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Filmfestival Cannes : Die Welt geht unter, na und?

Weltende ohne Schrecken: Lars von Triers „Melancholia” Bild: dpa

Ungleiche Wettbewerber an der Croisette: Lars von Trier sorgt für Erregung nur auf der Pressekonferenz, Aki Kaurismäkis „Le Havre“ ist für Überraschungen gut und Jodie Fosters „The Beaver“ hat nicht nur mit Mel Gibson zu kämpfen.

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          Noch knapp drei Tage geht es weiter in Cannes, da kann man schon mal fragen, wie es mit Favoriten und Preisgerüchten aussieht. Da die Jury naturgemäß schweigt, sind der einzige Indikator neben dem Geraune im Foyer des Festivalpalasts die Kritikerlisten in den täglichen Bulletins. Die Franzosen haben ihre eigene Liste, ihr Favorit ist bisher Terrence Malicks „Tree of Life“, gefolgt von „The Artist“. Dieser Film ist auch bei der internationalen Kritikerjury eines englischen Magazins ganz vorn dabei, wird allerdings überrundet von „Le gamin au vélo“ der Brüder Dardenne, der aber, da die Dardennes bereits zwei Goldene Palmen gewonnen haben, wahrscheinlich chancenlos ist. Der Spitzenreiter hier ist Aki Kaurismäkis „Le Havre“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer von dem Finnen nichts Neues mehr erwartet hatte, sah sich getäuscht, obwohl „Le Havre“ ein typischer Kaurismäki ist: stilisiert bis zum fast völligen Stillstand, in blau und rot angemalten Sets gefilmt, die aussehen, als seien sie gerade aufgebaut worden – die Welt der kleinen Leute aus farbigen Bretterbuden. Eine Bar, eine Bäckerei, ein Lebensmittelladen, ein Wohnhaus, ein Krankenzimmer, der Hafen. In diesen Kulissen erzählt Kaurismäki mit äußerster Ökonomie die Geschichte eines Schuhputzers, dessen Frau im Krankenhaus liegt und der einen von der Einwanderungsbehörde gesuchten Jungen aus Gabon aufnimmt und für dessen Weiterfahrt zur Mutter nach London sorgt.

          Jean-Pierre Léaud hat einen kleinen Auftritt im Trenchcoat, mit Hut und Mobiltelefon, was ihn allein schon als Bösewicht ausweist, auch die anderen Darsteller sind feste Angestellte in Kaurismäkis Filmwelt, Kati Outinen, Eina Salo, der Franco-Rocker Little Bob; die Hauptrolle spielt André Wilms. Gesprochen wird französisch mit hartem Akzent, was die Stilisierung noch eine Windung weitertreibt. Die Liebe, die Kaurismäki zu seinen Figuren zeigt, überwältigte auch das Publikum, das vor Begeisterung tobte.

          Die Arroganz der Depressiven

          Wie wohl Lars von Triers „Melancholia“ bei ihm und in den Listen abschneidet? In der Ouvertüre zeigt uns von Trier zu Klängen aus Wagners „Tristan“ einen Schlossgarten am Meer, Pferde, die durch die Landschaft galoppieren, eine Braut, die ihr Kleid und mit ihm das Unterholz, das sich in ihm verfangen hat, hinter sich herzieht. Im All kündigt sich eine Planetenkollision an, die Erde wird zerbersten. Und von Trier zeigt uns, was unmittelbar zuvor geschieht – wie Charlotte Gainsbourg mit einem Kind auf dem Arm in den Rasen sinkt, ebenso wie ein Pferd. Alles extrem verlangsamt und von einer bissigen Schönheit, in der, jedenfalls was den Filmemacher angeht, kein Schrecken liegt. Die Welt endet, na und?

          Kirsten Dunst spielt hier, wie Charlotte Gainsbourg in „Antichrist“, von Triers Alter Ego, eine Depressive, die während ihrer prächtigen Hochzeit in diesem Schloss immer tiefer in ihre vernebelte, abgeschiedene Welt driftet. Wenn wir ihr zusehen, erleben wir die Arroganz der Depressiven allen anderen gegenüber: Alles wird verschwinden, was strengt ihr euch noch an? Die Aussagen des Regisseurs auf seiner Pressekonferenz waren wenig erhellend. Wieder einmal verkündete er, er sei ein Nazi, und bekräftigte seine Liebe zur deutschen Romantik, zu Raffael und so weiter. Aber „Melancholia“ verstört nicht, seine unterkühlte Schönheit lässt uns vollkommen kalt. Vielleicht auch, weil er anders als Malicks „Tree of Life“ keine Fragen stellt, nur einen inneren Zustand zeigt, in dem es kein Gegenüber gibt.

          Reanimation einer veralteten Technik

          Zwischen all den ernsten Tönen der letzten Tage war noch keine Gelegenheit, über „The Artist“ zu sprechen. Dabei gab hier etwas zu lachen. Michel Hazanavicius hat einen Stummfilm gedreht, der im Filmgeschäft spielt, also Filme im Film zu bieten hat, und von einem Stummfilmstar mit Cockerspaniel erzählt, dem die Herzen der Frauen und der Produzenten zufliegen. Bis zur Einführung des Tons. Da wird er, der zu stolz ist, um zu sprechen, was er bisher mit Mimik und Körpersprache gesagt hat, abserviert, von seinem Produzenten (John Goodman) wie von den Frauen – bis auf eine, die zu ihm steht, während sie zum Stern am neuen Tonfilmhimmel aufsteigt.

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