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Film über Flucht : Wenn wir das nicht schaffen, schafft es uns

  • -Aktualisiert am

Schau, da oben, im Wind, bläst die Antwort! Primus (Anders Baasmo Christiansen, links) und Zoran (Slimane Dazi) freuen sich für Bob Dylan. Bild: dpa

Menschen, die ihre Flucht nach Europa nicht befreit, sondern in die Enge getrieben hat, sind eigentlich nicht witzig. Die Komödie „Welcome to Norway“ findet dennoch die Komik in dieser Lage.

          3 Min.

          Die Sache mit dem N-Wort ist inzwischen auch im hohen Norden Norwegens hinreichend bekannt. Allerdings braucht Primus, ein Mann mit einer Liegenschaft in der Gegend, einen zusammenfassenden Begriff für die Menschen, die er demnächst erwartet. Und da liegt ihm nun einmal zuerst dieses abschätzige Wort auf der Zunge, mit dem früher Menschen aus dem Afrika unterhalb der Sahara bezeichnet wurden. Heute soll es sogar aus literarischen Werken gestrichen werden. Doch wie bekommt man es aus den Köpfen?

          Am besten mit einem Film wie „Welcome to Norway“. Der Titel ist ein wenig ironisch, denn von einer Willkommensgesellschaft kann nicht wirklich die Rede sein. Primus – blond, rotgesichtig, nicht der Hellsten einer, aber schließlich auch nur ein Mensch – möchte mit geflüchteten Menschen Geld verdienen. Er hat Räume, die sind zwar renovierungsbedürftig, aber sie schaffen immerhin so etwas wie ein Innen im Vergleich zum rauhen Draußen. Dass Räume auch abschließbar sein sollten, vor allem, wenn eine Frau drin schläft, das wird schnell zum Thema: „Hast du eine Tür?“ Nicht alle haben eine.

          Anfangs eher eine Spießersatire

          Primus muss lernen. Der Film zeigt seinen Lernprozess, und macht dabei deutlich, was Integration konkret bedeutet: Zu begreifen, dass es keinen zusammenfassenden Begriff gibt, schon gar keinen rassistischen. Das kann man dozieren, mit einer Komödie bringt man so etwas den Leuten aber viel besser und viel einprägsamer bei. Rune Denstad Langlo, der Regisseur von „Welcome to Norway“, ist dabei auf seine Weise durchaus Populist. Das fängt schon mit dem Helden Primus an. Er ist mit Anders Baasmo Christiansen hervorragend besetzt, sein Charisma kommt aber auch davon, dass er wirkt wie ein Mittelwert norwegischer Männlichkeit: Genau so wie ihn könnte man sich Otto Normalverbraucher in diesem reichen skandinavischen Land vorstellen.

          Kinotrailer : „Welcome to Norway“

          Ihm gegenüber sind alle anders, schließlich sogar er sich selbst. Primus wechselt die Seite. Der beste Moment des ganzen Films ist der, in dem er Streit mit seiner Frau hat und der ehelichen Wohnung verwiesen wird. Die lakonische Pointe, mit der Rune Denstad Langlo die Identifikationsfigur des Films zum Asylbewerber in seiner eigenen Notunterkunft macht, ist programmatisch, und „Welcome to Norway“ wechselt dann auch entsprechend die Tonlage. Was anfangs eher ein bisschen Spießersatire mit einem Schuss krimineller Energie war, wird nun in dem Maß melancholischer, in dem die Schutzbefohlenen von Primus aus dem Schatten treten, in dem sie Geschichte bekommen, und man mit ihnen konkret zu leben beginnt.

          Überforderte Weltgesellschaft

          Nun zeigt sich, dass Primus nur ein Mittler ist, zwischen Bürokraten, die auch in Norwegen nach Vorschrift handeln (müssen), und Individuen, die unter die Vorschriften nicht passen. Diesen Überschuss muss Primus, der dafür intellektuell nicht so gut, mit Intuition aber dann doch ausreichend ausgestattet ist, irgendwo hintun. Im Zuge dieses Umschlags, der ihn vom Egoisten und Betrüger zum konkreten Humanisten werden lässt, fällt auch ein Satz, der in der deutschen Untertitelung ausgesprochen resonant wird: „Wir schaffen das nicht.“ Das muss widerlegt werden, jedenfalls in den Teilen, in denen das plausibel sein kann, wenn eine Komödie sich nicht dumm stellen will. Es gibt also Lösungen, und zwar immer individuelle. Die „Rücksendegespräche“, zu denen die Behörde einen wie Primus verpflichtet, werden hinausgeschoben, und einmal wird daraus ein Weitersendegespräch, denn es gibt einen jungen Mann aus Kongo, dessen Trübsinn von der langen Flucht nur gewachsen ist. Dieser „illegale Asylant“ (was für ein Worthaufen, aber er bezeichnet doch etwas ganz Eindeutiges: ein Mensch, dem Anerkennung versagt blieb) hat schließlich nur die Chance, es eine Landesgrenze weiter zu versuchen. Der Blick, den Primus ihm hinterherschickt, reicht bis ins innerste Afrika mit allen seinen Herausforderungen für die Vorstellungskraft der überforderten Weltgesellschaft.

          Die bekannte Weisheit, dass Vorurteile am besten an Erfahrungen scheitern, ist die dramaturgische Leitlinie in „Welcome to Norway“. Rune Denstad Langlo navigiert seinen Film geschickt zwischen allen Fallen hindurch (vor allem der Sentimentalität), am Ende kommt dabei aber vermutlich doch eher ein Wohlfühlprodukt für ein Publikum heraus, das diese Lektionen eigentlich nicht braucht. Aber das ist eben Nutzen und Nachteil der Kultur: Sie muss immer irgendwo anfangen beim Vermitteln, und in der Flüchtlingsfrage stößt man häufig auf das Scheitern von Vermittlung. Dafür gibt es dann aber andere Formen als die einer gefälligen Komödie.

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