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„Willkommen bei den Hartmanns“ : Auf diesen Flüchtling haben sie gewartet

Einkaufen wie aus dem Bilderbuch: Senta Berger und Eric Kabongo in „Willkommen bei den Hartmanns“ Bild: dpa

Im Kino ist Integration ganz einfach. Die Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“ zeigt es. Wieso gelingt im Film, was in der Realität zu schaffen macht? Es braucht wohl den richtigen Zuwanderer.

          Wenn das so weitergeht, haben bald mehr Menschen Simon Verhoevens Flüchtlingskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ gesehen als im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind. Eine Million Zuschauer binnen zehn Tagen, keine Trendwende in Sicht, unangefochtener Spitzenreiter der Kinocharts: Davon konnte „Ostfriesisch für Anfänger“, der Integrations-Klamauk mit dem Demenzkomödien-Veteranen Didi Hallervorden, der das neue Trend-Genre flopweise ins Kino brachte, nur träumen. Und Flüchtlinge, dachte man, sind vielleicht doch eher ein Fall für den „Tatort“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Falsch gedacht. Verhoeven schafft etwas, was selbst Angela Merkel erst wieder schaffen muss: Er stellt Konsensfähigkeit her. Und das mit einem Thema, das die Deutschen in einen medial verstärkten „Refugees Welcome“-Taumel stürzte, aus dem der Schock der Silvesternacht sie unsanft herausriss; das verbunden ist mit dem Magengrimmen verursachenden Flüchtlingsdeal mit der Türkei, mit Flüchtlingen, die sich als Attentäter entpuppten, Angst vor Anschlägen, nicht leistbarer Integration, vor dem Islam, dem Zerfall der EU, vor Kontrollverlust, politischer Radikalisierung und dem Aufstieg der Rechten. Den passenden Wortwechsel dazu liefern in Verhoevens Film, wie könnte es anders sein, zwei weiße alte Männer am Tresen. „Die ganze Welt ist außer Kontrolle“, sagt der eine. „Ganz genau, deshalb gucke ich auch keine Nachrichten mehr“, der andere. Bessere Voraussetzungen für Komik als Charaktere in überschaubaren Krisen gibt es kaum, und genau das sehen wir in „Willkommen bei den Hartmanns“. Verhoeven, der Regie führte und auch das Drehbuch schrieb, versteht es, seinen Figuren das als bedrohlich Empfundene da draußen weit genug vom Leibe zu halten, so dass sie es gefahrlos zur Sprache bringen können. „Die Ängste der Menschen ernst nehmen“ - diese Politikerfloskel wird Dialog. Jeder darf, jeder soll erzählen, was ihm Sorgen bereitet. So können alle Witzfiguren sich ernst genommen fühlen.

          Wer da alles unregistriert ins Land kommt!

          Deutschland, das ist in diesem Film Münchens nobler Vorort Grünwald. In einer von blühenden Gartenlandschaften eingefriedeten Villa steht der Esstisch der Familie Hartmann: Hier wird Realpolitik gemacht. Angelika Hartmann, die ihren Vornamen nicht ohne Hintersinn trägt und von Senta Berger, Verhoevens Mutter, mit einnehmender Entspanntheit als Gewissen der Familie gezeichnet wird, ist eine pensionierte Schuldirektorin auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit. Als sie in einer Flüchtlingsunterkunft mit Altkleidern und dem Wunsch aufläuft, Deutschkurse zu geben, kennt man den Typus schon zur Genüge: „Die ganzen Rentner rennen uns die Bude ein“, konstatiert der Leiter der Einrichtung (Eisi Gulp) trocken. Helfen kann er der Hilfswilligen dennoch: Sie könne einen Flüchtling aufnehmen, für den es gut sei, mehr Ruhe als hier - Schwenk auf Randale im Hof um einen Käppi tragenden Bartträger, dem in unsichtbaren Riesenlettern „Islamist“ auf die Stirn geschrieben steht - zu haben.

          Nur weil Merkel die ganze Dritte Welt eingeladen habe, müsse er das noch lange nicht tun, entrüstet sich zu Hause der von Heiner Lauterbach verkörperte Ehemann Richard, seines Zeichens Chefchirurg kurz vor der Rente, den Erste-Welt-Probleme plagen (Haar zu dünn, Bauch zu dick, Knie kaputt, Gattin desinteressiert) und der sich deshalb von seinem Kumpel Sascha (Uwe Ochsenknecht) die Falten wegspritzen lässt. Der Sohn (Florian David Fitz), alleinerziehender Vater kurz vor dem Burnout und als Wirtschaftsjurist auf dem Sprung nach Schanghai, insistiert: Der Willkommens-Hype sei verrückt gewesen und überhaupt, wer da alles unregistriert ins Land komme. Nur die Tochter (Palina Rojinski) ewige Studentin, gestalkt von einem deutschtümelnden Tropf, der sie einmal vor grabschenden Asylanten beschützte, sagt: „Lieber Helfer-Syndrom als Arschloch-Syndrom“.

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