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Goldene Palme in Cannes : Ein Schiffbruch wird belohnt

Der Sieger: Ruben Östlund jubelt über seine Goldene Palme Bild: Reuters

Der Schwede Ruben Östlund gewinnt für „Triangle of Sadness“ die Goldene Palme von Cannes. Die übrigen Preise zeigen die Verlegenheit der Jury angesichts des diesjährigen Festivalwettbewerbs.

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          Ruben Östlund hat es geschafft. Für seinen Film „Triangle of Sadness“ gewann er die Goldene Palme des 75. Filmfestivals von Cannes. Damit rückt der achtundvierzigjährige Schwede nach seinem Palmengewinn vor fünf Jahren mit „The Square“ in den exklusiven Club derjenigen Filmregisseure auf, die den wichtigsten Festivalpreis der Welt bereits zweimal erhalten haben – zu ihnen zählen etwa der Amerikaner Francis Ford Coppola, der Brite Ken Loach, der Österreicher Michael Haneke und Östlunds Landsmann Bille August. „Triangle of Sadness“, die Geschichte einer im Schiffbruch endenden Luxuskreuzfahrt im Mittelmeer, hatte in Cannes das Premierenpublikum überzeugt und die internationale Kritik gespalten. Die Jury unter dem Vorsitz des französischen Schauspielers Vincent Lindon hielt es bei ihrem Urteil am Ende mit dem Publikum.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne haben in Cannes schon zwei Goldene Palmen gewonnen. Diesmal bekamen sie für ihr Migrantendrama „Tori und Lokita“ einen Sonderpreis zum 75. Festivaljubiläum – was vielleicht weniger eine Verlegenheitslösung als ein ehrlicher Ausdruck der Tatsache war, dass es im diesjährigen Wettbewerb eigentlich keinen Film gab, der sich mit dem Werk der Dardennes an Kraft und Direktheit messen konnte. Das gilt auch für den Belgier Lukas Dhont, der für seine stark an die Dardennes erinnernde, aber deutlich überinstrumentierte Freundschaftstragödie „Close“ den Großen Preis der Jury empfing, ex aequo mit der französischen Regisseurin Claire Denis für „Stars at Noon“. Der Preis für die Französin war allerdings eine Überraschung, denn Claire Denis hat schon viele aufregende, abenteuerliche und verwegene Filme gedreht, aber „Stars at Noon“ gehört nicht dazu. Die Auszeichnung für die Liebesgeschichte zwischen einer Journalistin und einem Agenten in Mittelamerika war viel eher die Belohnung für ein (hoffentlich noch unabgeschlossenes) Lebenswerk.

          Lohn der Anmut: Die Iranerin Zahra Amir Ebrahimi gewann den Preis als beste Schauspielerin.
          Lohn der Anmut: Die Iranerin Zahra Amir Ebrahimi gewann den Preis als beste Schauspielerin. : Bild: dpa

          Den übrigen Festivalpreisen war die Verlegenheit der Jury angesichts der Wettbewerbsauswahl dieses Jahres schon stärker anzumerken. Dazu gehört der doppelt verliehene Jurypreis für Jerzy Skolimowskis „Eo“ und den in den italienischen Alpen spielenden Film „Le otto montagne“ des belgischen Regisseursduos Charlotte Vandermeersch und Felix van Groningen ebenso wie der Drehbuchpreis für Tarik Salehs „Boy from Heaven“. Dass der Koreaner Park Chan-wook für seine Neo-Noir-Detektivgeschichte „Decision to Leave“ den Regiepreis empfing, geht dagegen ebenso in Ordnung wie die Auszeichnung für die beste Schauspielerin, die an die Iranerin Zahra Amir Ebrahimi für ihre Hauptrolle in Ali Abbasis Film „Holy Spider“ ging.

          Der unstrittigste Ehrung dieses Palmen-Reigens war ganz sicher der Preis für den koreanischen Schauspieler Song Kang-ho für seinen Auftritt in Hirokazu Kore-edas Film „Broker“. Sein Porträt eines Mannes, der ein ausgesetztes Baby verkaufen will, aber auf der Suche nach einem Käufer allmählich von seinem Vorhaben abkommt, gehörte zu den schönsten Erfahrungen dieses Festivals. So konnte man am Ende der fünfundsiebzigsten Filmfestspiele an der Croisette doch wieder ans Kino glauben. Auch wenn seine Kreuzfahrer in Cannes gelegentlich Schiffbruch erlitten.

          Die Preise von Cannes

          Goldene Palme: „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund

          Großer Preis der Jury: „Close“ von Lukas Dhont ex aequo mit „Stars at Noon“ von Claire Denis

          Preis der Jury: „Eo“ von Jerzy Skolimowski ex aequo mit „Le otto montagne“ von Charlotte Vandermeersch und Felix van Groeningen

          Beste Regie: Park Chan-wook für „Decision to Leave“

          Bestes Drehbuch: „Boy From Heaven“ von Tarik Saleh

          Beste Schauspielerin: Zahra Amir Ebrahimi in „Holy Spider“

          Bester Schauspieler: Song Kang-ho in „Broker“

          Preis des 75. Filmfestivals: „Tori und Lokita“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

           

           

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