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Filmfest in Venedig : Da gähnen ja die Löwen

  • -Aktualisiert am

Je trostloser die Szenerie, desto glücklicher der Dokumentarfilmer: „Sacro Gra“, Gewinner des Goldenen Löwen Bild: Festival

Drang zum Rand: Das Filmfestival in Venedig geht mit der Vergabe der Preise zu Ende und belohnt ein Kino der langweiligen, trüben Standbilder.

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          Das nicht gerade berauschende Niveau des Wettbewerbs hat die Jury der Filmfestspiele mit der Preisvergabe noch einmal souverän unterboten. „Sacro Gra“, ein Dokumentarfilm über Menschen am römischen Autobahnring „Grande Raccordo Anulare“, errang den Goldenen Löwen für den besten Film. Gianfranco Rosi, 1964 in Eritrea geboren, ist weder ein Neuling noch ein Innovator noch bisher irgendwie sonst in Erscheinung getreten. Sein Meisterwerk schildert mit endlosen Standbildern und ohne jeglichen Autorenkommentar ereignislose Episoden aus dem Leben von Menschen, die irgendwie in der Nähe der römischen Stadtautobahn hausen. 

          Ein einsamer Rettungssanitäter, der gegen Geld mit Frauen chattet; ein beim Netzeflicken redseliger Aalfischer am Tiber; ein skurriler Pflanzenforscher, der mit Mikrophonen dem Raupenbefall in Palmen nachspürt; zwei in Armut vergreiste Prostituierte, die in ihrem Wohnmobil traurige Nichtigkeiten von sich geben; zwei arme Mädchen, die in einer Vorstadtbar Tabledancing ausprobieren - es gibt keinen Zusammenhang als das Rauschen der Autobahn, es ist alles sehr banal, sehr konventionell, keine Einstellung bleibt selbst bei dem haften, der die römische Peripherie einigermaßen kennt.

          Beobachtung von Pflanzen und Mauern

          Die Dokumentar-Ästethik einer geduldig beobachtenden Kamera hat sich beim Ethnofilm, vorzugsweise des französischen Pioniers Jean Rouch, bewährt, weil hier Rituale vorgestellt werden können. Beim Alltagsleben besteht jedoch, wie bei Rosis „Heiligem Gra“ die Gefahr, einfach nur voyeuristisch mehr oder weniger gescheiterte Existenzen durch das Draufhalten auszuforschen - und beim Publikum allenfalls peinliche Traurigkeit auszulösen.

          Filmfest in Venedig : Dokumentarfilm erhält Goldenen Löwen in Venedig

          Jury-Vorsitzender Bernardo Bertolucci, der selbst süffige, pralle Epochenpanoramen schaffen konnte, hat sich mit seinen Kollegen diesmal für das karge Kino gegen den Strom entschieden. Das erweist sich auch am Spezialpreis der Jury für den deutschen Langsamkeitsfilmer Philip Gröning, der mit „Die Frau des Polizisten“ nahezu drei Stunden für die ermüdende Darstellung binnenehelicher Gewalt benötigt. Auch Gröning verschmäht - wie Rosi - einen wie auch immer gearteten Plot und konzentriert sich stattdessen auf die sture Beobachtung von Pflanzen, Mauern, toten Tieren oder das Gebrabbel kleiner Kinder - allesamt eher sedierende Bestandteile der Kinoästhetik.

          Das Monster als pedantischer Familienorganisator

          Mit der 82jährigen Elena Cotta hat, weil sie in einem Erstlingsfilm der auch nicht gerade jungen Emma Dante auftritt, eine frische Hoffnung für den italienischen Film den Darstellerinnenpreis gewonnen. Im absurdistischen sizilianischen Straßendrama „Via Castellana Bandiera“ verkörpert Cotta eine dickköpfige Autofahrerin, die in einer engen Straße nicht ausweichen mag - tagelang.

          Beste Darstellerin: Elena Cotta
          Beste Darstellerin: Elena Cotta : Bild: AFP

          Cottas dem Straßentheater entlehnte Intensität erreicht mit viel minimalistischeren Mitteln auch Themis Panou, der die Trophäe als bester Darsteller bekam. „Miss Violence“ - Regisseur Alexandros Avranas nahm auch den Silbernen Löwen mit nach Hellas - ist optisch harter Tobak und schildert - nach wahrem Vorbild - den alptraumhaften Alltag in der Familie eines fritzlhaften Kindes- und Kindeskindes-Missbrauchers. Wie Phanou dieses Monster als pedantischen Familienorganisator und nach außen liebevollen Patriarchen gibt, der dann in abscheulichsten Gewaltexzessen zuschlägt, ist immerhin eine eindrucksvolle Schauspielerleistung.

          Nachgeschmack der Langeweile

          Ob die Jury am Lido freilich dem Kino als Massenkunst einen Gefallen getan hat, allesamt unzugängliche, den Publikumsgeschmack bewusst verachtende Werke zu prämieren? Immerhin gab es mit der beängstigenden Reportage „The unknown known“ von Errol Morris einen anderen, ernster zu nehmenden Dokumentar-Beitrag: Hier schildert ein mopsfideler Donald Rumsfeld seine kriegsverbrecherische Karriere ohne jede Reue, und es gibt Erschreckenderes zu lernen als in der Tristesse der römischen Peripherie.

          Zudem hätte es mit Stephen Frears’ „Philomena“ im Wettbewerb einen Kandidaten gegeben, der wenigstens eine Geschichte packend zu erzählen versteht und dem nichts vom Schlafmittelgeruch anderer Beiträge anhaftet. Judi Denchs Interpretation der irischen Krankenschwester, die nach einem halben Jahrhundert das Kind sucht, das ihr die katholischen Nonnen eines Mädchenheims brutal weggenommen haben, ist - wenn man eine bejahrte Künstlerin ehren wollte - von ganz anderem Kaliber als Elena Cottas  Mittelmeer-Oma. Mit diesen vermeintlichen Siegerfilmen bleibt vom wuseligen Auftrieb am Lido vor allem der Nachgeschmack der Langeweile.

          Die wichtigsten Preisträger von Venedig

          Goldener Löwe für den besten Film: „Sacro GRA“ von Gianfranco Rosi

          Silberner Löwe für die beste Regie: Alexandros Avranas für „Miss
          Violence“

          Spezieller Preis der Jury: „Die Frau des Polizisten“ von Philip
          Gröning

          Preis für den besten Schauspieler: Themis Panou („Miss Violence“
          von Alexandros Avranas)

          Preis für die beste Schauspielerin: Elena Cotta („Via Castellana
          Bandiera“ von Emma Dante)

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