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Film : Das Kino stieg auf aus Schutt und Asche

Ein glänzender Jahrgang: Billy Wilder, Roberto Rossellini, Wolfgang Staudte, Luchino Visconti und fünf weitere große Regisseure wurden 1906 geboren. Ihr Kino war das erste, das sich der Wirklichkeit stellte.

          7 Min.

          Die Geschichte des deutschen Nachkriegsfilms hat mit einem Kurzschluß angefangen, einer heftigen Rückkopplung zwischen Wirklichkeit und Fiktion - wie in einen Spiegel schauten die Deutschen auf die Leinwand, und wie Spiegelbilder schauten die Bilder zurück.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Es sei eine schöne Premiere gewesen, berichtete damals die Defa-Wochenschau, es habe eine „große internationale Auffahrt“ gegeben, womit wohl die sowjetischen und polnischen Offiziere gemeint waren, die damals, im Oktober 1946, in den ersten Reihen saßen. Hildegard Knef, die Hauptdarstellerin, war auch da, das Filmteam sowieso, und gemeinsam mit den vielen ganz normalen Berlinern im Publikum taten sie etwas sehr Seltsames: Mitten in den Trümmern und Ruinen von Berlin schauten sie auf eine Leinwand, auf der die Trümmer und Ruinen von Berlin zu sehen waren.

          Der Bösewicht muß zahlen

          In ihren letzten guten Anzügen und Kleidern betrachteten sie Menschen, welche in ihren letzten guten Anzügen und Kleidern einen Rest von Würde zu wahren versuchen. Und auch wenn da unten im Saal mancher hungrig, traurig, pessimistisch war - anständige Deutsche waren sie doch, so anständig, wie die traurigen und pessimistischen Helden des Films. Nur einer, der Bösewicht des Films, war ein Nazi und ein Kriegsverbrecher, und der mußte am Schluß für seine Sünden zahlen.

          Der Film hieß „Die Mörder sind unter uns“, die Kritiken waren wohlwollend bis hymnisch, und Wolfgang Staudte, der Autor und Regisseur, war seit jenem Herbst die größte Hoffnung des deutschen Films. Er war, knapp eine Woche vor der Premiere, vierzig Jahre alt geworden, ein Mann in seinen sogenannten besten Jahren. Er hatte die Zeit der Nationalsozialisten und des Krieges in Deutschland verbracht, und schon deshalb wußte er damals vermutlich nicht, daß einige der besten seiner Kollegen im selben Jahr wie er, im Jahr 1906, geboren waren.

          Verwüstetes Europa

          Denn die anderen waren Ausländer, die anderen waren die Italiener Luchino Visconti und Roberto Rossellini, die geborenen Österreicher und naturalisierten Amerikaner Billy Wilder und Otto Preminger, die geborenen Amerikaner John Huston und Anthony Mann, der Engländer Carol Reed, der Franzose Jacques Becker. Diese Männer, ganz egal, woher sie kamen, waren zwanzig gewesen, als sich die wilden Zwanziger dem Höhepunkt der Wildheit näherten, und mit dreiunddreißig hatten sie den Beginn des Krieges erlebt, und jetzt, mit vierzig, sahen sie Europa verwüstet und demoralisiert. Und nach Amerika kamen die Soldaten zurück, und im Gepäck hatten sie die bösen Erinnerungen, den nicht verwundenen Schrecken über das, was sie in Europa gesehen hatten.

          Man muß, wenn man sich die Frage stellt, ob diese Regisseure mehr als nur das Geburtsjahr gemeinsam haben, also nur deren Filme betrachten - und da liegt es nahe, sich die Ruinen von Berlin noch ein wenig länger anzuschauen: Im Jahre nach Staudtes Premiere, im Sommer 1947, kam Roberto Rossellini nach Berlin, der Meister des damals sogenannten Neorealismus, und ganz neorealistisch inszenierte er, ausschließlich auf den Straßen und in den zerbombten Häusern, seinen Film „Germania anno zero“, und am Schluß war er so erschüttert von dem, was er da gesehen und gefilmt hatte, daß er seinem Film einen warnenden Vorspann verpaßte: Er wolle nicht urteilen, nur zeigen, was eben sei.

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