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Filmfestival Abu Dhabi : Am Golf sind die Frauen die Helden

Abendstimmung in Abu Dhabi: Das „Emirates Palace Hotel” ist Hauptspielstätte des Filmfestivals Bild: LAIF

Das Emirat Abu Dhabi möchte sich als Standort eines Filmfestivals von internationalem Zuschnitt etablieren. Es fehlt weder an Gestaltungswillen noch an Geld - gute Voraussetzungen für einen künftigen Erfolg.

          Größe war zu erwarten. Die zweitgrößte Moschee der Welt mit den wahrscheinlich größten Leuchtern jenseits von Versailles und, wie ein indischer Zimmerkellner zufrieden bemerkte, eines der aufwendigsten Cricket-Stadien außerhalb des Commonwealth - das sind die beiden neuesten Attraktionen zwischen Flughafen und Zentrum. Auch auf große Namen musste man vorbereitet sein. Im Bau befinden sich auf einer der vielen Inseln der Hauptstadt der Vereinigten Emirate Jean Nouvels Dependance des Louvre, Frank Gehrys Guggenheim-Museum, Zaha Hadids Performing Arts Center und Tadao Andos Meeresmuseum, spektakuläre Bauten allesamt, die unter dem Namen Saadiyat Island einmal das kulturelle Zentrum der Emirate bilden sollen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Universitäten arbeiten mit der Sorbonne zusammen, um die Kuratoren für die neuen Museen auszubilden, mit dem MIT, das an der Planung der Ökostadt Masdar maßgeblich beteiligt ist, der New York University, an der Filmemacher ausgebildet werden. Die Büros der weltbesten Architekten entwerfen Hochhäuser von bizarrer Schönheit, und das Hotel Emirates Palace, in dem alles Gold ist, was glänzt, und jedes Glas ein Stück Kristall, hat sich selbst sieben Sterne gegeben, weil es so viel mehr zu bieten hat als die Fünf-Sterne-Herbergen der restlichen Welt. Geld spielt keine Rolle in Abu Dhabi, das weiß jedes Kind, und gekauft wird damit von allem das Beste. Ist es da ein Wunder, dass es auch ein Filmfestival gibt?

          Nach Geld und Größe kommt Erziehung

          Dieses Festival, das bis kürzlich Middle East International Film Festival hieß, hatte eingeladen, und ein wenig hochnäsig war man aus der alten Welt aufgebrochen in ein Land, das alles zu erwerben imstande und dessen Geschichte gerade mal 38 Jahre lang ist. Und fand sich wieder in einer Umgebung, in der nach dem Geld und der Größe vor allem eines zählt: Erziehung.

          Verschleiert und auch wieder nicht: Auf dem roten Teppich ist beides möglich. Hier die syrische Schauspielerin Sulaf Fawakherji (r.) mit ihrem Ehemann Wael Ramadan

          Und also: Zukunft. Die ersten Artikel in der „Gulf News“, die ins Auge sprangen, stellten Vollbeschäftigung in einer auf Wissen gründenden Wirtschaft in Aussicht, zählten die breitgefächerten Investitionen in erneuerbare Energien und den Flugzeugbau auf und verkündeten stolz, die Vereinigten Emirate seien in Bezug auf die Gleichstellung der Frauen weltweit auf den besten Platz Arabiens aufgestiegen. Das ist Platz 103 von 134.

          Nicht erwartbar war, wie grau und matt die Heimat von fern im Licht dieses ehrgeizigen Nach-vorn-Jagens erschien, wie versunken in einer Gegenwart, die sich anfühlt, als sei sie schon Vergangenheit, ohne Ausblick in die Zukunft.

          Pro Meinungsfreiheit und Emanzipation

          Das Filmfestival begann mit einem Statement: für Meinungsfreiheit und den freien Austausch von Ideen. Der Eröffnungsfilm war „Secretariat“ von Randall Wallace aus dem Hause Disney, in dem Diane Lane eine Hausfrau in mittleren Jahren spielt, die Haus, Mann und Kinder sich selbst überlässt, um nach dem Tod der Mutter die Pferdezucht ihres demenzkranken Vaters vor dem Bankrott zu retten und dabei mit Hilfe von John Malkovich als Pferdetrainer eines der berühmtesten Rennpferde aller Zeiten heranzieht.

