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Film : Passionen

Um Mel Gibsons Christus-Film wird heftig gestritten. In dem Werk ohne Staraufgebot wird schließlich Aramäisch und Latein gesprochen wird. Nun tauchen auch noch Antisemitismus-Vorwürfe auf.

          In Mel Gibsons Film "Braveheart", einer heroischen Schilderung des Kampfes der Schotten gegen die Engländer, gibt es eine Szene, in der der Held, von Gibson selbst gespielt, seiner Geliebten von Rom erzählt: vom Zauber und von den unermeßlichen Schönheiten der Stadt, vom Mittelpunkt der Christenheit.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Heute weiß man, daß diese Sätze nicht einfach dahingesagt waren, ja daß Gibson selbst sie sich wohl ins Drehbuch geschrieben haben dürfte. Denn der mehrfache Oscar-Preisträger hat soeben die Dreharbeiten an dem Film "Passion" beendet, der die Leidensgeschichte Christi darstellt. Er hat ihn aus eigenen Mitteln finanziert, auf ein Staraufgebot verzichtet und vor allem ein Haupthindernis für einen normalen Kassenerfolg eingebaut: Gesprochen wird in dem Film ausschließlich Aramäisch und Latein, und nur mit Mühe war Gibson von seinen Beratern zu bewegen, den Film zu untertiteln.

          Vorwurf des Antisemitismus

          Aber nicht dort liegen die Probleme, die in diesen Tagen die Kommentatoren in den Vereinigten Staaten erregen. Der Vorwurf des Antisemitismus tauchte im Frühjahr auf, als die jüdische "Anti-Defamation League" (ADL) in den Besitz eines Drehbuch-Entwurfs kam. Nun ist die ADL ein Verein, mit dem nicht gut Kirschen essen ist; wer es kann, geht einem Konflikt mit dieser Organisation lieber aus dem Weg. Aber Gibson und seine Firma "Icon" reagierten nicht auf die Warnungen.

          Der nächste Schritt war die Einberufung einer Expertenkommission von katholischen und jüdischen Theologen, die das Drehbuch begutachten sollten. Über ihre Arbeit hat im aktuellen Heft der Zeitschrift "New Republic" die Theologin Paula Fredriksen berichtet, die selbst der Kommission angehörte. Sie hält den Vorwurf des Antisemitismus für berechtigt. Der Film wärme die alten Juden-Stereotypen der Passionsspiele auf, die schon auf Hitlers Vernichtungspolitik vorausdeuteten.

          Unstimmigkeiten bei den Evangelisten

          Gibson behauptet, den Evangelisten zu folgen. Unter diesen ist es vor allem Johannes, der die Verantwortung für den Kreuzigungstod Christi auf die Hohenpriester fallen läßt: "Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen, aber die Juden schrien: Wenn du ihn freiläßt, bist du kein Freund des Kaisers; jeder, der sich als König ausgibt, lehnt sich gegen den Kaiser auf" (19, 12). Paula Fredriksen verweist auf die Unstimmigkeiten bei den Evangelisten. Und schon die Tatsache der Kreuzigung allein sei der Beweis für eine römische Initiative. Sicher seien die Priester "irgendwie involviert" gewesen, aber die primäre Verantwortung liege bei Pontius Pilatus.

          Ungereimtheiten bei der Kommission

          Ungereimtheiten gab es allerdings auch bei der Kommission, die ihren abschließenden negativen Bericht mit dem Briefkopf der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten verschickte - ohne dazu berechtigt zu sein. Denn als Mel Gibsons Anwalt mit einer Klage drohte, entschuldigten sich die Bischöfe: Die Sachverständigengruppe sei von der Kirche weder eingerichtet noch autorisiert, noch überprüft worden, noch habe man gar den Bericht gebilligt. Wenn man die Gruppe der Experten näher betrachtete, verstand man das Problem: Es gab unter ihnen so militante Theologinnen wie Amy Jill Levine, die verkündete, sie wolle "antijüdische, sexistische und heterosexistische Theologien entlarven und ausmerzen" (expose and expunge). Das konnte nicht das letzte Wort der Mehrheit der amerikanischen Katholiken sein.

          Langsam kamen die theologischen Streitpunkte ans Licht. Mel Gibsons Vater gehört dem traditionalistischen Zweig des Katholizismus an, der die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt und an der lateinischen Messe festhält. In Deutschland hat diese Richtung ihre Sprecher vor allem in dem Schriftsteller Martin Mosebach gefunden, dessen kritisches Buch über die "Häresie der Formlosigkeit" im vergangenen Herbst erschien, und in dem Philosophen Robert Spaemann (F.A.Z. vom 6. Juni).

          Rassisitische Europäer?

          Verletzend für europäische Leser mag ein neuer Zug der Debatte sein: Nicht für die Vereinigten Staaten befürchtet man antisemitische Konsequenzen des Films - "aber mich schaudert es", so Paula Fredriksen, "wenn ich an die Aufnahme denke, die ,Passion' finden wird, wenn der Film einmal polnische, spanische, französische oder russische Untertitel hat".

          Und etwas an dem Film von Mel Gibson weist nach Deutschland. Die Visionen der westfälischen Nonne und Seherin Anna Katharina Emmerich sollen, neben den Evangelien, für Gibsons Film eine weitere Quelle gewesen sein. Diese Stigmatisierte war nicht irgend jemand. Immer wieder suchte der Dichter Clemens von Brentano sie auf und schrieb ihre Visionen nieder.

          Visionäre Offenbarungen

          Joseph von Görres, ein anderer romantisch-katholischer Kopf, sprach damals, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, von den "wunderbarsten und ergreifendsten" visionären Offenbarungen, die er kennengelernt habe. Paula Fredriksen behauptet, der Film folge den Gesichten der deutschen Seherin in zwei wesentlichen Szenen: Der Hohepriester habe das Kreuz im Hof des Tempels aufstellen wollen, seine Gefolgsleute hätten das Volk bestochen, um den Tod Christi zu fordern.

          Soviel ist klar: Es gibt einen Katholizismus, der von seinen Traditionen nicht lassen will, und einen der mehr oder weniger militanten Modernisierung. Ihre Auseinandersetzung, über die man in den Medien bislang wenig hörte, wird uns spätestens dann beschäftigen, wenn "Passion" im Frühjahr 2004 in die Kinos kommt. Eine seiner Spuren führt nach Deutschland. Ob die Germanistik, die Literaturgeschichte der Romantik und die Brentano-Philologie die Chance erkennen, mit ihren Forschungen auf die Fragen des heutigen Publikums zu antworten?

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