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Rückblende: Der kleine Alexandre (Davan Collin) wird von einem Priester mit in die Sakristei genommen und dort belästigt. Bild: Pandora

Film über sexuellen Missbrauch : Wer will da noch Gott loben

Die Täter versuchten diesen Film zu stoppen, doch sie dürfen namentlich genannt werden: François Ozon beleuchtet in „Gelobt sei Gott“ den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche anhand eines Falles in Lyon.

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          Am zweitschlimmsten sind die Sätze, die in diesem Film fallen. Wenn der pädophile Priester Bernard Preynat, der bis in die frühen neunziger Jahre hinein etliche kleine Jungen sexuell missbraucht hat, seine Taten bei der Konfrontation mit einem mittlerweile erwachsenen Opfer so kommentiert: „Ich musste all die Jahre damit umgehen.“ Oder so: „Ich habe sehr gelitten darunter.“ Oder so: „Es waren andere Zeiten.“ Auf eine Entschuldigung wartet man vergebens. Dann fordert die anwesende Psychologin Täter und Opfer auf, sich an den Händen zu nehmen und mit ihr das Vaterunser zu beten. Es ist fürchterlich. Am schlimmsten jedoch ist es zu wissen, dass François Ozon als Regisseur und Drehbuchautor weite Teile der Dialoge und Briefe in „Gelobt sei Gott“ aus Originaldokumenten übernommen hat. Da fällt es beim Zuschauen schwer, nicht permanent mit den Zähnen zu knirschen.

          Der Fall Preynat ist echt, auch wenn die Opfer verfremdet sind. Sogar die echten Namen des Priesters, der Psychologin Régine Maire und des zuständigen Kardinals Philippe Barbarin, der die Vorfälle nicht meldete und den Priester nicht von Kindern fernhielt, übernahm Ozon. Die Versuche der Geistlichen, das vor der Veröffentlichung in Frankreich zu unterbinden, scheiterten vor Gericht; die Kunstfreiheit siegte. Die Frage, was mit der Verwendung der echten Namen gewonnen sei, ist so legitim wie schnell zu beantworten: Es lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass die Mühlen von Kirche und Justiz derart langsam mahlen, dass ihre Bewegung mit bloßem Auge manchmal kaum erkennbar ist. Beide Männer mussten sich erst 2019 für ihre Taten verantworten. Barbarin wurde zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt, ging aber in Berufung, über seine Strafe ist noch nicht abschließend entschieden. Preynats Verhandlung steht noch aus. Im Juli wurde er von einem Kirchengericht aus dem Klerikerstand entlassen – eine höhere Strafe für Priester sieht das Kirchenrecht nicht vor.

          Scheinheilige Ignoranz

          „Gelobt sei Gott“, Gewinner des Silbernen Bären der Berlinale, legt also einen bestimmten Fall unters Mikroskop. Aber er macht jederzeit klar, dass dieser nur Teil einer weltumspannenden und seit Ewigkeiten andauernden Tragödie ist. Die Erzählung folgt auch nicht nur einem Opfer: Alles beginnt in Lyon bei dem fünffachen Vater Alexandre (Melvil Poupaud), der seltsam schematisch bleibt und als Figur kaum tiefer charakterisiert wird als der Protagonist einer Warentest-Doku im Fernsehen. Er ist derjenige, der erfährt, dass Preynat noch immer eine Gemeinde und Kinder betreut, und beschließt, etwas zu unternehmen. Alexandre wendet sich an Kardinal Barbarin (François Marthouret), der ihn mit frommen Worten vertröstet und zu der Psychologin schickt, die bei der Kirche angestellt ist und das Treffen mit Preynat initiiert. Einen besseren Rat als Beten und Vergeben hat sie allerdings nicht. Alexandre scheint auf Verständnis zu stoßen, aber das täuscht: Es ist scheinheilige Ignoranz, mit der er es zu tun bekommt.

          Als Alexandre den Priester bald darauf anzeigt, ist sein Fall verjährt. Andere sind es nicht. Der Fokus verschiebt sich auf das nächste Opfer, dann auf das übernächste, immer mehr tauchen auf, die Preynat (hervorragend dargestellt von Bernard Verley) missbraucht hat. Die Rückblenden zu den Übergriffen im Fotostudio und im Pfadfinderlager sparen das meiste aus und sind doch unglaublich beklemmend – ebenso wie die laschen Reaktionen der Kirchenfunktionäre und einiger Eltern, die sich vehement dafür aussprechen, „diese alten Geschichten“ nicht aufzuwühlen, weil das ihre Bridge-Freunde verärgern könnte.

          Dass der echte Preynat auch nach etlichen Hinweisen auf Übergriffe weiter in einer Gemeinde Kinder betreuen durfte, obwohl mehreren entsetzten Eltern das Gegenteil versprochen worden war, ist schockierend, aber nicht ungewöhnlich. Es zeigt, wie bequem die Verantwortungs- und Gewissenlosigkeit der Kirche für die Täter war, die unter dem Deckmantel der moralischen Integrität ihre Schutzbefohlenen missbrauchten. Erst seit 2018 gibt es eine Meldepflicht für Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche – zuvor konnten die Diözesen selbst entscheiden, ob sie sich in einem solchen Fall an Rom wenden, selbst Konsequenzen ziehen oder gar nichts tun.

          Kardinal Barbarin brachte zu seiner Verteidigung vor Gericht vor, da Alexandres Fall schon so alt gewesen sei, habe er nicht gesehen, warum er ihn hätte melden sollen. „Grâce à Dieu“ sei er verjährt gewesen, sagte er 2016 wörtlich – daher der Filmtitel. 2018 verabschiedete Frankreich unter dem Eindruck solcher vieldiskutierter Fälle ein neues Gesetzespaket zu sexuellen Übergriffen, in dem auch die Nichtanzeige strafbar gemacht wurde, ohne zeitliche Begrenzung. Die Verjährungsfrist für die Anzeige von sexuellem Missbrauch wurde verlängert: Künftig haben Opfer von Erreichen der Volljährigkeit an dreißig Jahre Zeit.

          Für die Männer, die als Kinder mit Preynat ins Pfadfinderlager fuhren, kam beides zu spät. „Gelobt sei Gott“ zeigt, wie Kardinal Barbarin vermeintlich tröstende Briefe in blumig-sakraler Sprache schreibt, in denen die Verantwortung für Vergebung und Verarbeitung allein den Opfern aufgebürdet wird, wofür er ihnen Gottes Beistand wünscht. Der Zynismus ist erstickend. Und trotzdem findet Ozon, der mit diesem Film große Feinfühligkeit beweist, auch noch eine ausgewogene Haltung zur Religion. „Es geht nicht um Glauben, es geht um Moral“, sagt eines der Opfer. Alexandre ist noch gläubiger Katholik, einige andere wollen austreten, was in Frankreich äußerst unüblich ist, weil es ohnehin keine Kirchensteuer und damit keine Erfassung der Religionszugehörigkeit gibt. Und so bleibt am Ende eine Frage offen: Bekämpft man ein korrumpiertes System besser von innen oder von außen?

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