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Film „Cemetery of Splendour“ : Das historisch Wahre liegt todkrank auf der Bahre

  • -Aktualisiert am

Jen (rechts) hat die Bomben noch in Erinnerung, die auf Thailand und Laos niederprasselten. Der Landschaft ist der Krieg nicht mehr anzusehen, doch das persönliche Trauma bleibt. Bild: Rapid Eye Movie

Äußerlich ruhig, innerlich tollkühn: Apichatpong Weerasethakuls neuer Film „Cemetery of Splendour“ bestätigt den Weltrang des Regisseurs.

          3 Min.

          Es muss sich um eine spezielle Form von posttraumatischem Stress handeln, die Soldaten in Thailand in einen tiefen Schlaf fallen ließ. Nun liegen sie da wie aufgebahrt, die Fenster sind offen, draußen geht still das Leben weiter. Täglich einmal setzt sich eine junge Frau an ihr Bett, und spricht mit ihnen. Keng ist ein Medium, sie kann auch mit Menschen kommunizieren, die nicht da sind, oder nicht bei Bewusstein. Sie wäre mit ihrer Begabung auch eine ideale Zuschauerin für den Film, in dem sie eine Figur ist. Denn der thailändische Filmemacher und Künstler Apichatpong Weerasethakul erzählt in „Cemetery of Splendour“ von Vorgängen und Geschehnissen, die nur zum Teil sichtbar sind.

          Den Rest muss man sich denken, wobei diese Arbeit der Ergänzung in einer Szene auch vorgemacht wird: Jen, eine ältere Dame, die sich ehrenamtlich um die schlafenden Soldaten kümmert, und Keng, das Medium, machen einen Spaziergang. Sie durchwandern die subtropische Landschaft des Nordens von Thailand, eine, wie es heißt, todlangweilige Gegend, die allerdings voller Wunder ist.

          Diskreter Hinweis auf Reinkarnationslehre

          Denn Keng ist in der Lage, zwischen den Bäumen einen zweitausend Jahre alten Königspalast zu sehen, sie schreitet durch das Laub, als wären es die Fliesen eines prächtigen Hauses, und die sieht viele Spiegel, wo in der Wirklichkeit keine zu erkennen sind. Jen lässt sich auf die Übung ein, denn Keng vertritt bei diesem Gang durch die Zeiten einen der schlafenden Soldaten. Er heißt Itt, für Jen ist er wie ein neuer Sohn. In einem früheren Leben muss er wohl in die Palastintrigen verwickelt gewesen sein, von denen Keng spricht. Das würde bedeuten, dass er unter einem stark verzögerten posttraumatischen Stress leidet.

          Kinotrailer : „Cemetery of Splendour“

          Dagegen deuten die Erdarbeiten rund um das Krankenhaus, das früher einmal eine Schule und sehr viel früher eben ein Palast war, darauf hin, dass nicht nur die Vergangenheit in „Cemetery of Splendour“ aufgewühlt wird, sondern auch die jüngere Gegenwart. Ob es sich nun um ein geheimes Regierungsprojekt oder nur um Glasfaserleitungen handelt, es zählt, dass sich archäologische Motive auf verschiedensten Ebenen zu erkennen geben. Noch in dem beiläufigen Dialog über viel zu selten gewechseltes Frittieröl möchte man schließlich einen diskreten Hinweis auf die spezielle Reinkarnationslehre erkennen, auf der Apichatpong Weerasethakuls Filme beruhen. Längst ist seine überragende Position im gegenwärtigen Weltkino anerkannt, aber mit seinem ebenso ruhigen wie im Detail waghalsigen neuen Film verdeutlicht er, dass es ihm im Erzählen von Geschichte und Geschichten derzeit kaum jemand gleich tut.

          Alles kommuniziert mit allem

          Für ihn zeigt sich persönliche Erfahrung immer historisch geprägt, und auch gebrochen. Die Landschaft von „Cemetery of Splendour“ enthält zum Beispiel zahlreiche Spuren eines Kriegs, den Thailand vor Jahren mit dem kommunistischen Laos führte. Jen hat die Bomben noch in Erinnerung. Sie ist eine bewegende Hauptfigur, besorgt um ihre schöne Haut, die allmählich faltig wird, besorgt um ihren amerikanischen Mann, der Gojibeeren gegen seine drohende Demenz isst, besorgt um das Innenleben ihres narkoleptischen Pflegepatienten, mit dem sie einmal ins Kino geht – am Ende muss er hinausgetragen werden, weil er nicht mehr wachzukriegen ist.

          Zwei Tempelprinzessinnen, die auch schon lange tot sind: Ein Kino, das vor Geheimnissen vibriert.
          Zwei Tempelprinzessinnen, die auch schon lange tot sind: Ein Kino, das vor Geheimnissen vibriert. : Bild: Rapid Eye Movie

          Diese fünf Minuten ziemlich genau zur Hälfte von „Cemetery of Splendour“ nützt Apichatpong Weerasethakul für eine reflektierende Montagesequenz, in der er seine filmische Weltanschauung offen legt. Alles kommuniziert hier mit allem, aber nicht im Sinne eines naiven Pantheismus oder eines fatalen Schicksalszusammenhangs, sondern in einer Form erhöhter Durchlässigkeit der Phänomene aufeinander. Ein thailändischer Schundfilm namens „Iron Coffin Killer“, von dem der Trailer zu sehen ist, passt da genau so hinein wie zwei Tempelprinzessinnen, die Jen eines Nachmittags aufsuchen, nur um ihr zu sagen: „Wir sind auch schon lange tot.“

          An den Betten der schlafenden Soldaten stehen Geräte, die sich schon an amerikanischen Heimkehrern aus Afghanistan bewährt haben sollen. Sie bestehen aus einer Atemmaske und einer Art Säule, deren Farbe sich je nach Zustand oder Stimmung verändert. Es wird nicht ganz klar, ob sie das Befinden der Patienten eher beeinflussen oder nur abbilden. Aber selbst wenn sie ihnen irgendwelche Substanzen zuführen, wäre das im Weltbild von Weerasethakul nichts anderes als eine chemische Form der Meditation. Sein Kino tut eben dies: es meditiert. Es zittert kaum merklich, aber im Innersten lässt es uns erbeben vor den Geheimnissen des Daseins.

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