https://www.faz.net/-gqz-qynl

Fernsehwoche, 10. bis 16. September : Träumen von der Kindheit

  • Aktualisiert am

Randlage: Laura Tonke in „Farland” Bild: RBB/Nadja Klier

Das wahrhaftige Abbild unserer Welt: Der Dokumentarfilm „Sein und Haben“, im Kino ein Überraschungserfolg, läuft nun im Fernsehen. Außerdem: eine kleine Geschichte der Unterwäsche.

          4 Min.

          Das wahrhaftige Abbild unserer Welt: Der Dokumentarfilm „Sein und Haben“, im Kino ein Überraschungserfolg, läuft nun im Fernsehen. Außerdem: eine kleine Geschichte der Unterwäsche auf Arte.

          Samstag, 10. September

          Pro Sieben, Action, 22.30 Uhr: The One

          Der Schein trügt: So freundlich ist Stromberg selten
          Der Schein trügt: So freundlich ist Stromberg selten : Bild: dpa

          Wer bisher noch nicht genau verstanden hat, was es mit den schwarzen Löchern im Weltraum auf sich hat, bekommt in „The One“ eine ziemlich einfache Antwort. „Jedes Mal, wenn durch die Implosion eines Sterns ein schwarzes Loch ensteht, entsteht auch ein neues Paralleluniversum.“ Aha. Da verwundert es kaum noch, daß in jedem dieser Universen verschiedene Ausgaben derselben Menschen herumlaufen. So wie Yulaw (Jet Li), der illegal zwischen den Universen hin und her reist. Dies geschieht ganz einfach mit der „Quantentunneltechnologie“, die Regisseur James Wong wahrscheinlich noch schnell erfunden hat, damit sein irrwitziger Actionfilm seinen allzu absehbaren Verlauf nehmen kann. Yulaw hat bisher 123 seiner Doppelgänger umgebracht, da mit jedem Exemplar weniger seine eigenen Energien und Kräfte wachsen. Nur der Polizist Gabriel (auch Jet Li), der im gleichen Maß stärker geworden ist, steht ihm noch im Weg. Wenn Yulaw ihn beseitigt, wird er der einzige - eben „the one“ - sein. Dieser finale Kampf ist es, auf den die gesamte Handlung hinsteuert. Die Kampfszenen sind abenteuerlich, die Waffen futuristisch und alle anderen Figuren nebensächlich.

          Sonntag, 11. September

          Pro Sieben, Comedy, 22.10 Uhr: Stromberg

          Auch für dieses Comedy-Format gibt es ein Vorbild, doch ist die Kopie um vieles besser als das, was einem sonst bei Pro Sieben und anderswo vorgesetzt wird. Denn mit diesem „Stromberg“ hat nicht nur Christoph Maria Herbst die bislang beste Fernsehrolle seines Comedy-Lebens gefunden. Diese Figur ist vielmehr der fleischgewordene Homer Simpson, phlegmatisch, dabei aber nicht liebenswert, sondern hinterhältig, ein Schleimer, Spanner, Angeber, Sprücheklopfer, Frauenverächter, Rassist und Opportunist, wie er im Buche steht. Man muß ihn einfach hassen, und das macht die Serie, in der neben ihm sechs andere leicht geschädigte Angestellte spielen, sehenswert. Zehn neue Folgen der Comedy, die mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde: Zum Auftakt bekommt Stromberg seinerseits einen neuen Chef vor die Nase gesetzt.

