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Film : Schreie und Flüstern unter der Burka

Als 12jährige Halbwaise zur Zeit des Taliban-Regimes: „Osama” Bild: dpa

In höchster Not versieht ein Freund das Mädchen mit dem Namen des gefürchteten Al-Qaida-Führers. Seine Geschichte erzählt „Osama“, der Film, der am Anfang des neuen afghanischen Kinos steht.

          Nur eine Figur in diesem Film trägt einen Namen, und der ist falsch. Osama ist ein Mädchen. Mit dem Namen des gefürchteten Al-Qaida-Führers versieht es in höchster Not ein Freund. In höchster Not - das ist in einer Koranschule der Taliban und die Namengebung ein letztes, schließlich erfolgloses Täuschungsmanöver, das Mädchen, welches sich als Junge verkleidet hat, vor der Entdeckung zu schützen. In einer Gesellschaft wie der afghanischen unter den Taliban, in der die Frauen rechtlos waren, gleichwohl oft allein für ihre Familien sorgen mußten, muß diese Verkleidung als gute Idee erscheinen. Sie ist auch der letzte Schritt zum vollständigen Verlust der Identität, der aber immerhin für ein paar Tage das Überleben sichert.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist schon die ganze Geschichte von "Osama", dem ersten afghanischen Spielfilm, der nach dem Ende der Talibanzeit gedreht wurde. Hastig verfolgt die handgehaltene Kamera blauverhüllte Gestalten während einer kleinen Demonstration und anschließend auf der Flucht vor der Polizei, verlangsamt in der Zeitlupe manchen stolpernden Schritt, wenn sich die Füße in der bodenlangen Burka verheddern, schwenkt ruhig dem Strahl des Wasserwerfers nach, der einen dieser staubigen Umhänge in den Straßenschlamm spült, ohne daß wir sehen, was mit seiner Trägerin geschah. Nicht gesehen zu werden ist den Frauen zum ersten Daseinszweck geworden, von hier nach dort zu huschen die bevorzugte Fortbewegungsart.

          "Ich wünschte, Gott hätte keine Frauen erschaffen"

          Davon, daß es in Afghanistan einmal eine Zeit gab, in der ein Prinz davon träumte, in eine Frau verwandelt zu werden, erzählt die Großmutter dem Mädchen in ihrer Gute-Nacht-Geschichte. Wenn es einmal so war, das ist die einzige Hoffnung, die in "Osama" aufscheint, dann könnte es auch wieder so werden. Wer aber sollte sich heute wünschen, in stickiger Luft unter einer bodenlangen Polyesterburka mit behinderter Sicht auf die Umgebung sein Leben zu verbringen, stets einen Haufen Dreck am Gewand mitzuschleppen, immer einen Begleiter zu brauchen? Für das etwa zwölfjährige Mädchen, seine Mutter und Großmutter nimmt das Wünschen die entgegengesetzte Richtung. "Ich wünschte, Gott hätte keine Frauen erschaffen", murmelt die Mutter. Dann schneidet sie ihrer schlafenden Tochter die Zöpfe ab. So wird aus dem Mädchen Osama.

          Der Film, in dem wenig gesprochen wird und im Sinne eines Plots auch wenig geschieht, wird orchestriert von einem irritierenden Summen und Wimmern, das zum Teil aus dem Kreis verhüllter Klageweiber aufsteigt, zum Teil das rhythmische Schaukeln der Koranschüler beim Lernen der Suren begleitet. Manchmal wird dieser sprachlose Grundton des Jammers durchbrochen von einem gehetzten Schreien, das den fahlen Bildern einen dramatischen Stich versetzt. Der gleichsam dokumentarische Gestus, der in dem Elend keinerlei Poesie entdeckt, sondern sich den Figuren zuwendet und in ihren Gesichtern nach Resten ihrer Persönlichkeit forscht, erinnert an Filme des iranischen Kinos. Dessen Regisseure Mohsen Makhmalbaf und Abbas Kiarostami sind deutliche Vorbilder des Afghanen Siddiq Barmak, der "Osama" gedreht hat und, in einer Vielzahl von Funktionen, der wohl wichtigste Filmschaffende des Landes ist.

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