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Fernsehen : Wer hat an der Uhr gedreht?

Zwanghaft deterministisch

Mögen Cineasten ähnliches bei Ang Lees diesjährigem "Hulk"-Spektakel auf Knien anbeten, mag auch der Fernsehfan einwenden, daß die vielgerühmte Kontinuität der Handlungsstränge bei "24" eine so einzigartige Leistung nicht ist, seit "Babylon 5" vorgemacht hat, wie man das Serienformat zur televisionären Neuerfindung der Gattung "Roman" nutzt, eins ist sicher: Mit dieser ultra-angespannten Aufmerksamkeit füreinander, so zwanghaft deterministisch sind neue filmische Techniken und das zeitlos Uhrwerkhafte des Kriminalistischen an sich einander seit Tony Scotts "Staatsfeind Nummer Eins" (1999) mit Will Smith nicht mehr begegnet.

Ein Anti-Terror-Cop erhält eine Attentatswarnung: Der aussichtsreiche schwarze Präsidentschaftskandidat David Palmer (Dennis Haysbert) soll getötet werden. Gleichzeitig gibt man dem Agenten zu verstehen, daß möglicherweise Mitarbeiter und Vorgesetzte in die Intrige verstrickt sind und er niemandem trauen darf. Außerdem ist seine Tochter Kim (Elisha Cuthbert) mitten in der Nacht ausgebüchst. Per Mobiltelefon hält er, während er an der andern Front das Land zu retten versucht, Kontakt zur Gattin (Leslie Hope), die den wilden Teenager suchen fährt, irgendwo im großen Los Angeles.

Medienkrawallwelt

Soweit die Plotvoraussetzungen, aus denen sich dann die einigermaßen anspruchsvollen eigentlichen Themen schälen und bald hoch über ihre Zufallsprämissen erheben: das Büro als die höfische Welt der Gegenwart, voller Palastrevolutionen und Dolchstöße; Ehe und Familie als das größte Politikum der nachbürgerlich verschmutzten und durchlöcherten Membran zwischen drinnen und draußen; die Psychostruktur der ideellen Gesamthillary an der Seite der Bill Clintons des freien Westens in Politik und Medienkrawallwelt . . .

Elfter September hin, dunkle Geheimnisse aus der jüngeren Zeitgeschichte her, die in "24" wacker zusammengebacken werden: Daß das alles so vorbildlich kickt und knallt, hat eher wenig zu tun mit katastrophalen Weltereignissen und deren Schwerbedeutsamkeit. Mehr schon mit fast anlaßfreien Medienfeldeffekten - es geht in "24" nicht darum, wie weit nach draußen, bis nach Afghanistan oder Kuala Lumpur etwa, diese Effekte reichen, sondern darum, wie groß ihre Durchschlagskraft Sekunde für Sekunde sein kann. In einer Zeit, in der via sogenannter "Globalisierung" alles von extensiven Dingen abzuhängen scheint, feiert man hier ihr Gegenteil - die intensiven Sachen.

Leicht finsterer Stil

Kiefer Sutherland, der den Jack Bauer spielt, war für eine solche Akzentverschiebung weg von der großen und massenhaften, hin zur intimen und familiären Panik die ideale Besetzung - kein den Erdball beherrschender Megastar, kein einnehmendes, gewinnendes Grinsen, sondern ein spröder, abweisender, leicht finsterer Stil, sich zu geben und einzusetzen, dessen Träger sich in Interviews mit Herrenzeitschriften dazu bekennt, daß ihm in Fragen der persönlichen Haltung exzentrische Figuren wie der "Black Crowes"-Sänger Chris Robinson - eine menschgewordene Vogelscheuche erster Güte - inspirierender vorkommen als irgendwelche New-Economy-Gigolos auf der Modestrecke.

Für den Jack Bauer, der aus dieser Haltung entstanden ist, gab's einen Golden Globe. Verdient hätten den auch die eine oder der andere aus dem restlichen Ensemble: Leslie Hope zum Beispiel, die eine nervenkranke Agentengattin gibt, der würdevoll-bullige schwarze Politikerdarsteller Dennis Haysbert, dem wohl sogar Rumsfeld salutieren würde - und vor allem Sarah Clarke als Jack Bauers fähigste Mitarbeiterin Nina Myers. Sie spielt den Vollprofi Sutherland am Ende des längsten Tages in Jack Bauers Leben fast an die Wand - aus Gründen, die hier nicht verraten werden dürfen.

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