          Montag, 12. September

          Arte, Familiensaga, 20.40 Uhr: Die besten Jahre (1)

          Ein mehr als sechsstündiges Epos, das vierzig Jahre italienischer Geschichte in Form einer Familienchronik nachzeichnet - das klingt nicht gerade nach einem Publikumsrenner. Und doch hat sich Marco Tullio Giordanas Opus mit Beharrlichkeit zu einem Kultfilm entwickelt, einem Schlüsselwerk mit Fangemeinde, Mammutvorführungen in Programmkinos und einer Sturzflut von Preisen. Giordana hat nichts Geringeres versucht, als die eigene Biographie in der Gestalt eines Kolossalgemäldes zu inszenieren. Er erzählt ohne Hast die Geschichte der ganz normalen römischen Familie Carati, deren Harmonie von den geschichtlichen Entwicklungen gründlich zermahlen wird. Zweiter Teil am 19. September.

          Dienstag, 13. September

          Arte, Drama, 22.50 Uhr: Farland

          Plattenbauten, Einfamilienhäuser: ein Ort im südlichen Vorland von Berlin. Karla ist hierher zurückgekommen, weil ihre Schwester nach einem Autounfall im Koma liegt. Im Haus der Mutter, das mit Ethno-Kitsch vollgestopft ist, will Karla nicht bleiben, also geht sie in ein Hotel. Es ist neu, kalt, unpersönlich, ein beleuchteter Wohnautomat. So wie das Krankenhaus, in dem Marie liegt, die Schwester, und daneben Maries Freund Torsten, auch er bewußtlos. Ein Mann beugt sich über Torstens Bett; es ist sein Vater, Axel, der von der Mutter getrennt lebt und dessen Gesicht versteinert ist wie die Landschaft hier.

          Axel (Richy Müller) und Karla (Laura Tonke) lernen sich kennen, zwei einzelne, die kein Paar werden und sich doch berühren, erst flüchtig, dann intensiv. „Farland“ ist ein Film von Michael Klier, und wenn es einen Ort gibt, an dem Klier sich nie wohl gefühlt hat, dann ist es das Zentrum des Bilderbetriebs, der Mainstream. Klier bevorzugt Randlage, nicht nur aus ästhetischer, auch aus persönlicher Notwendigkeit. Laura Tonke spielt Karla mit einer vibrierenden Abgeklärtheit, die sie seit „Ostkreuz“ in vielen Rollen erprobt hat, nur daß bei Klier diese Haltung noch reiner und ungezwungener wirkt als sonst. Wenn man „Farland“ sieht, diesen Winterfilm in matten Braun- und Grautönen, muß man an die besseren Episoden aus Kieslowskis „Dekalog“-Zyklus denken, diejenigen, in denen die Moral eine Frage der Kameraeinstellung war. „Farland“ zieht einen Ausschnitt der deutschen Wirklichkeit scharf und läßt uns zugleich von der eigenen Kindheit träumen, der fernen, abgelegten.

          BR, Dokumentarfilm, 23.15 Uhr: Sein und Haben

          Dieser Film hängt sich weder an ein sentimentales Bedürfnis noch an einen aktuellen Konflikt an, auch wenn sein Gegenstand, der Alltag einer Zwergschule im französischen Zentralmassiv, durch die Diskussion um die Ergebnisse der Pisa-Studie an Brisanz gewonnen hat. Aber schon die ersten Bilder, die man bei Nicolas Philibert sieht - Kühe auf einer Weide, einen Minibus, der durch eine verregnete Landschaft fährt -, weisen jeden Wunsch nach polemischer Zuspitzung zurück. Philibert geht es ersichtlich nicht um die zeitliche Signatur seines Sujets, sondern um etwas Ewiges: die ewige mühe- und liebevolle Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, gespiegelt in einer bäuerlichen Umgebung am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Und es geht ihm um eine Form der Wahrheit, die es im Kino sonst nicht gibt.

          Er sucht nach dem Ausdruck im Gesicht des Kindes, das sich ängstlich umschaut, bevor es nach seiner Mutter ruft, und nach den Spuren der Gartenarbeit an den Händen des Lehrers. Im frühen Tonfilm mit seinen langsameren Bildrhythmen waren solche Momente selbstverständlich aufgehoben. Aus den beschleunigten Kinofiktionen unserer Gegenwart sind sie fast völlig verschwunden. Wir müssen sie dort suchen, wohin der Arm der professionellen Geschichtenverkäufer nicht reicht: im Kino der Armut, der Kindheit und der Abgeschiedenheit. Nur von diesen Rändern her erreicht uns noch das wahrhaftige Abbild unserer Welt.

