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Filmdebüt : Zwischen den Kontinenten

Auf der Suche nach einer besseren Arbeit und Rosenkäufern: Fikret, einer der drei jungen „Men on the Bridge” Bild: Farbfilm Verleih

Menschen, denen der Alltag die Luft abschnürt: „Men on the Bridge“ ist der erste Kinofilm der in Berlin lebenden Regisseurin Asli Özge. Wie die Brücke über den Bosporus hält er die Schwebe zwischen Dokumentation und Fiktion.

          2 Min.

          Drei Männer in Istanbul, drei Männer, die täglich die Bosporus-Brücke überqueren - Umut, Ende zwanzig, als Fahrer eines Sammeltaxis; der siebzehnjährige Fikret zu Fuß, was streng verboten ist, als Blumenverkäufer; Murat, etwa Mitte zwanzig, als Streifenpolizist. Sie alle wollen etwas anderes vom Leben als das, was sie haben, die Grenzen ihres Alltags schnüren ihnen die Luft ab. Umut hat eine Frau, die ihn nicht liebt und der das Leben mit ihm zu ärmlich ist. Fikret sucht eine Arbeit in der Altstadt, hat aber nichts gelernt. Murat ist eigentlich ein Landei und versucht, im Internet eine Frau zu finden. Und alle bleiben, wo sie sind, außer Murat, der versetzt wird.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Man kann das alles metaphorisch deuten, wie es die Regisseurin Asli Özge möglicherweise auch gemeint hat. Aber bevor eine Brücke zur Metapher wird, ist sie ja erst einmal ganz handfest eine Verbindung zwischen zwei meist durch Wasser oder Abgründe voneinander getrennten Stücken Landes. Und es tut Özges vielfach ausgezeichnetem Film „Men on the Bridge“ gut, die Brücke über den Bosporus, deren Pfeiler in ein und derselben Stadt stehen und die dennoch zwei Kontinente miteinander verzahnt, als genau dies zu sehen: einen Ort, an dem Autos im Stau stehen, Blumenverkäufer versuchen, ihre oft gammelige Ware loszuwerden, Polizisten Fahrer beim Telefonieren am Steuer erwischen, Busfahrer schimpfen, Pendler schwitzen und Taxifahrer ihr Geld verdienen.

          Die Figuren haben Angst vor und um ihre Zukunft

          Die junge Regisseurin, die in Istanbul geboren wurde und dort Film studierte, lebt seit zehn Jahren in Berlin. „Men on the Bridge“ ist ihr erster Kinofilm, und die Sicherheit, mit der sie die Laiendarsteller führt, die sich selbst nach ihrem Drehbuch spielen, hält den Film in der Schwebe zwischen Dokumentation und Fiktion. Eine Weile fragt man sich, ob die drei Geschichten auf eine Pointe hinauslaufen, ob etwas geschehen wird - nach dem Muster von Alejandro González Iñárittus Filmen „Amores Perros“ und „Babel“ etwa -, das die Figuren zusammenführt. Aber der Gedanke verläuft sich sozusagen im Leben dieser Menschen, die einander nie begegnen, es sei denn, sie liefen oder führen auf der Brücke zufällig aneinander vorbei.

          Was den Film so besonders macht, ist die ruhige Art, mit der Asli Özge die Ereignisse beobachtet, ohne Dramatisierungen, mit Distanz, aber auch mit Anteilnahme. Es gibt eine Szene, in der Umuts Frau, die als Babysitterin Geld verdient, versucht, eine bessere Arbeit zu bekommen. Sie sitzt bei der Berufsberaterin, erzählt, dass sie gar nichts kann, erfährt, was sie lernen könnte, und dann geht sie wieder, ohne dass es komisch oder peinlich wirkte. Ein bisschen absurd, das schon, wenn sie zugibt, einen Computer gerade mal aus- und einschalten zu können, aber die Figur, die in ihrer ständigen Nörgelei eine der am wenigsten sympathischen sein könnte, genießt denselben Schutz der Regisseurin wie die Männer, um die es in erster Linie geht. Sie wirken verloren auf dieser Brücke und in ihren Leben, hilflos suchend.

          Wenn das Fernsehen die Nachricht eines Anschlags der PKK bringt, wenn der Nationalfeiertag mit Paraden und Fahnenschwenken gefeiert wird, dann bekommt der Alltag der Figuren auch politisch Kontur und die Angst vor und um ihre Zukunft eine konkrete Form. Istanbul 2010 - so hätte der Film auch heißen können.

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