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Filmfestival Abu Dhabi : Am Golf sind die Frauen die Helden

Die Grenzen des Zeigbaren werden getestet

Nachdem noch vor einem guten Jahr die Organisation Human Rights Watch die Bauherren von Saadiyat Island beschuldigt hatte, massiv gegen die Rechte der Arbeiter dort zu verstoßen, ihnen weniger zu zahlen als vereinbart und ihre Pässe einzubehalten, um eine vorzeitige Abreise zu verhindern, war das dann doch ein erstaunlich klares Zeichen. „Sie wollen wissen, was die Zensur macht?“, antwortete Festivaldirektor Peter Scarlet im Gespräch, indem er die Frage wiederholte. „Sie enttäuschen mich. Beim Festival wird nicht zensiert. Wir testen, wo die Grenzen des Zeigbaren liegen. Werner Herzogs ,Bad Lieutenant' zum Beispiel liegt außerhalb.“

Peter Scarlet ist im vergangenen Jahr an den Golf gezogen. Als langjähriger Leiter des San Francisco Film Festivals, der Cinémathèque Français und Robert De Niros Tribeca Festival, ist er nicht nur ein erfahrener, sondern auch ein begeisterter Kenner des Weltkinos. Natürlich hat auch er eine Vision. Fürs Festival und davon, was von dort auf den Rest des Jahres überschwappen soll - er hat ein nagelneues Kino entdeckt, das nie in Betrieb genommen wurde. Das will er in ein Programmkino verwandeln, um die Emiratis mit der Vielfalt des Kinos jenseits von Hollywood und Bollywood, wie es in den Malls (natürlich zensiert und vor allem von Sexszenen befreit) präsent ist, bekannt zu machen.

Auf der Museumsinsel sähe er gern ein Arabisches Filmarchiv, das seiner Meinung nach bei der Planung einfach vergessen wurde, und er will - mit dem vielen Geld im Rücken, das allein eine Preissumme von einer Million Dollar einschließt - das Festival zu einem Treffpunkt internationaler wie auch arabischer Filmemacher machen. Wobei die Filmemacher aus den Emiraten erst einmal eine heimische Filmkultur brauchen, an deren Aufbau Scarlet mit Unterstützung der Kulturbehörde ADACH arbeitet.

„Das Kino ist eine Religion“

Zu sehen gab es in diesem Jahr 172 Filme aus 43 Ländern, die in fünf verschiedenen Wettbewerben konkurrierten, Kurzfilme, abendfüllende Spielfilme, Dokumentationen, arabische Filme, Debüts, wie das so geht. Und obwohl niemand es sagte, gab es doch das eine große Thema, das mit dem Eröffnungsfilm (den das Publikum zum zweitbesten des Festivals wählte), wenn auch in Hollywoodmanier, gesetzt war - die Frauen. Frauen im Krieg, Frauen auf dem Feld, Mädchen vor der Zwangsheirat, politisch aktive Frauen, Mädchen in verbotener Verliebtheit, und schließlich auch noch Catherine Deneuve in François Ozons „Potiche“ als Unternehmergattin, die ihren Mann von seinem Platz fegt: ein ganzes Panorama von Lebens-, auch Leidensmöglichkeiten für Frauen, die sich hier von Kopf bis Fuß verhüllen und nicht zu erkennen geben, ob sie sich in irgendeiner Form gemeint fühlen.

„Das Kino“, krächzte Gerard Depardieu, der als Gast gekommen war und in dem steten Klimaschock zwischen großer Hitze draußen und großer Kälte in den Innenräumen seine Stimme eingebüßt hatte, „das Kino ist eine Religion.“ Soweit wollen die Emiratis vielleicht doch nicht gehen. Aber ein irgendwann einmal über die Region hinaus bedeutendes Filmfestival und eine eigene Produktion, die sich international sehen lassen kann, das wollen sie schon. Misserfolg ist unwahrscheinlich, Größe auch hier unbedingt zu erwarten.

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