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Film : Den Österreichern ihren Hitler zurückgeben

Heinrich Breloer, hier im Gespräch mit Elisabeth Mann Borgese Bild: WDR/Sibylle Anneck

Und abermals soll es eine große Familiengeschichte werden: Heinrich Breloer, der große Dokudramatiker des deutschen Fernsehens, beginnt mit "Speer und Er".

          Mancher mag sich fragen, wieso sich Heinrich Breloer, der große Dokudramatiker des deutschen Fernsehens, nach seinem letzten, vielfach gefeierten und ausgezeichneten Film "Die Manns" in seinem nächsten Projekt ausgerechnet Hitlers Baumeister und Rüstungsminister Albert Speer zuwendet. Doch es ist kein allzu weiter Weg aus dem Dichterolymp in die Abgründe des Dritten Reichs, jedenfalls dann nicht, wenn man die Biographien beider Männer als Familiengeschichten erzählt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Albert Speer hatte, wie auch Thomas Mann, sechs Kinder, die sich von ihrem Vater zumindest insofern befreien konnten, als sie respektable akademische Karrieren gemacht haben - jedenfalls jene drei unter ihnen, die bereit waren, sich Breloers Kamera und seinen Fragen zu stellen. Gemeinsam mit dem Filmemacher suchen Hilde, die Professorin, Arnold, der Landarzt, und Albert, der Architekt, nach Antworten auf die alles entscheidende Frage, wie ihr Vater, der Bürgersohn aus gutem Hause, sich mit einem Diktator wie Hitler einlassen konnte.

          Im Entwicklungsprozeß

          122 Stunden Interviewmaterial hat Breloer seit Mitte des vergangenen Jahres zusammenbekommen, doch eine eindeutige Antwort hat auch er noch nicht gefunden. "Wir sind in einem Entwicklungsprozeß", sagte Breloer am Donnerstag abend in Köln, wo er erste Details seiner Großproduktion mit dem Arbeitstitel "Speer und Er" bekanntgab. Die Suche nach der Wahrheit über Albert Speer geht noch bis Juni weiter, wenn die Dreharbeiten zu den Spielszenen enden, und noch weit darüber hinaus - so lange, bis Breloer die Unmengen an Material am Schneidetisch zu einem, zu seinem Speer-Bild zusammengefügt haben wird. Im Frühjahr 2005 soll der Dreiteiler in der ARD gezeigt werden.

          Dort, wo man weiß, was man an einem Heinrich Breloer hat, gewährt man ihm alle Unterstützung, die er braucht. Gleich drei Anstalten - der NDR, der BR und federführend der WDR - beteiligen sich an der Produktion der Bavaria, auch der ORF ist mit im Boot. Stolze zwölf Millionen Euro wird das Projekt kosten, für das in den Fernsehstudios Hitlers monumentales Arbeitszimmer in der Neuen Reichskanzlei, der Nürnberger Gerichtssaal sowie das Gefängnis in Berlin-Spandau, wo Speer zwanzig Jahre einsaß, nachgebaut werden. Mit dem Szenenbildner Götz Weidner, der Cutterin Monika Bednarz-Rauschenbach, Kameramann Gernot Roll und natürlich seinem langjährigen Drehbuchpartner Horst Königstein hat Breloer jene Mitstreiter versammelt, die schon die "Manns" zum Erfolg machten.

          Drei Teile

          "Von Speer reden und über ihn arbeiten heißt: Hitler verstehen wollen", sagt Heinrich Breloer. Deshalb werde sein Film so viele erzählerische und interpretierende Anläufe unternehmen, wie sich aus den zahlreichen Veröffentlichungen Albert Speers ergäben. Scheinbar abgesicherte Funde und Auslegungen, verspricht der Autor, werde er neu aufrollen. Die drei Teile seines Films erzählen aus verschiedenen Phasen von Speers Leben und bedienen unterschiedliche Genres: Auf ein "War Movie", das Speers Zeit als Minister bis zum Tode Hitlers schildert, folgt das Nürnberger Gerichtsdrama und schließlich der Gefängnisfilm: die Spandauer Jahre, in denen Speer bewies, "daß er über Hitler hinausdenken konnte", so Breloer. Als "moderner Erzähler" seiner eigenen Geschichte habe Speer nicht nur sein eigenes Bild geprägt, sondern auch dasjenige, das man heute von Hitler habe; es gebe jedoch Anlaß genug, Speers Worten zu mißtrauen und nicht auf dessen Legendenbildung hereinzufallen.

          63 Kilometer Film sollen am Ende der Dreharbeiten verbraucht sein, mit dreiundzwanzig Interviewpartnern hat Breloer gesprochen, 87 Sprechrollen wird er besetzen, Albert Speer selbst hat er 1981 kurz vor dessen Tod noch getroffen und befragt. Die Darsteller, die in den Spielszenen zu sehen sind, tragen - wie bei Breloer üblich - große Namen. Sebastian Koch spielt Albert Speer, daneben sind Dagmar Manzel, Michael Gwisdek, Axel Milberg, Veronica Ferres als Speers Sekretärin und André Hennicke als Rudolf Heß zu sehen. Den "Er" des Titels und damit die tragende zweite Rolle spielt der Tiroler Tobias Moretti: "Ich fand", sagt Breloer, "daß man den Österreichern ihren Hitler zurückgeben sollte."

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