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Fernsehkommissarinnen : Die eine schießt, die andere nicht

„Tatort”-Star Ulrike Folkerts, fotografiert von Herlinde Koelbl Bild: Foto: Herlinde Koelbl, Quelle: Filmmuseum Berlin

Im deutschen Fernsehkrimi herrscht annähernd Geschlechtergleichheit. Das war lange Zeit ganz anders. Eine Ausstellung huldigt den Kommissarinnen des deutschen Fernsehens - von Lena Odenthal bis Bella Block.

          Wenn der Eßtisch leergeräumt, das Geschirr gespült, das Telefonat erledigt, das Kinderbuch vorgelesen ist, kommt ihre Zeit. Während draußen die Nacht auf die Straßen sinkt und drinnen die Heizungen laufen, tragen sie einen Traum von Gefahr und Gewalt in die Wohnzimmer, ins schützende Karree der Stehlampen und Polstermöbel.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sie sind alle vom gleichen Schlag und doch so verschieden - mild und brutal, blitzschnell und träge, einfühlsam und kalt. Die eine weint, die andere nicht, die eine schießt selten, die andere nie. Fast alle tragen Hose, die wenigsten Rock, und fast allen fehlt, was jenen, die ihr Schicksal mit der Fernbedienung verfolgen, am wichtigsten ist: Kinder, Familie, ein Heim.

          Sie leben in Provisorien, sie entwickeln sich weiter, und mit ihnen die Form, die sie ausfüllen: der deutsche Fernsehkrimi, ein Genre mit ganz eigenen Gesetzen, vielfach vernetzt und doch einzig auf der Welt, ein Erzählformat als Nationalkunstwerk. Gäbe es ihn nicht, sie müßten ihn erfinden, damit Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herrscht im Olymp des Scheins, wo die Familienserien noch immer die patente Mama, die Liebesmelodramen das Weibchen propagieren.

          Verdienstvolle Ausstellung

          „Rosa Roth” Iris Berben

          Sie sind Kommissarinnen. Das sagt sich leicht, und inzwischen erscheint es auch ganz selbstverständlich, aber der Weg dorthin, den das Berliner Filmmuseum in einer verdienstvollen Ausstellung dokumentiert, war lang. Nach Emely Reuer, die als Assistentin im Dienstzimmer des "Kommissars" Erik Ode saß und die floralen Kleidermuster der frühen siebziger Jahre vorführte, kam lange nichts.

          Dann betrat Nicole Heesters als Oberkommissarin Marianne Buchmüller die Bühne des "Tatorts". Mit Baskenmütze und Bobfrisur spielte sie die Küchenvariante von Emma Peel, aber selbst das war den Programmverantwortlichen noch zuviel; nach nur drei Folgen verschwand die Figur in der Versenkung. Erst mit Karin Anselm als Hanne Wiegand und vor allem mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, der mittlerweile dienstältesten "Tatort"-Ermittlerin, wurde die Kriminalkommissarin zur ständigen Erscheinung auf dem Bildschirm.

          Die Pistole züchtig unterm Mantel

          Im Berliner Filmmuseum sieht man Ausschnitte aus dem Odenthal-Debüt "Die Neue": Der mordverdächtige Michael Mendl führt Lena beim Sportbogenschießen die Hand und nennt sie gönnerhaft "Penthesilea"; die Pistole, die sie später in höchster Not zücken darf, bleibt züchtig unter ihrem Mantel verborgen. "Die öffentlich-rechtlichen Krimiserien waren (und sind) Truppenübungsplätze zur Ausbildung legitimer Autorität maskuliner Ausprägung", resümiert Gabriele Dietze in ihrem klugen Katalogaufsatz. Erst Folkerts, deren Figur in fünfzehnjähriger Dienstzeit immer mehr zum Alter ego der Schauspielerin wurde, stieß die Tür zum Allerheiligsten des "Tatorts" so weit auf, daß ihre Kolleginnen hindurchgehen konnten, Sabine Postel, Eva Mattes, Andrea Sawatzki, Maria Furtwängler.

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