https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/film-die-stadt-als-beute-gut-fuer-ein-schlechtes-gewissen-geeignet-14428126.html

Film „Die Stadt als Beute“ : Gut für ein schlechtes Gewissen geeignet

Bild: wilckefilms

Das geschieht mit dem Bauen in Berlin: Andreas Wilckes Film „Die Stadt als Beute“ dokumentiert und denunziert die Gentrifizierung ganzer Viertel. Der zum Teil exzessive Widerstand dagegen bleibt ausgeblendet.

          4 Min.

          Das liebe ich an Berlin: die Vielfalt. Ihr habt alles.“ Eine mittelalte Dame schlendert durch die Stadt, um sie herum ein buntes Treiben junger Menschen. Sie ist auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten auf dem Berliner Immobilienmarkt, als einzige Charakterisierung ist ihr neben dem Namen die Bezeichnung „Millionenerbin“ beigegeben. Das ist typisch für die erzählerische Strategie, die Andreas Wilcke in seinem Debütdokumentarfilm vornimmt. Über die Persönlichkeit der Dame erfahren wir nichts, nur über ihr Ziel. Das besteht im Nutzen von Gelegenheiten. Eine Pelzjacke, deren Wert sie auf 1800 Euro schätzt, hat sie kürzlich gebraucht für fünfzehn erstanden. Nun kauft sie sich auf dem Flohmarkt ein buntes Tuch dazu, weil ihr der Pelz zu dunkel ist. Aber ihn liegenzulassen wäre ihr nicht eingefallen. Dass ihre Absicht, günstig zu erstehende Mietshäuser aufzukaufen und umzubauen, jene Vielfalt beenden würde, die sie preist, auch nicht.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Kurz danach stehen wir im Badezimmer der Berliner Mietwohnung einer anderen, ähnlich alten Dame. Das Fenster ist von außen vermauert. Das sei geschehen, als sie einen Tag lang weg gewesen sei. Wilckes Kamera folgt der Mieterin in die benachbarte Küche: auch dort eine Wand vor dem Fenster. Der Vermieter habe ihr empfohlen, zur Entlüftung von Küche und Bad die Wände mit einem Rohr zu durchbrechen, das ins Schlafzimmer führen sollte. Dort gibt es noch ein Fenster ins Freie. So sieht ein Mittel der Entmietung aus, mittels derer noch bewohnte, aber verkaufte Häuser frei gemacht werden sollen für Umbau und teurere Neuvermietung.

          Raubtiere des Immobiliengeschäfts

          Vier Jahre lang, von 2010 bis 2014, hat Andreas Wilcke einen Kampf um Berlin dokumentiert, dessen Ausgang allen Beteiligten klar zu sein scheint. Das noch aus Teilungszeiten resultierende niedrige Immobilienpreisniveau in der deutschen Hauptstadt lockt seit einem Jahrzehnt Investoren aus der ganzen Welt an, die nirgendwo sonst in einer westeuropäischen Metropole ähnlich günstig Objekte kaufen können. Und nirgendwo sonst in einer solchen Stadt können Mieter - immer noch - ähnlich günstig wohnen. Beides aber ändert sich angesichts der internationalen Attraktivität Berlins. Häuser und Wohnungen werden teurer, für Kaufinteressenten wie Mieter. Erstere werden diesen Kampf, für den sich der Begriff „Gentrifizierung“ etabliert hat, gewinnen, denn sie sind eben „Millionenerbinnen“. Oder aus Wilckes Perspektive Raubtiere des Immobiliengeschäfts. Für den Titel seines Films bediente sich der Dokumentarist bei einem Berliner Theaterabend von René Pollesch aus dem Jahr 2001, der auch schon Stadtentwicklung im Zeichen des Kommerzes inszenierte: „Die Stadt als Beute“.

          Die damit angesprochene Polarisierung ist Wilckes ästhetisches Programm und ein Problem: Mieter sind in seinem Film ausschließlich hilflose Opfer. Auf dem emotionalen Höhepunkt steht eine Frau im Rathaus Schöneberg und schreit die Zuhörer einer Diskussionsrunde mit Vertretern der im Senat vertretenen Parteien an. Zweimal habe sie in den vergangenen Jahren ihre Wohnung bereits verlassen und nun zwei Stunden lang „das Gelaber“ anhören müssen. Als sie nach ihrem Ausbruch den Saal verlässt, brüllt sie nur noch „Scheiß-Bonzen“.

