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Filme von Godard und Panahi : Eine Hoffnung für Mädchen wie Marziyeh

Sie zeigt sich und verschwindet: Marziyeh Rezaei verkörpert in Panahis „Drei Gesichter“ eine Figur, die heißt wie sie, Schauspielerin werden will und sich selbst filmt. Bild: EPA

Die Welt rückt wieder in den Blick: In Cannes sind Bilder vom Krieg und vom Verschwinden eines iranischen Mädchens zu sehen. Jean-Luc Godard und Jafar Panahi führen das Kino in die Gegenwart.

          Es gibt eine Welt dort draußen. Das vergisst man leicht auf einem Festival dieser Dimension. Was auch mit den Filmen zu tun hat, deren Welthaltigkeit in den ersten Tagen minimal war. Jedenfalls soweit es die Gegenwart betrifft. Aus der Vergangenheit kamen Gespenster zurück, des Kalten Krieges etwa in „Zimna Wojna“ von Pawel Pawlikowski, der über einen Mann und eine Frau zwischen Polen und Paris erzählt, die gleichzeitig die Geschichte einer Kontamination ist, nämlich der polnischen Folklore durch die Propaganda der Partei. Aber ungewöhnlich wie der Ausgangspunkt war – ein Paar reist in der unmittelbaren Nachkriegszeit über Land, um Lieder, Melodien und Volkstänze zu sammeln –, so weit entrückt schien es auch, je näher über einige Zeitsprünge und Grenzübertritte hinweg der Film an die Gegenwart heranrückte. Exil und Heimat in gefrorener Zeit, schwarzweiß – eine Stimmung, die sich in der Beziehung des Paars spiegelt, in einer Liebe ohne Zuneigung.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am Wochenende aber änderte sich etwas an dem Eindruck, die Welt draußen sei ausgesperrt. Dass etwas vorgeht jenseits des Kinos, das uns angeht: um uns das in Erinnerung zu rufen, musste in diesem Jahr – mal wieder? – Jean-Luc Godard kommen. Natürlich kam er nicht persönlich. Aber für seinen Film hat er die Einladung in den Wettbewerb angenommen, und das Festival ist längst daran gewöhnt, auf seine Anwesenheit zu verzichten, was sonst außer bei denen, die von ihren Regierungen am Reisen gehindert werden, wie in diesem Jahr Kirill Serebrennikow und Jafar Panahi, nicht akzeptiert wird.

          Auftritt des Künstlers: Produzent Fabrice Aragno hält sein Handy hoch, als Jean-Luc Godard sich per Video-Schalte zu seinem Film äußert.

          Aber Godard, der inzwischen siebenundachtzig ist, macht sowieso alles anders als die anderen – selbst anders als er selbst, denn er verzichtet inzwischen vollkommen auf Darsteller, die es 2010 in seinem „Film Socialisme“ und auch 2014 in „Adieu au langage“ noch gab, wenn es auch im letzten vor allem sein Hund war, der auftrat. Auch im jüngsten Werk „Le livre d’image“ ist er, wenn auch nur einmal kurz, zu sehen.

          Es beginnt und endet mit einem erhobenen Zeigefinger. Ein Bild. Mehr Hände, weil wir „mit den Händen denken“, wie uns die Stimme Godards erklärt, die wir den ganzen Film über hören werden, warnend, raunend, brüchig manchmal auf einer Tonspur, in der sich Geräusche, Explosionen, Sprachfetzen, Nachrichtenfragmente, Musik, Filmdialoge überlappen, wie es auch die Bilder tun, die dem riesigen Fundus all dessen entströmen, was Godard in seinem Leben gesehen, gelesen, gehört hat. Dazu gehören neben den Büchern eine Menge alte Filme, aus Hollywood vor allem, man könnte ein Ratespiel organisieren, wer was erkennt, „Vertigo“ und „Timbuktu“, „Salò“ und Buster Keatons „General“ zum Beispiel.

          Schluss- und Endbild in Jean-Luc Godards Film „Le livre d’image“

          Schnipsel, aus denen Godard jeden Kontrast zieht, bis sie sich auflösen wie die Filmrollen, an denen offenbar mit blutigen Fingern hantiert wurde und die wie die Bilder, von denen wir noch eine Ahnung bekommen, im Verschwinden begriffen sind. Kapitelüberschriften wie „Remake“ oder „Geist des Gesetzes“ fügen eher weitere Assoziationsmarker hinzu, als wirklich zu gliedern, und doch ist am Ende des Films etwas geschehen, was in anderen Vorführungen nicht häufig ist: unser Blick auf die Welt wurde geschärft, wenigstens für Augenblicke, in denen Zusammenhänge aufscheinen, Bilder und Töne sich verbinden zu klaren thematischen Linien. Züge sind immer wieder präsent, wie auch Bilder aus der arabischen Welt, Filmausschnitte auch hier, vermischt mit Nachrichtenbildern, Isis-Videos. Wir verstehen Arabien nicht, das hat Godard immer wieder gesagt, weil wir es nur als anders wahrnehmen, nicht für sich selbst, und immer wieder erinnert er uns daran wie an den Holocaust.

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