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Fernsehen : Wer hat an der Uhr gedreht?

Echtzeit-Ermittler: Kiefer Sutherland Bild: RTL 2

Dreimal pro Woche bei RTL 2: Der hochgelobte Echtzeit-Thriller „24“ mit Kiefer Sutherland, der an diesem Dienstag ins Fernsehen kommt, hält alles im Fluß und beschwört die intensiven Seiten des Lebens.

          Zeit kann stocken, genau wie Atem, Verkehr oder Fortschritt. Eine der eindrucksvollsten Szenen der ersten Folge von "24" inszeniert eine bei derlei Dramen sonst meist fließende bis reißende Actionsequenz als atemlosen Auffahrunfall ineinander verkeilter Mikro-Momente: Der zwielichtige Bürokrat George Mason (Xander Berkeley) steht im Büro des Helden Jack Bauer (Kiefer Sutherland), um angeblich seinen unmittelbaren Vorgesetzten anzurufen. Den soll er nämlich auf Bauers Bitte hin auffordern, die Quelle eines verschlüsselten Datenpakets preiszugeben.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Bauer verläßt den Raum, um bei der Verhandlungsführung nicht im Weg rumzustehen - in Wirklichkeit entfernt er sich aber kaum zehn Schritte, dann weist er in befehlsgewohntem Ton die Kollegin Nina Myers (Sarah Clarke) an, die Leitung anzuzapfen, die Mason benutzt. Nina wirft Bauer ein Handy zu, das er auffängt, ohne auch nur hinzusehen. Jetzt kann er mithören und erfährt so, daß das angebliche Gespräch in Wirklichkeit ein Anruf bei der Zeitansage ist. Das Handy wird weggesteckt, Bauer geht zum Waffenschrank, Nina hinterher, Bauer verlangt einen leeren Aktenordner, greift eine Pistole - dann zeigen auf dem Fernsehschirm nebeneinandermontierte Parallelbilder, wie Bauer mit der im Ordner eingelegten Waffe panthergleich den Großraumarbeitsplatz durchmißt, die Treppe hochgeht und sein Büro betritt. Mason ist gerade mit seinem angeblichen Anruf fertig, wendet sich Bauer zu und wird von einem Betäubungspfeil ins Bein getroffen, den Bauer abgefeuert hat.

          Musik zur Körperverletzung

          Der ganze Vorgang - vom Anwählen der Zeitansage durch Mason über Bauers Verdacht und dessen Überprüfung bis zu dem Moment, da der Verdächtige niedergestreckt wird - dauert rund zwei Minuten, wenige Takte von Gustavo Santaolallas "Iguazu" begleiten ihn. Das Musikstück zur vorsätzlichen Körperverletzung, begangen am Abgesandten einer übergeordneten Behörde, hat zuvor der Regisseur Michael Mann in seinem Zigarettenindustrie-Skandalthriller "The Insider" (1999) benutzt, um die Gewissensqual des von Russel Crowe gespielten Verräters hochsensibler Firmengeheimnisse noch ein bißchen fürchterlicher, folternder, verzupfter und zerrütteter aussehen zu lassen als ohnehin schon.

          Wieso das erwähnenswert ist? Weil diese Einzeltatsache ein sympathisch pedantisches Grundprinzip von "24" aufschließt, das in allen bislang existierenden Folgen der inzwischen zwei Staffeln umfassenden Serie alle Verhältnisse zwischen Handlung, Musik, Schnitt und schauspielerischer Leistung regelt: Die Zeit frißt das Leben, aber die Bedeutung der Kunstmittel, mit denen wir dies zeigen, ist nicht im Fluß begriffen, sondern so fix wie nur irgend etwas.

          Fast totgeschrieben

          So gerne sich die Macher von "24" bei Vorbildern bedienen, den Fundus der Mittel und Wege kennen und kein Werkzeug verschmähen - immer stehen diese Mittel in strikt deterministischer Beziehung zu den jeweiligen narrativen Zwecken. Wir wollen zeigen, daß ein Mann tun muß, was er eben tun muß, auch wenn das seinen Arbeitsplatz gefährdet? Na, da nehmen wir doch zur Untermalung Musik aus einem Film, der davon handelt, daß ein Mann tun muß, was er eben tun muß, auch wenn es seinen Arbeitsplatz und so weiter . . . Das ist "24": Selbst dann, wenn man das inzwischen von der Kritik fast totgeschriebene zentrale Gimmick ignoriert - jede etwa einstündige Episode zeigt eine Stunde desselben Tages, vierundzwanzig Folgen ergeben dann dessen Gesamtheit -, stößt man beim Anschauen überall auf Zeitprobleme sowie die Verkehrsmittel, Kommunikationsnetze und Dienstpläne, an denen wir sie ablesen können.

