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„Feuchtgebiete“ im Kino : Mozart zur Intimrasur

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Hygiene wird bei ihr kleingeschrieben: Carla Juri spielt Roches Helen Memel. Bild: dpa

Man war ja vorgewarnt: Daniel Wnendts Verfilmung von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ geht an die Grenzen des Ekelgefühls - und reicht doch über die Romanvorlage hinaus.

          Das Festival von Locarno, bei dem die Verfilmung der „Feuchtgebiete“ am Sonntag Weltpremiere hatte, warnt in seinem Programm: „Dieser Film könnte das Zartgefühl mancher Zuschauer verletzen.“ Bevor man „Feuchtgebiete“ gesehen hat, mag man diesen Hinweis für einen Ausdruck just jener stromlinienförmigen amerikanisierten Überkorrektheit halten, gegen deren Übergriff auf unsere Körper sich Charlotte Roches Roman vor fünf Jahren so radikal wehrte. Überdies bot die damalige Diskussion um das Buch genug Stoff für ein implizites „Mit Vorsicht zu genießen“. Aber man muss es tatsächlich deutlich sagen: Dieser Film ist eine Zumutung, ein Anschlag auf die Sinne, ein Ausreizen des persönlichen Ekels. Man sollte kurz vorher lieber nichts gegessen oder getrunken haben; während des Films bleibt einem ohnehin alles im Halse stecken.

          Dies vorausgeschickt und die physische Qual in Kauf genommen, die es bedeutet, einer jungen Frau knapp zwei Stunden lang dabei zuzusehen, wie sie ihre inneren Schmerzen mit schauriger Konsequenz in körperliche Ausnahmezustände übersetzt, ist David Wnendts Film durchaus gelungen. Angesichts der Romanvorlage war von vornherein klar, dass die Verfilmung mit der Wahl der Hauptdarstellerin stehen oder fallen würde - und wie die Schweizerin Carla Juri sich in die Rolle der Helen Memel wirft, ist beeindruckend.

          Im Reich des Fäkalen: Helen Memel (Carla Juri) bei der körperlichen Selbstinspektion auf der Toilette

          Charlotte Roches Heldin ist eine junge Frau, in der noch die ganze rebellisch-trotzige Göre und der Absolutheitsanspruch der Pubertät steckt. Dass sie mit Körperausscheidungen auch verbal heftig experimentiert, gehört zu ihrem ausgefeilten Provokationsprogramm, das sich im Lauf des Buches wie des Films als verzweifelte Flucht nach vorn zu erkennen gibt. Denn Helen, die die Trennung ihrer Eltern (Meret Becker und Axel Milberg) so wenig verwunden hat, wie sie die Erinnerung an den Anblick der Mutter und des kleinen Bruders im heimischen Gasherd durch das fortwährende Erzeugen anderer drastischer Kopfbilder verdrängen kann, hat entschieden, dass sie sich Schmerzen fortan nur noch selbst zufügt.

          Ins Krankenhaus gebracht hat sie eine Entzündung am After, die sie sich durch eine Verletzung bei der Intimrasur zugefügt hat. Einmal dort, beschließt sie in einem Akt rührend kindlicher Hoffnung, den Aufenthalt für den Versuch zu nutzen, die Eltern an ihrem Krankenbett wieder zusammenzuführen. In Rückblenden wirft der Film Schlaglichter auf Helens eigensinnig betriebene éducation sexuelle, einschließlich eines Bordellbesuchs, eines Tampontauschs mit der besten Freundin und der angeblichen Wunschvorstellung einer mit Sperma belegten Pizza.

          Die Buchvorlage ging noch drastischer ins Detail als der Film - der am 22.August übrigens mit einer Altersfreigabe von sechzehn Jahren anläuft. Doch obwohl Wnendts Film sich keinem Pornographieverdacht aussetzt, wirken seine Bilder schockierender als die des Romans, weil man sich ihrer als Zuschauer nicht erwehren kann. Als Leser behält man stets die Kontrolle über die eigene Imagination, kann unbehagliche Stellen erst gar nicht an sich heranlassen, sie überblättern oder das Buch weglegen. Diese Möglichkeit zur inneren Distanzierung lässt das Kino nicht. Und so hilft auch alle aufgesetzte Aufgekratztheit der erzählerischen Tonlage nicht, die eingangs eine psychedelische Bakterienlandschaft inszeniert und Helens verpatzte Intimrasur spielerisch mit Mozarts „Alla Turca“ unterlegt - das abgeklärte Lachen und damit der Versuch, sich das Ganze mit Humor vom Leib zu halten, lässt sich nicht durchhalten.

          Carla Juri, Jahrgang 1985, gibt die Helen Memel nicht nur mit staunenswerter Hingabe und Unbedingtheit, sie besitzt außerdem eine Natürlichkeit, Unbekümmertheit und Frische, die für diesen Film gar nicht hoch genug einzuschätzen sind. Denn sie bilden einen elementaren Kontrast zu Blut, Rotz und Schleim, durch die der Film watet, und bewahren die Exhibitionistin Helen mitten im Ekel doch als Sympathieträgerin. Die Passionsnatur ihrer Selbsterkundung wird durch das dem Film vorangestellte Motto „Wir brauchen Gott“, die kruzifixbewehrte katholische Mutter und die Plastik der Madonna mit dem sterbenden Jesus im Krankenhausflur betont. Doch so ernst Regisseur David Wnendt die Vorlage nimmt und so gut seine Hauptdarstellerin das Widersprüchliche und Komplexe von Charlotte Roches Heldin darstellt - es hätte der Verfilmung dieses Romans nicht bedurft.

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