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Film- und Theaterschauspieler : Michel Piccoli ist tot

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Michel Piccoli im Mai 2014 bei den Filmfestspielen von Cannes Bild: Picture-Alliance

Michel Piccoli spielte in seinen Filmen an der Seite von Catherine Deneuve und Romy Schneider. Jetzt ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.

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          Michel Piccoli sei am 12. Mai an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben, berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf einen Freund der Familie. Der gebürtige Pariser hat in mehr als 220 Filmen mitgewirkt, darunter in Klassikern wie „Tagebuch einer Kammerzofe“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Das große Fressen“.

          Piccoli galt als einer der ganz großen Charakterdarsteller Frankreichs. Im Lauf seiner Karriere drehte er weit über 200 Filme. Einer seiner größten kommerziellen Erfolge war Claude Sautets Liebesdrama "Max et les ferrailleurs" (1971; dt. "Das Mädchen und der Kommissar"). Häufig glänzte er mit doppelbödigen Figuren. So schrieb die F.A.Z. am 27.12.1985: "Wie kaum ein anderer Filmstar seiner Generation verkörpert Piccoli den Typ des unverwechselbar bourgeoisen, darin auch sehr französisch geprägten Verführers – aber nicht den draufgängerischen Charmeur oder strahlenden Don Juan, sondern weit eher den Mann mit Abgründen, hinter dessen erotischen Aktionen und Attraktionen fast stets auch ein vertracktes Netz gesellschaftlicher, machtpolitischer, finanzieller und familiärer Verstrickungen zu ahnen ist, das gleichwohl zur sozialen Fassade des französischen Bürgertums gehört."

          Ab 1948 trat Piccoli mit großem Erfolg an verschiedenen Pariser Bühnen auf. Zwei Jahre lang leitete er das kleine "Théâtre de Babylone". 1996 ging er mit Robert Wilsons Duras-Inszenierung "La maladie de la mort" erfolgreich auf Theater-Tournee. Ein grandioses Theatercomeback feierte Piccoli 2003 in der Rolle des Anton Tschechow in dem von Peter Brook inszenierten Stück "Ta main dans la mienne" am Theater "Bouffes du Nord" in Paris. "Jedes Zucken seines Gesichts, jede kleinste Handbewegung haben eine Aussagekraft, die zu seinem unvergänglichen Charme beitragen", schrieb „Der Standard“ (5.11.2003). 2006 brillierte der inzwischen über Achtzigjährige im Pariser Odéon-Theater unter André Engels Regie als König Lear und 2009 in der Titelrolle in Thomas Bernhards "Minetti" (Paris, Lausanne, Berlin und auf Theatertournee in ganz Frankreich, Regie ebenfalls André Engel).

          1963 mit Fritz Lang und Jack Palance in Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ Bilderstrecke

          Erst 1963 (nach bereits über 50 Nebenrollen) schaffte er mit der Hauptrolle in Jean-Luc Godards Drama "Le mépris" (dt. "Die Verachtung") an der Seite von Brigitte Bardot den großen Durchbruch im Kino. Von nun an boten ihm die führenden Regisseure Europas schwierige Charakterrollen an. Eine häufige Leinwandpartnerin war neben Catherine Deneuve die früh verstorbene Romy Schneider. Internationale Anerkennung sicherte sich Piccoli in erster Linie als Hauptdarsteller von Luis-Buñuel-Filmen wie den Dramen "Le journal d'une femme de chambre" (1964; dt. "Tagebuch einer Kammerzofe") und "Belle de jour" (1967; dt. "Schöne des Tages") oder der Komödie "Le charme discret de la bourgeoisie" (1972; dt. "Der diskrete Charme der Bourgeoisie"). Unter Jacques Demy drehte er das Liebesdrama "Les Demoiselles de Rochefort" (1967; dt. "Die Mädchen von Rochefort"), unter Alfred Hitchcock den Thriller "Topaz" (1969).

          Zum "Oberskandalschauspieler" beförderten Piccoli nach Meinung des „Tagesspiegel“ (27.12.2005) in den Jahren 1973 und 1974 drei Filme, die Komödie "Themroc", die Dramedy "La grande bouffe" (dt. "Das große Fressen") sowie die Horrorkomödie "Trio Infernal", in der er einen eiskalten Mörder spielte, der seine Opfer in Salzsäurebädern auflöst. 1980 erhielt Piccoli in Cannes die Goldene Palme für die Hauptrolle in Marco Bellocchios Drama "Salto nel vuoto" (dt. "Der Sprung ins Leere"). Nachdem er Anfang der neunziger Jahre bei zwei Kurzfilmen Regie geführt hatte, gab er 1997 sein von der Fachkritik hoch gelobtes Debüt als Spielfilmregisseur mit der Komödie "Alors voilà", in dem ein Vater um den Zusammenhalt seiner Familie kämpft. Seine weiteren Regiearbeiten waren allerdings nicht von allzu großem Erfolg gekrönt.

          Auch in späteren Jahren dachte der vielbeschäftigte Piccoli nicht ans Aufhören. So drehte er 2000 das Familiendrama "Tout va bien – on s'en va" unter der Regie von Claude Mouriéras, in dem er einen selbstsüchtigen alten Vater spielte. Für seine Rolle als alternder Theaterstar in der Dramedy "Je rentre à la maison" (2001) erhielt er eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis. 2007 wurde er beim Filmfestival Locarno sowohl mit einem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk ausgezeichnet als auch für seinen neuesten Film, Hiner Saleems Drama "Sous les toits de Paris", mit einem Darstellerpreis bedacht. Auch in Thomas De Thiers Drama "Le goût des myrtilles" über ein altes Ehepaar, das sich in eine Fantasiewelt voller Wünsche und Ängste flüchtet, war der große Charakterdarsteller 2014 noch einmal in einer Hauptrolle zu sehen.

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