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Filmfest Locarno : Da taucht die Kamera durchs milchige Blau

  • -Aktualisiert am

Übergänge zwischen Leben und Internet: Szene aus „Regra 34“, für den die brasilianische Regisseurin Júlia Murat den Goldenen Leoparden erhielt. Bild: Locarno Festival

Beim 75. Filmfestival in Locarno erhielt der Film „Regra 43“ der brasilianische Regisseurin Julia Murat den Hauptpreis. Eindrücke vom diesjährigen Filmfest.

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          Das Filmfest von Locarno feierte in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass hatte Giona A. Nazzaro, der künstlerische Leiter, mehrere seiner Vorgänger, von Frédéric Maire über Olivier Père bis Carlo Chatrian, und einige ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gebeten, vor sechstausend Zuschauern auf der Piazza Grande über den schönsten Moment ihrer Amtszeit zu berichten. Maire erzählte, dass nach einer Vorführung eine Band gespielt habe und getanzt wurde, jemand anders rief die House-Disco nach „Berlin Calling“ in Erinnerung, bei der Hauptdarsteller Paul Kalkbrenner 2008 nach der Vorführung Platten auflegte. Die Lust an der Bewegung triumphierte über die Lust am Sehen. Auch das macht die Faszination von Locarno aus.

          Nazarro ist ein Cineast, der das Genrekino liebt. Schon mit der Gewaltposse „Bullet Train“, die auf der Piazza Grande vor anderthalb Wochen das Festival eröffnete, setzte er einen Akzent, der sich durch mehrere Filme des Wettbewerbs zog. Erschreckendstes Beispiel war „Bowling Saturne“ von Patricia Mazuy. Ein Mann und eine Frau lernen sich auf einer Kegelbahn kennen. Sie gehen zu ihm, schnell kommt es zum Sex, der nach der ersten Leidenschaft immer ruppiger wird. Bis der Mann der Frau mit der Faust ins Gesicht schlägt, wieder und immer wieder, mehrere Minuten lang. Dann bricht er ihr mit der Nachttischlampe das Genick. „Wie kann man von Gewalt erzählen?“, fragt die Regisseurin im Katalogtext. „So nicht!“, möchte man ihr zurufen, denn die Brutalität der Szene legt sich wie ein Albdruck über den Film.

          „Stone Turtle“ erhält Auszeichnung

          Zu den übertriebenen Drehbucherfindungen zählt, dass der ermittelnde Polizist ausgerechnet der Halbbruder des Mörders ist. Vom Vater haben sie eine Kegelbahn geerbt, auf der sich immer noch die Freunde des Verstorbenen, Jäger allesamt, treffen. Die Jagd auf einen Frauenmörder wird mit der Jagd auf Wildtiere gleichgesetzt, und das ist – in dieser erzwungenen Parallelführung – ein verstiegener Kurzschluss. Dass der Film sich weder für die weiblichen Opfer noch für die Auflösung des Falles interessiert, macht es nicht besser.

          „Stone Turtle“ des malaysischen Regisseurs Ming Jin Woo beginnt ebenfalls mit einem Schock: Ein Mann lässt einen riesengroßen Stein auf den Kopf der vor ihm knienden Frau fallen. Eine Szene, deren Bedeutung sich nicht sofort erschließt. Denn es geht hier um etwas anderes, um eine Frau, die als staatenloser Flüchtling mit ihrer kleinen Tochter auf einer kleinen abgelegenen Insel in Malaysia lebt und sich mit dem Verkauf von Schildkröteneiern über Wasser hält. Die Begegnung mit einem Forscher, der angeblich die Folklore der Insel dokumentieren will, führt zu einem Spiel aus Täuschung und Doppelung, in dem plötzlich nichts mehr sicher scheint. Eine Ungewissheit, die perfekt mit der Schönheit der Landschaft und der Wildheit des Meeres korrespondiert. ­­„Stone Turtle“ erhielt dafür den Preis der Internationalen Filmkritik.

          Regisseurin Julia Múrat
          Regisseurin Julia Múrat : Bild: EPA

          Auch in dem Wettbewerbsbeitrag „Tengo sueños eléctricos“ der costaricanischen Regisseurin Valentina Maurel, der eigentlich die Folgen der Scheidung eines Ehepaares für dessen sechzehnjährige Tochter Eva verhandelt, schwingt Gewalt unterschwellig stets mit. Der Vater, eigentlich ein empfindsamer Schriftsteller, reagiert in seiner Wut über die Trennung mitunter so unbeherrscht, dass er Eva irritiert und verschreckt. Hass und Liebe, Anziehung und Abstoßung liegen hier nahe beieinander, die Gewalt des Vaters überträgt sich auf die Tochter, wenn sie ihre kleine Schwester erbarmungslos an den Haaren zieht. Doch am Schluss kommt es zu einem Blick der Versöhnung, der dem Film etwas Poetisches verleiht. Es ist einer der stärksten Beiträge im Wettbewerb. Valentina Maurel erhielt zu Recht den Leoparden für die beste Regie, Daniela Marin Navarro und Reinaldo Amien Gutiérrez wurden als beste Hauptdarstellerin und bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, ging an den Film „Regra 34“ der brasilianischen Regisseurin Júlia Murat. Die titelgebende „Regel 34“ formuliert die Maxime, dass es zu jedem Thema auch eine pornographische Behandlungsart gibt.

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