          Exzesse der Gentrifizierungsgegner

          Auf subtilere Weise vermittelt Wilcke dieselbe grobe Einschätzung. Wenn der Vertreter einer Immobiliengruppe doziert, dass jede Stadt der Welt außer Berlin sich konzentrisch aufbaue, also im Zentrum besonders teuer, aber auch besonders schön sei, möchte man ihn fragen, ob er denn schon einmal Städte außerhalb Westeuropas gesehen hat. Und was für ihn „schön“ bedeutet. Aber Wilcke selbst fragt nicht, er überlässt uns einer emotionalen Reaktion. Zwischen seine Gespräche hat er immer wieder wortlose Sequenzen von Bauaktivitäten eingeschnitten: Abrisse, Ausschachtungen, Ausbauten. Und Bilder der entstehenden neuen Wohnungsgebäude: Reihenhäuser und das, wofür der Marketingeuphemismus der Immobilienbranche in jüngerer Zeit die Bezeichnung „Stadtvillen“ geprägt hat als Gipfel der architektonischen Einfallslosigkeit und terminologischen Dreistigkeit. Gemeinsam mit den Aufnahmen aalglatter Makler von enervierender professioneller Dauerfröhlichkeit bei Verkaufsanbahnungsgesprächen ergibt sich im Film ein Eindruck vom Geschehen auf dem Berliner Immobilienmarkt, den nur „schön“ nennen könnte, wer Augen und Ohren fest verschlösse.

          Die Mieter sind ausschließlich Opfer in Andreas Wilckes Dokumentation.
          Die Mieter sind ausschließlich Opfer in Andreas Wilckes Dokumentation. : Bild: Wilckefilms

          Was Wilcke indes ausblendet, ist die gleichfalls wenig schöne Reaktion auf das von ihm dokumentierte Geschehen. Dabei mag ihm die mehr als ein halbes Jahrzehnt währende Fertigstellung von „Die Stadt als Beute“ in die Quere gekommen sein, denn die jüngst vermehrt auftretenden Exzesse der Gentrifizierungsgegner in Berlin und anderswo spielen im Film keine Rolle. Also keine brennenden Autos oder sabotierten Baustellen, keine persönlichen Diffamierungskampagnen im Internet oder Drohbotschaften an die Familien jener, die nicht nur Wilcke reichlich schlicht auf Raubtiere reduziert.

          Wichtiges Zeugnis für einen Konflikt,

          Zweimal nur gibt es im Film Andeutungen organisierten Widerstands: Im Treppenhaus eines Gebäudes, dessen noch billig vermietete Wohnungen potentiellen Interessenten vorgeführt werden, sitzen die Bewohner herum und schauen sich einen solventeren Besucher an - eine für diesen sichtbar unangenehme Umkehrung der Rollen, die ihn zu einer geradezu klassisch klingenden Einschätzung bringt: „Gut dafür angetan, ein schlechtes Gewissen zu kriegen.“ Und beim Besuch eines Potsdamer Immobilienentwicklers in einem Berlin Wohnviertel, in dem sein Unternehmen ein Hochhaus errichten will, empfängt ihn eine Protestversammlung, aus der heraus jedes seiner erklärenden Worte mitgefilmt wird. Der Gebrauch der Kameras hat etwas Aggressives, weil sich jedes Interesse am Gespräch als Wunsch nach Denunzierung erweist. Das ist leider auch der Eindruck, den Wilckes Umgang mit den Betreibern der Gentrifizierung erzeugt.

          Dennoch bieten die 83 Minuten Laufzeit ein wichtiges Zeugnis für einen Konflikt, der längst weiter fortgeschritten ist, als ihn „Die Stadt als Beute“ zeigt. Wilckes Film ist heute schon historisch. Ob aus dem geschilderten Raubzug durch Berlin tatsächlich solche Gewinne gezogen werden können, wie sie die Immobilienmakler verheißen, steht in den Sternen. Die am Freitzag verkündete Auftragsrückgabe des prominenten Architekten Stephan Braunfels an die öffentliche Hand (F.A.Z. vom 10. September) lässt nichts Gutes für das Berliner Baugeschehen ahnen. Was aber ganz gewiss von der dortigen Investitionswut bleiben wird, zeigt Wilcke ganz zum Schluss: gebaute Uniformität und Rollrasen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)

          F.A.Z.-exklusiv : Ampel-Koalition wird Gasumlage kippen

          Nach F.A.Z.-Informationen wird die umstrittene Zusatzzahlung der Verbraucher heute oder morgen gekippt. Als Alternative soll die Gaspreisbremse kommen, aber daran knüpfen die Liberalen drei Bedingungen.
          Kinky Sex: Was ist heute „normal“, was dient nur den Interessen der Männer?

          Generation Z : Beginnt eine sexuelle Gegenrevolte?

          Spucken, schlagen, fesseln: Eine ganze Generation ist mit harten Pornos und der Normalisierung von „rough sex“ aufgewachsen. Gerade jüngere Frauen leiden oft darunter. Der Widerstand wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.