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Fernsehköche : Unsere Frau in der Küche

  • -Aktualisiert am

Glückliches Händchen beim Fernsehstrudeln: Sarah Wiener Bild: dpa

Erfolg ohne Folgen für den guten Geschmack: Sarah Wiener ist die Köchin der Bißchen-Gesellschaft. Vom Promi-Catering schaffte es die Wienerin übers Fernsehen zur bekanntesten Köchin Deutschlands. Jürgen Dollase verrät, warum.

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          Auch im kulinarischen Sektor ist Erfolg nicht mehr als ein Abstraktum, das ohne präzise Lokalisierung zwischen den Leistungen internationaler Spitzenköche und dem Discounter-Hähnchen wenig Aussagekraft hat. Da erlebt also seit noch nicht sehr langer Zeit eine österreichische Köchin namens Sarah Wiener eine ungeheure mediale Vergrößerung, die ihr neben ständiger Fernsehpräsenz („Kerner's Köche“) gleich mehrere gutgehende Berliner Restaurants („Hamburger Bahnhof“, „Speisezimmer“, „Akademie der Künste“), eine erhebliche Ausweitung ihrer Catering-Aktivitäten und natürlich einschlägige Werbeverträge eingebracht hat.

          Sarah Wiener ist heute also die bekannteste Köchin Deutschlands. Bei der Erklärung dieses Phänomens kann man gewisse Irritationen nicht vermeiden. Zunächst wird der Kenner die kulinarische Substanz eher vernachlässigen, nicht aber Frau Wieners Selbstinszenierung als eine Art Verona Pooth der Gourmandise, bei der man sich fragt, warum nun ausgerechnet sie Hunderte von besseren Köchen hinter sich läßt und durch fast jede Sendung geistert, die sich mit Essen beschäftigt. Da ist etwa der Eindruck aus einem ZDF-Nachtstudio, bei dem sie in einem Satz und mit der ihr eigenen Emphase in kurzem, scheinbar sachkundigem Duktus das Salzproduktionsgebiet Guerande nach Südfrankreich verlegt und dem „Maldon Sea-Salt“ die Besonderheit zugesprochen hat, es sei „kristallin“.

          Muntere Fummelei in der Küche

          Man würde leicht über solche Äußerungen hinweghören, wiederholten sie sich nicht recht penetrant. Hier redet sich jemand heiß, der gar nicht über ausreichende Kenntnisse verfügt. Man muß die neue Tantigkeit bemerken, die bevorzugt weltstädtische Frauen mit regionalem Hintergrund in Horden schnatternder Lifestyle-Surferinnen verwandelt, denen buchstäblich alles in die Hände fallen kann. Warum also nicht auch die Gourmandise?

          Die Vorzeigegastronomin
          Die Vorzeigegastronomin : Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

          Erfolg entsteht nicht zwingend aus einer entsprechenden Befähigung. Erfolg kann auch einfach dadurch ermöglicht werden, weil sich eine Lücke auftut, in die - bildlich gesprochen - eine andere Lücke hineinpaßt. Was hat denn die Schar der professionellen Köchinnen und Köche bislang zu bieten gehabt, um den Muff der weißen Kochmonturen zu überwinden und ein breites Publikum davon zu überzeugen, daß man nicht nur ex cathedra kochen kann, sondern auch muntere Fummelei in der Küche lustig sein kann? Es ist kein Zufall, daß die kochenden Fernsehstars meist in Straßenkleidung auflaufen.

          Grandiose Aufblähung des Schlichten

          Nichts gegen unsere guten Köchinnen, aber der Gegensatz zwischen ihnen und Sarah Wiener ist einfach enorm. Dort rundliche Personen im Krankenschwester-Look, hier eine leicht androgyne, gestanden wirkende Mittvierzigerin, Tochter eines bekannten Schriftstellers und Gastronomen (Oswald Wiener), in der Film-Catering-Szene groß geworden, immer den Promis nahe und gerne auch einmal Unterwäsche aufblitzen lassend. Welchen Typ von Köchin wird man wohl wählen, wenn man für eine Fernsehsendung verantwortlich ist, nichts vom Essen versteht, aber ein bißchen was an Bildern braucht?

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