          Davor aber wurde „Accordion“ gezeigt. Es ist der Kurzfilm des iranischen Regimekritikers Jafar Panahi, dessen Vorführung schon in Cannes, Venedig und New York ein Zeichen setzte: für den Regisseur, der monatelang in Haft saß und mit einem Hungerstreik während des Festivals in Cannes die Weltöffentlichkeit aufgeschreckt hatte. Die vollverschleierten Frauen und Männer in ihren langen weißen Kandouras, die einen Gutteil des Premierenpublikums ausmachten, in dem tiefe Ausschnitte, nackte Arme und Beine ansonsten keine Seltenheit waren, sahen also zum Auftakt nicht nur einen Film über eine Frau, die das Ruder in die Hand nimmt, während ihr Mann lernen muss, Rühreier zu braten, sondern auch das Werk eines aufgeklärten Muslimen, das Teil eines Projekts zur Unterstützung der Menschenrechte in aller Welt ist.

          Die Grenzen des Zeigbaren werden getestet

          Nachdem noch vor einem guten Jahr die Organisation Human Rights Watch die Bauherren von Saadiyat Island beschuldigt hatte, massiv gegen die Rechte der Arbeiter dort zu verstoßen, ihnen weniger zu zahlen als vereinbart und ihre Pässe einzubehalten, um eine vorzeitige Abreise zu verhindern, war das dann doch ein erstaunlich klares Zeichen. „Sie wollen wissen, was die Zensur macht?“, antwortete Festivaldirektor Peter Scarlet im Gespräch, indem er die Frage wiederholte. „Sie enttäuschen mich. Beim Festival wird nicht zensiert. Wir testen, wo die Grenzen des Zeigbaren liegen. Werner Herzogs ,Bad Lieutenant' zum Beispiel liegt außerhalb.“

          Peter Scarlet ist im vergangenen Jahr an den Golf gezogen. Als langjähriger Leiter des San Francisco Film Festivals, der Cinémathèque Français und Robert De Niros Tribeca Festival, ist er nicht nur ein erfahrener, sondern auch ein begeisterter Kenner des Weltkinos. Natürlich hat auch er eine Vision. Fürs Festival und davon, was von dort auf den Rest des Jahres überschwappen soll - er hat ein nagelneues Kino entdeckt, das nie in Betrieb genommen wurde. Das will er in ein Programmkino verwandeln, um die Emiratis mit der Vielfalt des Kinos jenseits von Hollywood und Bollywood, wie es in den Malls (natürlich zensiert und vor allem von Sexszenen befreit) präsent ist, bekannt zu machen.

          Auf der Museumsinsel sähe er gern ein Arabisches Filmarchiv, das seiner Meinung nach bei der Planung einfach vergessen wurde, und er will - mit dem vielen Geld im Rücken, das allein eine Preissumme von einer Million Dollar einschließt - das Festival zu einem Treffpunkt internationaler wie auch arabischer Filmemacher machen. Wobei die Filmemacher aus den Emiraten erst einmal eine heimische Filmkultur brauchen, an deren Aufbau Scarlet mit Unterstützung der Kulturbehörde ADACH arbeitet.

          „Das Kino ist eine Religion“

          Zu sehen gab es in diesem Jahr 172 Filme aus 43 Ländern, die in fünf verschiedenen Wettbewerben konkurrierten, Kurzfilme, abendfüllende Spielfilme, Dokumentationen, arabische Filme, Debüts, wie das so geht. Und obwohl niemand es sagte, gab es doch das eine große Thema, das mit dem Eröffnungsfilm (den das Publikum zum zweitbesten des Festivals wählte), wenn auch in Hollywoodmanier, gesetzt war - die Frauen. Frauen im Krieg, Frauen auf dem Feld, Mädchen vor der Zwangsheirat, politisch aktive Frauen, Mädchen in verbotener Verliebtheit, und schließlich auch noch Catherine Deneuve in François Ozons „Potiche“ als Unternehmergattin, die ihren Mann von seinem Platz fegt: ein ganzes Panorama von Lebens-, auch Leidensmöglichkeiten für Frauen, die sich hier von Kopf bis Fuß verhüllen und nicht zu erkennen geben, ob sie sich in irgendeiner Form gemeint fühlen.

          „Das Kino“, krächzte Gerard Depardieu, der als Gast gekommen war und in dem steten Klimaschock zwischen großer Hitze draußen und großer Kälte in den Innenräumen seine Stimme eingebüßt hatte, „das Kino ist eine Religion.“ Soweit wollen die Emiratis vielleicht doch nicht gehen. Aber ein irgendwann einmal über die Region hinaus bedeutendes Filmfestival und eine eigene Produktion, die sich international sehen lassen kann, das wollen sie schon. Misserfolg ist unwahrscheinlich, Größe auch hier unbedingt zu erwarten.

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