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Filme von Godard und Panahi : Eine Hoffnung für Mädchen wie Marziyeh

Godard wird hier immer gefeiert. Mit langem Applaus, als könnte er ihn hören in der Schweiz (was Godard schon zuzutrauen ist) und seine Mitarbeiter. Dabei sind die Nachrichten, denn um solche handelt es sich in gewisser Weise bei „Le livre d’image“, außerordentlich deprimierend. Krieg ist das Rinzige, was von der Zivilisation bleibt, heißt es einmal. „La guerre est ici“, er ist da und überall. Seit die Menschen „nicht mehr Faust, sondern alle nur noch König“ werden wollen, bleibt nichts als dies. Gewalt, Vernichtung. Bilder und Wörter, aus denen keine Sprache wird. Godard bringt uns zum Denken. Das ist seine Kunst. Nur das, würde er antworten, was im Verschwinden begriffen ist, wird Kunst.

Und er spielt mit

Der andere Abwesende des Wochenendes war Jafar Panahi. Die iranischen Behörden blieben stur und behielten seinen Pass. Aber sein Film war da, seine erwachsenen Kinder auch, seine Darstellerinnen, Behnaz Jafari und Marziyeh Rezaei, die im Film Figuren spielen, die genauso heißen. Auch Panahi selbst spielt mit und heißt auch so. Sein Film „Se Rokh“ – Drei Gesichter – ist in seiner Einfachheit in gewisser Weise das Gegenteil von einen Godard-Film, entwickelt aber einen Sog, der dem anderen nicht nachsteht. Ein junges Mädchen filmt sich selbst, klagt darüber, dass ihre Familie sie hindert, Schauspielerin zu werden, dass sie in einem Dorf auf dem Land einen Verlobten hat, dessen Familie Schauspielerinnen auch für gefallene Frauen hält, und dann erhängt sich das Mädchen und schickt das Video an Panahi. Damit er es weiterleite an Jafari, die erfahrene Fernsehschauspielerin, an die sich das Mädchen wendet. Wie kann das sein, was geht hier vor? Eine Tote schickt ein Handyvideo?

Der andere Abwesende: Schauspielerin Behnaz Jafari vertritt Jafar Panahi bei der Vorstellung des Films „Three Faces“.

Panahi und Jafari machen sich auf den Weg, das herauszukriegen. Was sie finden, ist ein Dorf im Grenzland zu Aserbaidschan, Aberglauben, Gastfreundschaft, alte Bräuche. Panahi bekommt ein Geschenk (eine Vorhaut in Salz von einer Beschneidung vor vielen Jahren), ein Zuchtbulle stürzt einen Berg hinunter, und Jafari muss Autogramme geben und erzählen, wie ihre Show im Fernsehen ausgeht.

Das Mädchen, das sie suchen, ist tatsächlich seit Tagen verschwunden. Frauen gelten nichts, wenn sie eigene Pläne machen, und es wird alles darangesetzt, sie zu vereiteln. Das ist für Marziyeh so, aber auch für eine alte Frau, die wir nur einmal von hinten sehen, wie sie im Feld sitzt und ein Bild malt. Das ist ganz am Ende, da ist Marziyeh längst wieder da, wird aber nicht bleiben. „Drei Gesichter“ – ein Roadmovie, eine Erkundung in ein Land patriarchaler Ordnung, die noch fast völlig intakt ist. Fast, weil es Frauen wie Jafari gibt, die in ihrer Arbeit zwar auch Zurücksetzung erfährt, aber für Mädchen wie Marziyeh noch eine Hoffnung verkörpert.

All dies entfaltet sich bei Panahi wie schon in seinen vergangenen Filmen – er hat vier gedreht, seit er vor acht Jahren Berufs- und Reiseverbot bekam – in einem natürlichen Tempo, mit Ruhepausen, plötzlicher Aufregung, einer Pointe, einem kurzen Streit, einer beiläufigen Versöhnung. Ein Gefühl von Solidarität mit den Frauen und ein Unbehagen, aber keine Herablassung gegenüber den Männern in dieser verlassenen Gegend durchziehen diesen Film, der den Schlusspunkt des Tags des Aufmarschs der Frauen vor dem Palais setzte.

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