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Film „Verteidiger des Glaubens“ : Im Glauben an die triumphierende Kirche

  • -Aktualisiert am

Der damalige Papst Benedikt XVI. nach der Generalaudienz auf dem Petersplatz Bild: dpa

In einer anderen Welt hätte man ihn als Apparatschik bezeichnen können: Der Dokumentarfilm „Verteidiger des Glaubens“ durchleuchtet den deutschen Papst Benedikt XVI.

          3 Min.

          Eines der bedeutenden Zeugnisse für gewisse Tendenzen in der Geschichte der Menschheit ist die Congregatio pro doctrina fidei, auf Deutsch: die Glaubenskongregation im Vatikan. Was einst ein wandercharismatischer Endzeitprophet in einer kargen Gegend zwischen Nazareth und Jerusalem in die Welt gesetzt hatte, wurde im Lauf der Jahrhunderte zu einer Doktrin inmitten einer Bürokratie, die von sich immer noch behauptet, sie stehe für das Gottesreich auf Erden, in welcher Form von eschatologischer Akzentuierung auch immer. Die Tendenz, die sich in Apparaten wie der Kurie (von der die Glaubenskongregation ein Teil ist) zeigt, heißt Institutionalisierung. Eine Weltreligion kann theoretisch auch als loser, geistgewirkter Verbund bestehen, de facto wird sie sich dann aber schwertun, als solche wahrgenommen zu werden. Denn sie wird in jedem Winkel der Welt deutlich anders aussehen. So ist das zwar auch beim Christentum, aber wenigstens die Katholiken haben neben der bunten Vielfalt (und über ihr) immer noch Rom.

          Der deutsche Theologe Joseph Ratzinger lebte in der Congregatio pro doctrina fidei wie in einer festen Burg, in der bayerische Heimatidyllik neben autoritärer Globalisierung problemlos nebeneinander Platz hatten. In einem kritischen Moment, nämlich nach dem Tod des welthistorischen Papstes Johannes Paul II., entschieden sich die Kardinäle für „den Kardinal, der alle Kardinäle kannte“. So wurde aus Joseph Ratzinger aus Traunstein in Bayern ein Stellvertreter Christi auf Erden, der sich den lateinischen Namen Benedikt XVI. gab. Bei einer Antrittsrede sprach er von sich (auf Italienisch) als einem „einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ – er versetzte sich also zumindest rhetorisch zurück in die Schar der Jünger Jesu in einer anderen Welt, ließ aber gerade mit dieser Formulierung die Distanz umso deutlicher werden, die ihn tatsächlich davon trennte. Die roten Schuhe, die der Papst traditionell trägt, waren dazu auch noch ein auffälliges Detail.

          „Ungeheurer Abgang“

          Die Formulierung von dem gut vernetzten Kardinal fällt zwischendurch in dem Dokumentarfilm „Verteidiger des Glaubens“ von Christoph Röhl, der zugleich ein Porträt von Joseph Ratzinger und eine Bilanz seines Pontifikats anbietet. Als Papst wurde Ratzinger nicht zuletzt durch seinen „ungeheuren Abgang“ historisch, so nennt das der Theologe Hermann Häring, eine der Auskunftspersonen von Röhl. Niemand geht indiskret ins Detail über die Gründe, die Benedikt XVI. im engeren Sinn bewogen, sein Amt zurückzulegen, aber es wird auch so deutlich, dass es wohl eine Mischung aus Kränkung und Überforderung war. Für Ratzinger, der schon 1969 vor der Studentenbewegung aus Tübingen ins heimatliche Regensburg geflohen war, war die Kirche ein „Haus voll Glorie“, das auf die Welt schaut mit dem Vorbehalt, dass zumindest für die Gläubigen alles immer schon auf einen guten Ausgang hin angelegt ist. Für den „Augustinisten“ Ratzinger war Rom eine Provinz des Gottesstaats hinter den Dingen und Zeiten.

          Der irische Priester Tony Flannery bietet dagegen in Röhls Film eine irdischere Theologie an: „the glory of God is the human person fully alive“. Um das Menschsein zu einer vollen und freien Entfaltung kommen zu lassen, bedarf es aber geschützter Räume. Die Kirche musste in der jüngeren Vergangenheit zunehmend eingestehen, dass sie ein solcher Raum häufig nicht gewesen war, sondern dass sie im Gegenteil über Jahrzehnte ein sicherer Hafen für sexuellen Missbrauch und andere Formen von Korruption (im augustinischen wie im modernen Sinn des Wortes) war.

          Röhl bemüht sich bei diesem Thema um bestmögliche Repräsentanz der Opfer: Unter seinen Gesprächspartnern und Zeuginnen sind eine Frau, die der katholischen Organisation „Das Werk“ angehörte, sowie ein französischer Priester, der bei den Legionären Christi war, dem Apparat, in dem der Priester Marcial Maciel sein Unwesen trieb. Die Irin Marie Collins arbeitete, nach eigenen Opfererfahrungen, sogar in der päpstlichen Kinderschutzkommission, verließ diese aber 2017. Alle diese Stellungnahmen lassen nicht nur den Papst Benedikt XVI, sondern die gesamte katholische Kirche im 20. Jahrhundert in einem grellen Licht erscheinen.

          Und „Verteidiger des Glaubens“ bekommt eine Pointe, die deutlich darüber hinausgeht, ob Joseph Ratzinger als Papst den Herausforderungen an sein Amt gerecht wurde oder nicht. Er war, gerade auch als Theologe und mit seiner Arbeit in der Glaubenskongregation, einer von denen, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht wirklich umsetzen wollten, weil er sich von der „triumphierenden Kirche“ nicht lösen konnte, die er als theologisches Konstrukt wie wohl auch als bayerische Kindheitserinnerung in sich trug. In einer anderen Welt und in einer anderen Systemlogik hätte man ihn als Apparatschik bezeichnen können.

          Christoph Röhl geht es mit „Verteidiger des Glaubens“ also nur mittelbar um den Papst Benedikt XVI., sondern um die Institution, die ihn hervorgebracht hat. Er hat einen kirchenkritischen Film gemacht. Dass zu einer solchen Kritik womöglich sogar der Heilige Geist inspirieren könnte, ist eine der Unwägbarkeiten eines Glaubens, der in Fragen des konkreten Tuns über einen vernünftigen Humanismus nur dann hinausgehen sollte, wenn damit keine Anmaßungen und Übergriffe einhergehen.

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