen, und 2009 war er Mitglied der Festivaljury. In diesem Jahr läuft sein neues Werk „Armageddon Time“ im Wettbewerb an der Croisette.

          Der Film ist die Geschichte einer Kindheit im New Yorker Stadtteil Queens Anfang der Achtzigerjahre, in jenem Herbst, als Ronald Reagan zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird. Der zwölfjährige Paul, Sohn einer jüdischen Immigrantenfamilie, besucht eine öffentliche Schule, sein bester Freund ist ein schwarzer Junge, und das Leben könnte herrlich sein, wenn sich die beiden bei ihren Streichen nicht immer so ungeschickt anstellen würden. Als sie beim Cannabisrauchen erwischt werden, muss Paul auf eine Privatschule wechseln, deren graue Eminenz und wichtigster Sponsor ein gewisser Fred C. Trump ist, der Vater des amerikanischen Expräsidenten Donald Trump.

          Es bleibt bei der Milieuschilderung

          Das könnte der Anlauf zu einem amerikanischen Gesellschaftspanorama sein, zumal dieser Teil der Story autobiographisch ist, aber der Film springt im entscheidenden Augenblick zu kurz, weil es Gray nicht gelingt, die Geschichte der beiden Jungen mit den Machtverhältnissen an der Kew-Forest School zu verknüpfen. So bleibt er in der liebevollen Milieuschilderung und einer allzu simplen Rassismuskritik stecken, und wenn nicht Anthony Hopkins als Pauls Großvater gelegentlich ein wenig schauspielerische Brillanz in die Bilder brächte, wäre er selbst als Familienporträt ein Fehlschlag. „Armageddon Time“ ist schön anzusehen (die Kamera führt der große Darius Khondji), aber erzählerisch liegt der Film keine Handbreit über einer Streamingserie zum Thema (die allerdings viermal so lange dauern würde). So macht man Netflix keine Konkurrenz.

          Jener Teil der Filmkultur, den man heute als Arthouse-Kino bezeichnet und der früher Autorenkino hieß, war einmal die Domäne der ästhetischen Rebellen, der Außenseiter und Unangepassten. Auch Jerzy Skolimowski und James Gray gehörten dazu, der eine, seit er für Andrzej Wajda und den jungen Polanski die Drehbücher schrieb, der andere mit seinen Geschichten aus der amerikanischen Vorstadt. Aber jede Rebellion wird irgendwann zur Konvention, jeder Aufstand trägt den Keim der Behäbigkeit in sich. Das sieht man gerade in Cannes, wo sich an manchen Tagen nicht die Altmeister, sondern die alten Bekannten im Wettbewerb um die Palme treffen.

          Weitere Themen

          Punk ohne Publikum

          „Schwarze Hefte“ : Punk ohne Publikum

          Vor acht Jahren sorgten Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ für einen Skandal. Peter Sloterdijk reduziert sie auf dem Literaturfestival Literaturm auf ihre komische Seite.

          Seligpreisung, Furcht und Segen

          Mark Andre bei der Musica Viva : Seligpreisung, Furcht und Segen

          Der Komponist Mark Andre verbindet persönliche Glaubenserfahrungen mit einer avancierten Ästhetik. Die Musica Viva in München stellt Werke für Kontrabass und Klarinette von ihm vor, die durch Kargheit zu höchster Intensität führen.

          Topmeldungen

          Rachenabstrich in einem Testzentrum des Roten Kreuzes in Frankfurt am Main

          Corona-Herbst : Die FDP hat Zeit, das Land nicht

          Viel spricht dafür, dass die Bundesregierung das Land ein weiteres Mal weitgehend unvorbereitet in den Corona-Herbst schickt. Jeder kann sehen, wer dafür die Verantwortung trägt.
          Betrügerisch und böse: Leonardo DiCaprios Filmfigur in „The Wolf of Wall Street“ basiert auf dem echten Börsenmakler Jordan Belfort.

          Geschlechtergerechtigkeit : Männer kosten ein Vermögen

          Wie Männer sich verhalten, ist für die Gesellschaft irre teuer. Ein Männerberater beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten typisch männlicher Verhaltensweisen auf über 63 Milliarden Euro im Jahr. Trotzdem sind Männer auch für etwas gut.

          Wertewandel in unsicherer Zeit : Was ist euch jetzt wichtig?

          Die großen Krisen hinterlassen Spuren und verändern Einstellungen. Wir haben Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen gefragt, worauf es ihnen heute ankommt – bei sich selbst und anderen.
          Der Schauspieler William Cohn

          William Cohn gestorben : Der Mann mit der unvergesslichen Stimme

          Er war die Stimme von Jan Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royal“ und im deutschen Fernsehen eine Kulturfigur. Jetzt ist der Schauspieler, Synchronsprecher und Autor William Cohn im Alter von 65 Jahren gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.