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Filmfestival Cannes : An den Rändern des Kinos

Ein Untergrund, der immens ist: Bahman Ghobadis „Niemand versteht was von Perserkatzen” Bild: Festival

Wahrscheinlich wird es das mieseste Jahr, das Hotels und Restaurants, Taxifahrer und Schönheitssalons in Cannes je erlebt haben. Das Filmfestival aber erlebte ein starkes Wochenende mit rockenden Iranern, schweigsamen Aboriginals, kriminellen Korsen und brutalen Filipino.

          Wahrscheinlich wird dies das mieseste Jahr, das Hotels und Restaurants, Taxifahrer und Schönheitssalons in Cannes je erlebt haben. Möglicherweise wird auch der Filmmarkt einbrechen, was bei zweitausend Marktteilnehmern weniger als in den letzten Jahren keine kühne Prophezeiung ist. Das Programm aber war, zumindest in der offiziellen Sektion, selten stärker. Bisher zumindest.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von den Rändern her zu denken ist im Kino immer eine gute Idee, gleich in den Untergrund zu gehen nur in bestimmten Fällen nötig. Zum Beispiel, wenn man in Iran einen Film über die weitverzweigte Undergroundgemeinschaft der Musikszene drehen will. Das hat der kurdisch-iranische Regisseur Bahman Ghobadi getan, dessen Filme bisher traurige, tragische Geschichten vom kurdischen Leben in den Grenz- und Kriegsregionen erzählten. Für „Niemand versteht was von Perserkatzen“, der mit einer handlichen Digitalkamera in siebzehn Tagen gedreht wurde, ist er jetzt nach Teheran gegangen und musste, obwohl dies ein Spielfilm ist, nicht viel erfinden. Die Geschichte hat reale Bezüge, aber Ghobadi musste viel unterwegs sein - in Ställen auf dem Land, über den Dächern der Stadt auf hochgelegenen Stockwerken halbfertiger Häuser, in Hinterhöfen, Kellern, hier und da auch einer Wohnung, überall dort, wo Musik gemacht wird, die den Tugendwächtern des Landes nicht gefällt, die ein bisschen westlich klingt und in den Texten über Dinge spricht, über die man in Iran nicht sprechen darf.

          In der Aboriginal-Siedlung

          Die junge Negar (Shaghaghi) und ihr Freund Ashkan (Koshanejad), der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, versuchen in wenigen Tagen eine Rockband auf die Beine zu stellen, ein Konzert in Teheran zu organisieren und sich Pässe und Visa für die Ausreise nach London zu beschaffen. Dabei hilft ihnen Nader (Hamed Behdad), der das komische Zentrum des Films ist, rasend schnell spricht und alles beschaffen kann, was verboten ist. Ghobadi filmt das teilweise wie eine rasante Fahndung nach passenden Bandmitgliedern, so dass wir Musik aller Richtungen von Heavy Metal bis World Music zu hören kriegen, teilweise inszeniert er es aber auch wie einen Clip mit gerissenen Stadtansichten, gekippten Bildern, rapide aufeinanderfolgenden Schnitten. In Iran wird das auf offizieller Seite keine Zustimmung finden, im Untergrund, der offenbar immens ist, schon. Und in Cannes, wo der Film die Reihe „Un Certain Regard“ eröffnete, war die Begeisterung groß.

          Szene aus „Samson und Delilah” von Warwick Thornton

          Vom anderen Ende der Welt kam in derselben Reihe „Samson and Delilah“ des Australiers Warwick Thornton. Er spielt in einer Aboriginal-Siedlung aus vier Häusern, zwei Autowracks und einer Telefonzelle in der südwestlichen australischen Wüste. Die Dialogliste des Films passt vermutlich auf eine Seite, was da in Blicken und Handlungen geschieht, braucht keine Worte, die Armut, die Gewalt teilen sich unmittelbar mit, auch die winzigen Zuwendungen. Samson (Rowan McNamara) nimmt morgens, aufgeweckt von drei Rockmusikern vor dem Fenster, erst mal einen tiefen Zug aus der Lackdose, Delilah (Marissa Gibson) hingegen kümmert sich am anderen Ende der Siedlung als Erstes um ihre sehr alte Großmutter, die neben ihr im Freien schläft.

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