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Film „Exil“ : Gibt’s das, Integration?

  • -Aktualisiert am

Sandra Hüller als Nora Bild: Alamode Film

Der Film „Exil“ von Visar Morina leuchtet in dunkle Ecken des Sozialen. Der Psychothriller erzählt Integrationsgeschichte als Gratwanderung zwischen subjektiver Paranoia und objektiven Widerständen.

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          In einem Tagungsraum sitzt ein Mann und wartet. Wo sind die anderen? Eigentlich ist eine wichtige Besprechung angesetzt, doch Xhafer ist ganz allein. Er steht auf, geht durch einen Korridor, dann noch einen, und öffnet eine Tür. Hier sind sie also alle, die Kolleginnen und Kollegen in einer Pharmafirma irgendwo in Deutschland.

          Xhafer platzt in das Meeting, er kommt zu spät, er hat einen peinlichen Moment zu überstehen. Warum hat er nicht gewusst, dass das Meeting verlegt worden war? Nun, da gab es wohl eine kleine Panne in der innerbetrieblichen Kommunikation. Nicht weiter schlimm. Oder doch? Wenig später gibt es anscheinend schon wieder eine E-Mail, die alle erreicht, außer Xhafer. Dabei ist er doch nicht niemand im Betrieb, er trägt Verantwortung, über seinen Tisch laufen wichtige Dinge. Die Firma steht gerade vor einem großen Deal, die Zeichen stehen auf Erfolg. Aber bei Xhafer stimmt etwas nicht.

          Es mag mit seinem Namen zu tun haben, mit seiner Herkunft, aber das sollte doch eigentlich in Deutschland im Jahr 2020 kein Ding sein. Xhafer stammt aus dem Kosovo. Nicht, dass man davon noch viel merken würde. Er ist längst hier angekommen, er lebt ein Musterleben in einem großzügigen Eigenheim, drei Kinder warten feierabends daheim auf ihn, seine Frau Nora promoviert. Er hat schon Karriere gemacht.

          Er spricht die Sprache der Putzfrau

          Im Büro ist Xhafer allerdings der Einzige, der die Sprache der Putzfrau spricht. Kroatisch? Der Kollege kennt sich aus mit den Sprachen vom Balkan, aber die genauen Unterschiede kann er natürlich nicht kennen. Kroatisch, Albanisch, wo ist da der Unterschied?

          In Visar Morinas Film „Exil“ ist auch das ein Detail in der Frage, die hier in Form eines Psychothrillers verhandelt wird: Wann hört ein Mensch auf, in der Fremde zu sein, wenn er in einer anderen Welt geboren wurde? Gibt es so etwas wie Integration? Und ist Deutschland vielleicht gerade dort xenophob, wo es das am wenigsten von sich denken würde – in der funktionalen Welt der Wirtschaft, des Mittelstands, und einer Produktivität, der es eigentlich egal sein könnte, wem sie zu verdanken ist?

          Visar Morina wurde 1979 in Prishtina geboren, er hat also mit der Figur Xhafer in etwa die biographischen Koordinaten gemeinsam: Ankunft in Deutschland in jungen Jahren, ausreichend Zeit, sich hier etwas aufzubauen. 2015 machte er mit „Babai“, einem Migrationsdrama, auf sich aufmerksam. Seinen zweiten Film konnte er nun mit Komplizenfilm realisieren, wo man den großen Erfolg mit Maren Ades „Toni Erdmann“ schon seit einigen Jahren in eine kluge, europäisch ausgelegte Autorenpolitik investiert.

          Scheitern am Punkt des größten Erfolgs

          Mit „Exil“ erzählt Visar Morina die Geschichte einer Integration, die an einem Punkt ihres größten Erfolgs zu scheitern droht. Es ist auch eine Geschichte von den Geheimnissen, die ein Mensch mit sich herumträgt, der Kindheitserinnerungen nicht so ohne weiteres teilen kann. Vielleicht kommt Xhafer deswegen Hatique nahe, der Putzfrau.

          Sie versteht ihn auf eine Weise, die er seiner Frau Nora erst beibringen müsste. Sie versteht etwas von ihm, was in Deutschland niemals jemand verstehen wird, denn es hat mit den Bereichen der Identität zu tun, bei denen es nicht um Verstehen geht. Sondern um Selbstverständlichkeit und Unmittelbarkeit. Dass Xhafer mit Hatiqe etwas verbindet, macht ihn aber auch erpressbar, denn sie hat Probleme, über die er längst hinaus ist: Wörter wie Duldung oder Bescheid spielen bei ihm keine Rolle mehr, sie aber läuft ihm nach mit Dokumenten, die sie nicht begreift.

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