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„Absolutely Fabulous“ : Gibt es Menschenwürde ohne Champagner?

Die Londoner Modewelt wird von sehr bunten Vögeln bewohnt: Barry Humphries nimmt ein unorthodoxes Bad. Bild: AP

Sie wollen Flügel, haben aber nur Füße, keinen Champagner und kein Benzin: Die Fernsehserie „Absolutely Fabulous“ als rasend komischer Kinofilm.

          Horror vacui. Edina Monsoon schaut in vierundsechzig Röhren. Kein einziges Fach des Weinschranks mit den extragroßen Wölbungen für den Champagner ist gefüllt. Zur Rede gestellt wird ihre Tochter, die ihr schon als Kind den Haushalt geführt hat: „Wo ist der Bollinger?“ Saffron, die sich gleich einer Klosterfrau in stellvertretender Askese ihr Leben lang auf die Lippen gebissen hat, bringt dieselben auseinander: „Mama! Wenn du etwas haben willst, musst du es bezahlen.“ Hat es Edina auf ihre dem Pensionsalter bedrohlich nahen Tage die Sprache verschlagen? Die PR-Agentin genießt den Ruf einer Madame Houdini der waghalsigen Ausflüchte. Doch diesmal setzt es keine böse Replik, wie sie Fans der Fernsehserie „Absolutely Fabulous“ aus dem permanenten Tiefschlagabtausch von Mutter und Tochter kennen. Edina rafft sich noch nicht einmal zu dem Vorwurf auf, Saffron habe wohl zu oft „The Unbelievable Truth“ auf BBC Radio 4 gehört.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Doch wenn Edina torkelt, wankt und fast schon kippt, ist Patsy Stone zur Stelle. Die treue Freundin richtet Edina zwar nicht wieder auf, dafür geht sie selbst nicht mehr gerade genug, aber sie verhindert den Absturz. So gleichen die beiden Überlebenskünstlerinnen Richard Serras Skulpturen aus aneinander gelehnten Stahlplatten, für die Bernard Andreae die Formel fand: Das Stürzende hält das Fallende.

          „Seit wann gibt es kein kostenloses Mittagessen?“

          In der Kulisse der Londoner Modewelt wollen Edina und Patsy der Zeit trotzen: Das ist die komische Prämisse von „Absolutely Fabulous“. Von der ersten Folge im Jahr 1992 an hatten die beiden raumgreifenden Gestalten etwas Monumentales, Formatsprengendes, und so haben sie es verdient, ihr Seelengemeinschaftsprojekt nun auf der Kinoleinwand auszustellen, in Gesellschaft unzähliger Prominenter. Einige dieser Statisten werden dem Zuschauer unbekannt sein, einige wirken vage vertraut, andere sind weltberühmt, aber alle sind alterslos, eins mit ihren Masken.

          Edina und Patsy hingegen müssen ihre Gesichter allmorgendlich erst umständlich in Form bringen. Mit einem Blick erfasst man, wie tief ihre Intimität reicht, wenn sie mit dem Gesichtsausdruck von „Remain“-Anhängern am Morgen nach dem Brexit-Votum nebeneinander vor dem Spiegel stehen und ihre geschminkten Wangen mit Spritzen traktieren. Edina beklagt sich über die mangelnde Wirkung von Stammzellen, Patsy empfiehlt Embryoblut – „und einen Spritzer Nachgeburt drüber!“ Dieser offensive Umgang mit künstlichen Kraftquellen lässt einsam Botox Spritzende lächerlich erscheinen. Solche überdosierten Momente der Überzeichnung verliehen der Serie Kultstatus. Der Kinofilm ist so vital, dass alle Spin-offs von „Sex and the City“ endgültig wie Fräulein Rottenmeier wirken.

          Als Gästelistenmanagerin einer Modezeitschrift weiß Patsy, was die dreisteste Lebenslüge des Kapitalismus ist: der Satz „Es gibt kein kostenloses Mittagessen.“ Flaschengeistesgegenwärtig rettet sie ihre aus allen Hosenanzugsnähten platzende Busenfreundin vor der Rechenhaftigkeit der Tochter, die ihre mutmaßlich ererbten Reize unter Cardigans verbirgt. Um das von der eisernen Lady mit Nickelbrille verkündete Austeritätsprogramm zu durchkreuzen, wonach jede Anschaffung bezahlt werden muss, genügen ihr zwei Wörter: „Seit wann?“

          Kein Champagner, kein Benzin und nur zwei Füße

          Kreditlinienkorrektur? Auch nur eine Sache der kosmetischen Chirurgie. Man muss das Kontrafaktische, Normative dieses Anspruchsdenkens würdigen. Denn keineswegs geht Patsy der Sinn für die Begrenztheit von Ressourcen ab. Nachdem die Bombe der Bollinger-Liefersperre geplatzt ist, greift sie sich die letzte Flasche, um den letzten Tropfen zu retten. Sie hängt sich unter den Flaschenhals wie der Ertrinkende auf einer Wüstenwitzzeichnung unter die Fata Morgana eines Wasserhahns. Und nachdem buchstäblich nichts mehr herauszuholen ist, leckt sie die Flasche ab. Im ständigen Wechsel von Selbstkontrolle und Kontrollverlust führt Joanna Lumley vor, dass auch die Ökonomie des Exzesses die Opferbereitschaft der Marktakteure voraussetzt: Der unbezahlbare Luxus ist die Menschenwürde.

          Jennifer Saunders, die Erfinderin der Serie und Darstellerin Edinas, hat ihr grandioses Ensemble wieder zusammengebracht, darunter Julia Sawalha als Saffron und Jane Horrocks als Edinas Assistentin Bubble. Tief unten in der reinen Seele von Bubble sitzt ein Stachel des Sarkasmus, den sie emporschießen lässt, wenn die Chefin es noch bunter treibt als ihr Idol Christian Lacroix. Nach dem Versiegen der Champagnerquelle fehlt Edina auch das Benzingeld für den Limousinenservice. „Ich sollte Flügel haben!“ Bubble mustert Edina fix: „Aber Gott hat Ihnen nur Füße gegeben.“

          Joanna Lumley als Patsy (links) und Jennifer Saunders als Eddy trinken zusammen gerne ein oder auch mehr Gläser. Sie stützen einander, aber wenn eine fällt, wankt die andere zu sehr, um ihr zu helfen.

          Tapfer setzt Edina einen vor den anderen, stoisch geht sie weiter, ihre Tochter könnte fast stolz auf sie sein. Ihr Ziel: das verglaste Eckbüro einer Hochhausetage. Wo wird Personen des öffentlichen Lebens, die jeden Kredit verloren haben, Geld ausgezahlt gegen ein bloßes Versprechen? Im Buchgewerbe. Edina Monsoon: Ein Leben aus dem Vollen. Das ungewöhnlich umfangreiche Exposé wird zunächst abgelehnt, weil Bubble beim Diktat von der dritten Seite an nur noch „Blablabla“ geschrieben hat. Wie Edina sich ihren Vorschuss doch noch verdient, erzählt dieser umwerfend lustige Film.

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