          Mittwoch, 14. September

          ARD, Doku-Reihe, 21.45 Uhr: Legenden. Hildegard Knef

          Wenn Hildegard Knef, die sich in Amerika Hilde Neff nannte, wenn also Hilde Neff ein wenig mehr Glück gehabt hätte oder Protektion, dann wäre aus ihr womöglich ein ganz großer Star in Hollywood geworden - immerhin sah sie, als sie dort ein paar Filme drehte, in den frühen Fünfzigern, so aus, als wäre sie Ginger Rogers' wesentlich jüngere, wesentlich hübschere Schwester, und an jener Präsenz, die in Hollywood noch wichtiger als Schönheit ist, mangelte es ihr auch nicht, wie ihr Broadway-Erfolg in dem Cole-Porter-Musical „Silk Stockings“ bewies. Aber bei Hildegard Knef sind Leben und Karriere einander immer wieder in die Quere gekommen. Mit dem Knef-Porträt beschließt die ARD ihre „Legenden“-Reihe.

          Donnerstag, 15. September

          ARD, Porträt, 21.45 Uhr: Der Kanzler

          Zumindest noch drei Tage lang darf Gerhard Schröder noch diesen Titel tragen, und ihm widmet die ARD auch dieses Porträt von Oliver Merz und Thomas Michel.

          Freitag, 16. September

          Arte, Themenabend, 22.05 Uhr: Vom Reiz der Wäsche

          Eine „Entdeckungsreise in die Welt der Dessous, die auch die Geschichte gesellschaftlicher Veränderungen widerspiegelt“, verspricht uns der Kulturkanal, der uns das reizvolle Thema gewiß auf ganz eigene Art näherbringen wird. Aus drei Dokumentationen besteht der Themenabend. Den Auftakt macht die „Kleine Geschichte der Dessous“, gefolgt von „Die Roben des Christian Lacroix“. Den Schlußpunkt setzen die „Garconnes - Die Frauen der wilden Zwanziger“.

          Weitere Themen

          Rückkehr der Löwin

          Sophia Loren bei Netflix : Rückkehr der Löwin

          Sophia Loren spielt auf Netflix die Retterin eines Flüchtlingsjungen. Dass „Madame Rosa“ eine Überlebende des Holocaust ist, ahnt der rebellische Momò nicht. „Du hast das Leben vor dir“ heißt der Film, den die Loren mit Würde und Wärme trägt.

          Topmeldungen

          Brennpunkt-Schule auf Distanz : Wer nicht eingeloggt ist, wird angerufen

          Die Corona-Zahlen in Berlin-Neukölln sind erschreckend hoch. Doch Distanzunterricht im Brennpunkt ist eine Herausforderung. Für die Lehrer, die das Wechselmodell wollten, steigt die Arbeitsbelastung. Eindrücke aus einer Schule, die es dennoch angepackt hat.
          Ein fleißiger Helfer - doch die Verantwortung übernimmt er nicht.

          Chancen 2021 : Was taugt der Roboter als Anlageberater?

          Robo-Berater sind nützliche Helfer für die Geldanlage. Doch sie befreien nicht von der Verantwortung für das eigene Geld. Teil 3 der Serie „Chancen 2021“

          Warten auf Hilfe : Hotels und Restaurants vermissen Klarheit

          Schnell sollten im November geschlossene Hotels und Restaurants Hilfe bekommen. Die Zwangspause ist nun verlängert, doch Geld ist noch nicht geflossen. Eine Hotelkette bereitet die nächste Klage vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.