          War das Wählton-Gewitter, in dem sich Tom Cruise während der großen Telefonschlachten von Cameron Crowes Film "Jerry Maguire" (1996 ) als Held der neuen Arbeitsabläufe bewähren mußte, noch ein Ausnahme-Ereignis, extremer Grenzfall eines schwer geprüften Daseins, so wütet das Schicksal jetzt, in "24", permanent als Veranlasser solcher Datenkollisionen. Auf dem - oft mehrfach - geteilten Bildschirm, der aussieht wie das Menü einer DVD, aber auch zwischen den Schurken und ihren Widersachern wird hin und her gemeldet, geroutet, geforwarded, kopiert, gespeichert und wieder abgespielt, daß die Datensphäre wackelt.

          Zwanghaft deterministisch

          Mögen Cineasten ähnliches bei Ang Lees diesjährigem "Hulk"-Spektakel auf Knien anbeten, mag auch der Fernsehfan einwenden, daß die vielgerühmte Kontinuität der Handlungsstränge bei "24" eine so einzigartige Leistung nicht ist, seit "Babylon 5" vorgemacht hat, wie man das Serienformat zur televisionären Neuerfindung der Gattung "Roman" nutzt, eins ist sicher: Mit dieser ultra-angespannten Aufmerksamkeit füreinander, so zwanghaft deterministisch sind neue filmische Techniken und das zeitlos Uhrwerkhafte des Kriminalistischen an sich einander seit Tony Scotts "Staatsfeind Nummer Eins" (1999) mit Will Smith nicht mehr begegnet.

          Ein Anti-Terror-Cop erhält eine Attentatswarnung: Der aussichtsreiche schwarze Präsidentschaftskandidat David Palmer (Dennis Haysbert) soll getötet werden. Gleichzeitig gibt man dem Agenten zu verstehen, daß möglicherweise Mitarbeiter und Vorgesetzte in die Intrige verstrickt sind und er niemandem trauen darf. Außerdem ist seine Tochter Kim (Elisha Cuthbert) mitten in der Nacht ausgebüchst. Per Mobiltelefon hält er, während er an der andern Front das Land zu retten versucht, Kontakt zur Gattin (Leslie Hope), die den wilden Teenager suchen fährt, irgendwo im großen Los Angeles.

          Medienkrawallwelt

          Soweit die Plotvoraussetzungen, aus denen sich dann die einigermaßen anspruchsvollen eigentlichen Themen schälen und bald hoch über ihre Zufallsprämissen erheben: das Büro als die höfische Welt der Gegenwart, voller Palastrevolutionen und Dolchstöße; Ehe und Familie als das größte Politikum der nachbürgerlich verschmutzten und durchlöcherten Membran zwischen drinnen und draußen; die Psychostruktur der ideellen Gesamthillary an der Seite der Bill Clintons des freien Westens in Politik und Medienkrawallwelt . . .

          Elfter September hin, dunkle Geheimnisse aus der jüngeren Zeitgeschichte her, die in "24" wacker zusammengebacken werden: Daß das alles so vorbildlich kickt und knallt, hat eher wenig zu tun mit katastrophalen Weltereignissen und deren Schwerbedeutsamkeit. Mehr schon mit fast anlaßfreien Medienfeldeffekten - es geht in "24" nicht darum, wie weit nach draußen, bis nach Afghanistan oder Kuala Lumpur etwa, diese Effekte reichen, sondern darum, wie groß ihre Durchschlagskraft Sekunde für Sekunde sein kann. In einer Zeit, in der via sogenannter "Globalisierung" alles von extensiven Dingen abzuhängen scheint, feiert man hier ihr Gegenteil - die intensiven Sachen.

          Leicht finsterer Stil

          Kiefer Sutherland, der den Jack Bauer spielt, war für eine solche Akzentverschiebung weg von der großen und massenhaften, hin zur intimen und familiären Panik die ideale Besetzung - kein den Erdball beherrschender Megastar, kein einnehmendes, gewinnendes Grinsen, sondern ein spröder, abweisender, leicht finsterer Stil, sich zu geben und einzusetzen, dessen Träger sich in Interviews mit Herrenzeitschriften dazu bekennt, daß ihm in Fragen der persönlichen Haltung exzentrische Figuren wie der "Black Crowes"-Sänger Chris Robinson - eine menschgewordene Vogelscheuche erster Güte - inspirierender vorkommen als irgendwelche New-Economy-Gigolos auf der Modestrecke.

          Für den Jack Bauer, der aus dieser Haltung entstanden ist, gab's einen Golden Globe. Verdient hätten den auch die eine oder der andere aus dem restlichen Ensemble: Leslie Hope zum Beispiel, die eine nervenkranke Agentengattin gibt, der würdevoll-bullige schwarze Politikerdarsteller Dennis Haysbert, dem wohl sogar Rumsfeld salutieren würde - und vor allem Sarah Clarke als Jack Bauers fähigste Mitarbeiterin Nina Myers. Sie spielt den Vollprofi Sutherland am Ende des längsten Tages in Jack Bauers Leben fast an die Wand - aus Gründen, die hier nicht verraten werden dürfen.

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