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Film „The Lobster“ : Die Einsamkeit des Hummers

Wer die Regeln der Singlegemeinschaft bricht, wird mit Blindheit gestraft: Colin Farrell und Rachel Weisz in „The Lobster“ Bild: dpa

Irgendwo zwischen Wirklichkeit und Traum: „The Lobster“ von Giorgos Lanthimos ist ein großer Film im Geist des europäischen Surrealismus, eine Parabel von Liebe und Betrug in Zeiten der verordneten Partnerwahl.

          4 Min.

          Über die Realität im Kino gibt es zwei Meinungen. Die einen finden sie am realsten, wenn sie das Auge überwältigt, wenn Raumschiffe über die Leinwand rasen und Monster aus Kavernen steigen. Die anderen suchen sie in der totalen Askese, im Verzicht auf alle visuellen Tricks, in der Arbeit mit Handkameras, Naturlicht und Laien oder gleich im Dokumentarfilm. Der Streit, obwohl mehr als hundert Jahre alt, ist nicht beigelegt; in letzter Zeit hat er sich sogar eher verschärft.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In diesem Duell der Extreme rangiert „The Lobster“ von Giorgos Lanthimos scheinbar im mittleren Bereich. Seine Bilder wirken konventionell, seine Schauplätze – ein Hotel an der irischen Atlantikküste, die umliegenden Wälder und eine Shoppingmall in Dublin – weder außer- noch unterirdisch. Aber schon in den ersten Szenen merkt man, dass etwas mit diesem Film nicht stimmt. Eine Frau hält mit ihrem Wagen an einer Landstraße, steigt aus und erschießt einen Esel, der am Wegrand grast. Dann sieht man einen Mann, der eine Abschiedsnachricht seiner Exehefrau abhört. Kurz darauf steigt er mit seinem Hund in einen Kleinbus und fährt in ein Küstenhotel. Dort muss er seine Kleidung und Wertsachen abgeben und bekommt ein Zimmer zugeteilt. Anschließend eröffnet man ihm, dass er fünfundvierzig Tage Zeit habe, um eine neue Partnerin zu finden. Andernfalls werde er in ein Tier seiner Wahl verwandelt.

          Nichts deutet darauf hin, dass „The Lobster“ in der Zukunft spielt. Seine Kulissen und technischen Spielzeuge sind ganz und gar von heute, auch wenn der gezeigte Umgang mit Telefonen und Lautsprecherdurchsagen stellenweise altmodisch wirkt. Und auch der Ort der Handlung, das Hotel im Grünen, hat nichts Futuristisches. Nur das, was dort geschieht, liegt jenseits aller Wahrscheinlichkeit. Der Film muss, mit anderen Worten, seinen Realitätsgehalt aus sich selbst heraus erzeugen, aus der Wirklichkeit des Wahnsystems, das er beschreibt. Und das tut er auf so überzeugende Weise, dass es einem noch beim Nacherzählen manchmal Schauder über den Rücken jagt.

          Auch das Sexleben im Hotel ist streng geregelt

          Das Sittengesetz, das in dem namenlosen Hotel am Meer angewandt wird, ist simpel: Wer allein ist, hat sein Existenzrecht verwirkt. Am ersten Morgen seiner Fünfundvierzig-Tage-Frist sitzt David (Colin Farrell) mit Dutzenden Schicksalsgenossen in langer Reihe im Speisesaal, mit Blick auf die wenigen Paare unter den Gästen. Anschließend führt das Personal die Vorteile der Zweisamkeit als Slapstick vor. Im Tanzsaal, wo die Hoteldirektorin und ihr Manager mit steinerweichendem Pathos Popschnulzen singen, haben die Singles dann Gelegenheit, einander kennenzulernen. Dabei geht es vor allem darum, für die eigenen Gebrechen ein Gegenüber zu finden, notfalls mit List. So wirbt der hinkende Mann (Ben Whishaw) – außer Farrell trägt niemand in der Geschichte einen Namen – um die Frau mit dem Nasenbluten, indem er vor jedem Stelldichein eigens den Kopf gegen die Wand schlägt, damit die Tropfen reichlich fließen.

          Kinotrailer : „The Lobster - Eine unkonventionelle Liebesgeschichte“

          Auch das Sexleben im Hotel ist streng geregelt. Alle zwei Tage setzt sich das Zimmermädchen (Ariane Labed) auf Davids Schoß, um seine Säfte im Fluss zu halten. Wer sich dagegen selbst befriedigt, wie Davids lispelnder Tischnachbar (John C. Reilly), muss seine Hand beim Frühstück in einen Toaster stecken. Selbst Paare, die sich gefunden haben, bleiben unter Aufsicht. Zur Probe müssen sie einige Wochen gemeinsam auf einer Yacht im Bootshafen leben. Falls es Schwierigkeiten gebe, erklärt die Direktorin, werde man ihnen ein Kind zuteilen, das helfe fast immer.

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