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Filmfest Diagonale in Graz : Das Gedächtnis aufwecken

  • -Aktualisiert am

Wer Geschichte als Strafgericht zeigen will, muss schwierige Haltungen einnehmen: Der Film „Murer - Anatomie eines Prozesses“ riskiert viel. Bild: Prisma Film

Das Grazer Filmfestival Diagonale beginnt seine Auslotung filmischer Erinnerungspolitik mit einem Beitrag über einen Kriegsverbrecher aus der Steiermark: „Murer – Anatomie eines Prozesses“.

          Die Stadt Graz im Südosten Österreichs hat, neben einer gewissen Italianità im Alltag, vor allem zwei politische Charakteristika: Hier gibt es noch eine relativ starke Kommunistische Partei, was wiederum damit zu haben könnte, dass das Image einer „Stadt der Volkserhebung“, wie Graz wegen seiner starken und frühen nationalsozialistischen Bewegung 1938 genannt wurde, hartnäckig nachwirkt. Die alten Antagonismen sind allerdings in der konkreten Stadtverwaltung längst bestens eingehegt. Seit 1998 findet die Diagonale, das Festival des österreichischen Films, alljährlich im Frühfrühling in Graz statt. In diesem Jahr war der Frühfrühling noch ein Spätwinter. Das mochte man als passend empfinden angesichts eines Leitakzents im Programm. Eröffnet wurde am Dienstag vergangener Woche nämlich mit dem Film „Murer – Anatomie eines Prozesses“ von Christian Frosch. Der Prozess, von dem im Titel die Rede ist, fand 1963 in Graz statt. Angeklagt war Franz Murer, geboren 1912 in der Steiermark, also in dem Bundesland, dessen Hauptstadt Graz ist. Murer war während des Zweiten Weltkriegs vor allem im baltischen Wilna stationiert und gilt der Geschichtsforschung heute eindeutig als Kriegsverbrecher. Er wurde für seine Taten auch von einem sowjetischen Gericht verurteilt, aber 1955, als Österreich durch den Staatsvertrag seine Unabhängigkeit zurückbekam, an das Land seiner Herkunft ausgeliefert.

          1963 kam Murer, der von seiner ursprünglichen Strafe nicht einmal ein Viertel verbüßt hatte, in Österreich neuerlich vor Gericht. Diesen Prozess hat Christian Frosch nun in Form eines dokumentarisierenden Spielfilms oder Tatsachendramas in Erinnerung gerufen. Erstaunlicherweise war dies nötig, denn von einem Verfahren, das es an Bedeutung in Österreich mit dem Eichmann-Prozess in Israel und mit den Auschwitz-Prozessen in Deutschland aufnehmen muss, war im offiziellen Gedächtnis kaum etwas aufbewahrt. Das mag auch mit dem Umstand zu tun haben, dass es vom Murer-Prozess keine Bilder gibt, und selbst die Gerichtsakten überliefern kein Protokoll im Wortlaut, sondern nur Stichworte.

          Für die Diagonale lag dieser Eröffnungsfilm nicht nur wegen seines Bezugs zu Graz nahe, sondern als eine implizite Stellungnahme zur neuen österreichischen Regierung. Seit die FPÖ wieder mit der ÖVP regiert, steht das Verhältnis der populistischsten Partei in Österreich zu rechtsradikaler Ideologie und Folklore unter noch stärkerer Beobachtung, und investigative Journalisten fördern immer wieder belastende Details vor allem aus den Studentenverbindungen zutage, in denen viele Freiheitliche ihre geistige Heimat haben. „Murer“ beschwört vor diesem Hintergrund ein Österreich herauf, das mit den NS-Verbrechen nicht nur nichts zu tun gehabt haben wollte, sondern das die jüdischen Zeugen ausdrücklich der „Lüge“ bezichtigte. Christian Frosch hat einen Film mit einem riesigen Ensemble gestaltet, in dem der Gründungsjubel von 1955 („Österreich ist frei“) zu einem exkulpierenden Mythos wird: Österreich ist frei, die Ansprüche jüdischer Opfer als verschwörerisch zurückzuweisen.

          Die vielschichtigen Konstellationen von 1963, die immer wieder auf spätere Phasen der Zweiten österreichischen Republik durchsichtig werden, zeigt Frosch in angemessener Komplexität. So legt er zum Beispiel großen Wert auf die Originalsprachen im Prozess, was mit sich bringt, dass wesentliche Teile in Jiddisch gesprochen werden – der Seufzer einer Geschworenen wird dann umso resonanter: „Wir miassn alle unsere Pflicht tun“, das ist sowohl als Echo der Rechtfertigungen von Murer wie auch der des späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim hörbar. Hinter den sichtbaren Geschehnissen des Prozesses arbeitet unterdessen eine große Koalition daran, den Wiederaufstieg Österreichs nicht durch einen Schuldspruch gegen Murer verderben zu lassen. Vor allem Christian Broda, den man in Österreich als Proponent einer epochalen Justizreform in den siebziger Jahren in hohen Ehren hält, wird hier mit Hinterzimmerabsprachen zum Vertreter extrem pragmatischer Geschichtspolitik.

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