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Fernsehkritik : Hau den Kritiker

  • -Aktualisiert am

Nachrichtenflut: Minuten später alles schon wieder vergessen Bild: dpa

Was weiß die Medienkritik schon vom Programm? Es ist wie überall: Auch in der Medienbranche ist das Fell der Kritisierten nicht dick genug

          3 Min.

          Das Fernsehen wird besser, und niemand schaut hin - so sieht es zumindest die Branche selbst, wenn sie ihre Verteidigungshaltung einnimmt und von dort aus den scharfen Ton ihrer Kritiker ankreidet, die immer nur vom Untergang des Mediums sprächen. Es sei eine deutlich wahrnehmbare Tendenz, sagte der ZDF-Kulturchef Hans Helmut Hillrichs im Gespräch mit Michael Jürgs auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik, daß die Kritik von mehr oder weniger gelungenen Einzelsendungen gleich auf das Gesamtangebot eines Senders zu schließen pflege.

          „Was weiß die Medienkritik denn schon vom Programm?“ war die Leitfrage, die Hillrichs den Kritikern provozierend entgegenhielt. Mehr, als den Sendern lieb ist, möchte man ihm entgegnen, schließlich bestimmt die Fülle mäßiger Einzelsendungen den Tenor des Programms und also den Tenor der Kritik. Und was, bitte, nützt die verborgene Linie eines Programms, die der hehren Lehre zum Beispiel des öffentlich-rechtlichen Fernsehens folgt, wenn sie nicht zu sehen ist?

          Kritik an der Kritik als roter Faden

          Zwar bildete die Kritik an der Kritik eine der letzten Stationen der diesjährigen Mainzer Debatten, doch zog sie sich wie ein roter Faden durch die Beiträge der Referenten, die sich über Kompetenz, Relevanz und Akzeptanz des deutschen Fernsehens ihre Gedanken machten: "Info ohne -tainment?", das war die Frage.

          Was kann das Fernsehen, und was kann es nicht? Und vor allem: Wie kann es uns unterhaltsam informieren, ohne uns einzuseifen? Nach Ansicht von Joachim Huber vom „Tagesspiegel“ können das die Magazine jedenfalls nicht. Sie seien zum großen Teil so schlecht gemacht, daß von Relevanz keine Rede sein könne, meinte Huber, der freilich auch den groben Klotz bevorzugte, auf den Kollege Hillrichs hernach seine nicht weniger undifferenzierten Keile setzen sollte. Medienkritik als Grabenkampf, das gab es hier zu sehen.

          Herausforderung „Infotainment“

          Es gibt schlechtes Fernsehen, wer wollte das bestreiten. Doch ist durch die RTL-Dschungelshow „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ weder das Abendland untergegangen noch daran das Gesamtwerk der Branche zu messen, fragen muß man sich vielmehr, wie sich Standards verändern und „Info“ und „Tainment“ schließlich gar nicht mehr voneinander zu scheiden sind. Das ist wahrlich keine neue Frage, aber eine, die sich stets aufs neue stellt, und man hätte darüber zumal beim ZDF sich trefflich streiten können, hat der Sender doch zuletzt vor allem durch seine seltsam hart an der Legalität angesiedelten „Programm-Kooperationen“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch nichts davon.

          Man unterhielt sich vielmehr über die Herausforderung des „Infotainments“ am Beispiel der abendlichen Hauptnachrichtensendungen, denen es nach einhelliger Meinung an originellen Darstellungsweisen mangelt. Zwar seien die Nachrichten aller Sender stets Aktualität und Bedeutung verpflichtet, doch seien sie an das Image des jeweiligen Senders gekettet und immer häufiger in Sachen Eigenwerbung unterwegs. Während die Bildstrecken länger und schneller werden, ist die Wortmeldung auf dem Rückzug, selbst bei der „Tagesschau“. Um das zu erkennen, muß man sich nur die zwanzig Jahre alten Ausgaben der „Tagesschau“ in den dritten Programmen ansehen, die zwar technisch anspruchslos, dafür aber mit der doppelten Menge an Information daherkamen. Es war weniger dran, aber mehr drin.

          Harmoniebedürftige Nachrichtenvergesser

          Vielleicht erklärt sich so - in Wechselwirkung - auch der Rückgang der Zuschaueraufmerksamkeit, den der Jenaer Soziologe Georg Ruhrmann festgestellt hat: Jeder dritte Zuschauer sei heute nicht mehr in der Lage, sich zu merken, was er gerade in den Nachrichten verfolgt, geschweige denn, welche Nachrichtensendung er gesehen habe. Ruhrmann spricht von der Gruppe der "harmoniebedürftigen Nachrichtenvergesser", zu denen sich die "bewußten Nachrichtenverweigerer" hinzugesellten. In ihrem Fall ist jeder Sender mit seinem Nachrichtenlatein am Ende, selbst RTL 2.

          Doch es ist schon seltsam, daß man auf einer Veranstaltung wie den Mainzer Tagen der Fernsehkritik mit einem solchen Befund wenig anzufangen und kaum zu fragen weiß, warum es so ist, wie es ist. Im selben Maß, in dem sich das Medium auch in Form von ARD und ZDF von der Aufgabe der "Sinnstiftung" verabschiedet, wendet es sich von den Kritikern ab, die doch eigentlich eingeladen sein sollten, ihre Sicht der Dinge am Maß der Programmverantwortlichen zu messen. Daß diese sich selbst genug und durch gar nichts zu erschüttern sind, das jedenfalls demonstrierten diese beiden wenig erhellenden Tage auf dem Lerchenberg. Das Fernsehen pflegt seine ganz eigene Art des Wirklichkeitsverlusts. An der harten Realität stoßen sich ARD und ZDF heute nur noch, wenn es um die Frage der Rundfunkgebühren geht.

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