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Filmfest Mannheim-Heidelberg : Opas Kino guckt für mich

  • -Aktualisiert am

Szene aus „My Mexican Bretzel“ Bild: Viennale

Jenseits der Üblichkeiten des internationalen Festivalbetriebs ist noch Platz: Das Filmfest Mannheim-Heidelberg macht einen neuen Anfang mit interessanten Filmen wie „My Mexican Bretzel“ von Nuria Giménez.

          4 Min.

          Manchmal liegt ein ganzes Leben irgendwo in einem Schrank. Aufzeichnungen, Filmrollen, Dokumente, was sich so ansammelt im Lauf der Jahre. Nicht selten landen derlei Schätze auf einem Flohmarkt, ungesichtet und für immer aus dem Kontext gerissen. Manchmal werden sie aber auch von der richtigen Person entdeckt: zum Beispiel einer Künstlerin, die den Zeugnissen eine neue Dimension verleihen kann.

          So war das bei dem Film „My Mexican Bretzel“, der am vergangenen Wochenende beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg mit dem wichtigsten Preis ausgezeichnet wurde, mit dem International Newcomer Award. Nuria Giménez geht von der Hinterlassenschaft ihres Großvaters aus, eines gebürtigen Schweizers, der 2010 in Mexiko starb. Zahlreiche Filmaufnahmen aus den dreißig Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg zeugen vom Leben eines Paares, das es sich leisten kann, die Welt zu sehen: Léon und Vivian. Es sind großartig fotografierte (und nachbearbeitete) Bilder, weitgehend ohne Ton, denn die Geschichte dazu wird geschrieben – sie stammt von Vivian, sie behält ihre Eindrücke für sich.

          Den Familienschatz der alten Bilder aus der Privatheit geholt

          Es zeugt von der filmischen Intelligenz von Nuria Giménez, wie sie hier eine männliche und eine weibliche Perspektive zusammenführt und zugleich getrennt hält: Dem Mann gehört das Bild, der Frau gehört der Text, mitlaufend als Untertitel, als stiller Kommentar.

          Einmal läuft ein Tier durch das Bild. „Ich sehe es, Léon filmt es“, notiert Vivian und setzt damit sich selbst in die Position einer (literarischen) Unmittelbarkeit, während der Mann die Welt nur noch durch ein Medium zu sehen vermag. „My Mexican Bretzel“ intensiviert diese Spannung, denn es erweist sich, dass es noch einige weitere Brüche im Weltbezug gibt. Mehrfach ist von einem Guru namens Kharjappali die Rede, von dem die Suchmaschinen aber nichts wissen.

          Nuria Giménez hat die authentischen Filmdokumente – Found Footage ist der einschlägige Begriff, zu dem ein ganzes Genre gehört – ihres Großvaters mit einer fiktiven Geschichte versehen, sie hat also ihrer Großmutter ein alternatives, inneres Leben verschafft und damit den Familienschatz der alten Bilder aus der Privatheit in eine Öffentlichkeit geholt, die sich hier ein Bild von einer Ära machen kann.

          Es ist auch die Ära, aus der IFFMH stammt: das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg, gegründet 1952 am Beginn des deutschen Wirtschaftswunders, auch am Beginn der großen Zeit des europäischen Autorenfilms. Dieses Jahr machte das Festival unter der neuen Leitung um Sascha Keilholz einen neuen Anfang und geriet mitten in die aktuellen Beschränkungen des öffentlichen und kulturellen Lebens. Das ehrgeizige Programm, dem man deutlich ansieht, dass es sich an den Maßstäben von Cannes oder Locarno misst, musste online gehen. Für das Publikum jenseits der Region war das eine gute Nachricht, denn die Rechte gelten immer für das Bundesgebiet, man konnte sich also auch von weiter weg zuschalten.

          Aufmerksamer Blick nach Frankreich

          Die Titel der beiden wichtigsten Sektionen geben einen Hinweis auf das Selbstverständnis des Festivals: „Pushing the Boundaries“ und „On the Rise“. Junge Filmkunst, die etwas ausprobiert jenseits der Konventionen des internationalen Festivalbetriebs. So etwas ist gar nicht so leicht zu finden, denn längst hat das Weltkino alle Versuche, an die Grenzen des Erwartbaren zu gehen, mehrfach durchgespielt. Da braucht es dann bisweilen mehrfach gestapelte Meta-Ebenen, wie in dem Eröffnungsfilm aus Israel, „The Death of Cinema and my Father too“, um genuinen Emotionen auf die Spur zu kommen. Dani Rosenberg erzählt vom Abschied von einer Generation in Israel, deren Lebenssignatur die Paranoia war: das Gefühl einer unbesiegbaren Unsicherheit, die in den Raketen aus Iran, mit denen jederzeit zu rechnen ist, nur einen von vielen Anlässen für Panik findet.

          Vor diesem Hintergrund könnte man den französischen Abschlussfilm vielleicht für allzu harmlos halten, aber„À l’Abordage“ von Guillaume Brac ist eine Komödie mit so verhaltenem Witz, dass man irgendwann vor allem auf diese eigentümliche Balance zu achten beginnt, in der Brac alles hält: Ein junger Mann aus Paris überrascht eine junge Frau in der Provinz, mit der er einen kurzen Flirt hatte. Félix ist schwarz, Alma ist weiß, und auch sonst liegen Welten zwischen den beiden. Félix nimmt mit seinem Freund Chérif Quartier auf einem Campingplatz, und dann beginnt eine Dorfgeschichte, die Züge eines Sommertraums hat, durchschossen aber mit jeder Menge erlesener Peinlichkeiten. Der Titel des Films erklärt sich schließlich bei einem Canyoning-Abenteuer, bei dem kaum jemand eine gute Figur macht.

          „À l’Abordage“ wird irgendwann auf Arte im Fernsehen auftauchen, ansonsten aber war das IFFMH eine rare Gelegenheit, sich mit einem Filmemacher vertraut zu machen, der in Deutschland erst noch zu entdecken ist. Guillaume Brac ist für die Cinephilen vielleicht ein bisschen zu populär, im Vergleich mit den Blockbustern der französischen Komödie ist er zu subtil. Im deutschen Kino gibt es für die Register, in denen Brac arbeitet, wenig Sinn. Umso interessanter wird es sein, sein weiteres Schaffen zu verfolgen.

          Nach Frankreich schaut das IFFMH ohnehin sehr aufmerksam, das liegt auch aus geographischen Gründen nahe. Der heimliche Höhepunkt des diesjährigen Festivals war aber nicht nur deswegen die (für die Online-Version leider reduzierte) Retrospektive: „Le Deuxième Souffle – Die zweite Generation 1968–1983“ widmete sich einer Generation, die sich hinter den älteren Regiestars wie Truffaut nie so richtig in Szene zu setzen vermochte. Filmgeschichte wird zuerst als Mythologie geschrieben, erst danach setzt die Arbeit der Differenzierung ein.

          In Frankreich überstrahlt der Mythos der Nouvelle Vague jüngere Regisseurinnen wie Juliet Berto, die als Schauspielerin bekannt wurde und mit „Neige“ einen großen Film über den Montmartre gemacht hat. Oder Marie-Claude Treilhou, deren „Simone Barbès ou la vertu“ (1980) die vielleicht größte Entdeckung beim diesjährigen IFFMH war: zwei Platzanweiserinnen in einem Pornokino, eine Welt, in der das Schäbige auf eine ganz eigene Schönheit trifft, eine queere Durchkreuzung einsamer Männerträume.

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