https://www.faz.net/-gqz-8l6fh

Filmfestspiele in Venedig : Die Seele passt in kein Universum

Der rosafarbene Zweiteiler ist vom Präsidentenblut noch unbefleckt: Natalie Portman in Pablo Larrains „Jackie“. Bild: Filmfestival Venedig

Ein Film wie ein Gefängnis, einer, der sich mutig beschränkt, einer, der sein Publikum um den entscheidenden Moment bringt: Terrence Malick, Stéphane Brizé und Pablo Larrain zeigen ihre neuen Filme in Venedig.

          Irgendwann treffen diese Filme wieder zusammen. Dann kommen ein paar von ihnen mit fünfhundert Kopien ins Kino, manche mit fünfzig und viele nur mit fünf. Wieder andere werden nur auf Sonderveranstaltungen gezeigt, im Spätprogramm der Fernsehsender oder überhaupt nicht mehr. Der Filmmarkt ist keine Wiese, sondern ein Dschungel: Der Stärkste gewinnt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hier aber, auf dem Festival, blühen sie noch einmal einträchtig nebeneinander, die fetten Blumen aus Hollywood, die schlanken aus Westeuropa und Ostasien, die wilden und dornigen aus dem Rest der Welt. Das tägliche Programm holt sie alle ans Licht, es vergibt nur mehr oder weniger privilegierte Plätze unter den Scheinwerfern: die Vormittagsvorstellung im Nebengebäude für die kleinen Namen, die Abendgala und den roten Teppich für die großen. Terrence Malick hat für „Voyage of Time: Life’s Journey“ natürlich den besten Platz bekommen. Denn Malick ist ein großer Regisseur. Aber „Voyage of Time“ ist ein sehr kleiner Film.

          Ein Film als Gefängnis

          „Mother“: Es ist die Stimme von Cate Blanchett, die dieses Wort am Anfang ausspricht, und sie wird es noch zwanzig-, dreißigmal sagen, bis sich der Deckel über dem Brei aus dokumentarischen, fiktionalen, animierten und inszenierten Bildern, den Malick in diesem Film anrührt, wieder schließt. In „Voyage of Time“ will Malick nicht weniger, als die Entstehung des Universums und der Erde noch einmal zu erzählen, eben den „Weg des Lebens“ vom Einzeller zur Megalopolis, den der zweite Teil des Filmtitels verspricht. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: explodierende Sterne, Urfische, Amphibien, Dinosaurier, eine nackte Menschenhorde auf der Jagd nach Fleisch. Sie alle marschieren über die Leinwand, und dazu schlägt Cate Blanchett die Wortpauke: „Mutter. Geboren. Jetzt. Ich bin. Leben. Rastlos. Unbefriedigt. Durst. Licht. Dunkelheit. Was bin ich?“

          Ja, was ist dieser Film? Eine Reise, ein Trip, gar eine Geschichte ist „Voyage of Time“ nicht. Es ist eine Show: die Neunzigminutenversion einer dreiviertelstündigen „Experience“, die Malick für die Imax-Kinos dieser Welt gedreht hat. Durch Cate Blanchetts Monolog wird dieses Imax-Potpourri zur Predigt. Beim Predigen aber kommt es nicht darauf an, was ein Bild an sich zu sagen hat; es dient nur als Beweisstück für den Text. Entsprechend monumental sind die Naturaufnahmen, die Malick zusammengetragen, und entsprechend peinlich die Menschenszenen, die er angerichtet hat. In seinen Spielfilmen hat Malick an den Türen gerüttelt, die die Kinoerfahrung von Traum und Trance trennen. In „Voyage of Time“ sperrt er uns in einen Kasten voller Postkarten. Sein Film ist ein Gefängnis, auch wenn er vom Universum raunt.

          Geschichte einer Seele

          Stéphane Brizés „Une vie“ wird nie in einem Imax-Kino laufen, schon deshalb, weil das altmodische, heute fast nur noch im Fernsehen gebräuchliche Format dieses Films dafür zu klein ist. Brizé hat einen Roman von Maupassant verfilmt, die Geschichte einer normannischen Baronin, die einen Geizhals und Ehebrecher heiratet, mit ihm einen Sohn hat, dem sie ihre Liebe gibt, von diesem hemmungslos ausgenutzt wird, ihr Haus und ihr Vermögen verliert und als Greisin mit ihrem Enkel ein spätes Glück findet. Wer ein paar Zeilen von Maupassant gelesen hat, kennt den Ton: das Fieber der Worte, die Kälte des Blicks. Dieses Fieber hat Brizé in Bilder gefasst. Die Vorstellung, mit der Kamera Geschichten schreiben zu können wie mit einem Stift, ist eine alte Illusion der Nouvelle Vague. „Une vie“ verwirklicht sie.

          Weitere Themen

          Ein Spiel von Lust und Lügen

          Video-Filmkritik : Ein Spiel von Lust und Lügen

          In „Zwischen den Zeilen“ erzählt der französische Regisseur Olivier Assayas eine Geschichte aus der Verlagsbranche. Es geht um Digitalisierung, MeToo, die Zukunft des Buches – und darum, wie wir mit Veränderungen im Leben umgehen.

          Topmeldungen

          Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

          Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

          AKK zu Wahl in Görlitz : Schon wieder vertwittert

          Wieder sorgt die CDU-Vorsitzende mit einem Tweet für Ärger. Die Niederlage der AfD in Görlitz sei ein Zeichen für die Stärke der CDU, twittert AKK – und unterschlägt dabei, dass vor allem ein breites überparteiliches Bündnis den AfD-Sieg verhindert hat.

          FAZ Plus Artikel: Deutsche Migrationspolitik : Humanität und Härte

          In der Bevölkerung wächst die Einsicht, dass sich Politik und Gesellschaft darauf einstellen müssen, die Migrationspolitik als Daueraufgabe anzunehmen. Doch welche Lehren wurden aus der Flüchtlingskrise gezogen? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.