https://www.faz.net/-gqz-pkd8

Fernsehen : Weine nich', wenn der Siegfried kommt

  • -Aktualisiert am

Er tut es wirklich: Siegfried badet im Drachenblut Bild: dpa/dpaweb

Drache, Schatz, Zwerg, Schwert, Ring und so weiter: In Uli Edels Hochglanzprodution, die Sat.1 in diesen Tagen zeigt, werden Motive und Schlüsselreize der Nibelungensage wie Konfetti in die Luft geworfen.

          Die deutsche Aneignungsgeschichte der Nibelungensage darf als ein gravierender Fall von Mißbrauch gelten. Dabei war ihre wichtigste Überlieferung das mittelhochdeutsche höfische Nibelungenlied, das um 1200 im Raum zwischen Passau und Wien entstand und von Siegfried aus Xanten berichtet, dem tollkühnen Drachentöter, und von den dramatischen Ereignissen am Burgundenhof zu Worms, deren historische Wurzeln im vierten bis sechsten Jahrhundert liegen.

          Es handelt von Hagen von Tronjes List, Brünhildens Stärke und Kriemhilds blutiger Rache für den Tod Siegfrieds, für mehr als zweihundert Jahre geriet es in Vergessenheit, nachdem es zum letzten Mal Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in Kaiser Maximilians Ambraser Heldenbuch aufgezeichnet worden war.

          Als Nationalepos instrumentalisiert

          Erst als im achtzehnten Jahrhundert zwei Handschriften in Schloß Hohenems bei Bregenz gefunden wurden, entdeckten und übersetzten es romantische Autoren - in deutlicher Absicht und Zurichtung. Das Nibelungenlied wurde zum historisch-politischen Demonstrationsobjekt par excellence. Der Zeitgeist, vom Nationalstaatsgedanken wie besoffen, schien nur darauf gewartet zu haben.

          Mit Hilfe des Nibelungenlieds sollte nun ohne Umstände bewiesen werden können, daß die Deutschen ähnlich wie die Griechen mit der Ilias einen Gründungsmythos respektive ein Nationalepos besäßen, in dem der deutsche Nationalcharakter, besonders der angeblich moralisch überlegene Wesenszug der Treue, schon in altgermanischer Vorzeit mustergültig der Historie eingeschrieben worden sein sollte. Im Ersten Weltkrieg wurde zwecks Stärkung des Durchhaltewillens diese "heroische Nibelungentreue" instrumentalisiert; Hermann Göring schließlich verglich den Kampf vor Stalingrad mit dem aussichtslosen Überlebenskampf und der Opferbereitschaft der Burgunden in der brennenden Halle, die Kriemhilds blinder Wut ausgeliefert sind.

          Der Nibelungen wahre Not nach 1945

          Mit dem Nibelungenlied selbst, das gerade nicht moralisierend, sondern hoffnungslos tragisch vor allem von Betrug, Streit, Mord und maßloser Rache handelt, hatte diese schauerliche Indienstnahme kaum je zu tun. Auch gegenwärtig schert es höchstens Fachwissenschaftler, daß - nur zum Exempel - die mittelalterliche "triuwe", die die Burgundenkönige im zweiten Teil des Nibelungenlieds daran hindert, Hagen auszuliefern und somit das eigene Leben zu retten, ein Lehens- und damit ein historischer Rechtsterminus ist. Das Nibelungenlied bleibt im kollektiven Gedächtnis ein berüchtigter Text, so verdächtig wie das Reden von deutscher Identität. Das ist der Nibelungen wahre Not nach 1945 geblieben.

          Doch was tun, wenn man, wie Regisseur Uli Edel ("Die Nebel von Avalon") vor dem Nibelungenstoff zwar ein gewisses Unbehagen verspürt, gleichwohl aber nicht davon lassen will? Wenn der "naive" Expressionismus, der noch Fritz Langs Stummfilm der "Nibelungen" kennzeichnet, zeitgeschichtlich betrachtet keine Möglichkeit mehr ist? Müßte man nicht die Rezeption des Nibelungenlieds als deutsches Trauma auch in einem aktuellen Unterhaltungsfilm, gerade in einem Fernsehfilm, der sich als "TV-Event des Jahres" anpreist, mitbedenken? Muß man, soll man, kann man damit punkten?

          Der Hauptdarsteller hört auf den Namen Action

          Weitere Themen

          Wenn die „Girls“ zelten gehen

          Serie „Camping“ bei Sky : Wenn die „Girls“ zelten gehen

          In einem gewissen Alter ist Zelten mit Freunden nicht unbedingt die beste Idee: Die neue Lena-Dunham-Serie „Camping“ mit Jennifer Garner wurde heiß erwartet. Leider ist sie ein ziemlicher Reinfall.

          Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel Video-Seite öffnen

          Architektonische Kunstwerk : Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel

          Die James-Simon-Galerie ist fertiggestellt und soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Das Haus soll zentrales Empfangsgebäude sein und mehrere Museen miteinander verbinden. Die Pläne stammen aus dem Berliner Büro des renommierten britischen Architekten David Chipperfield.

          Topmeldungen

          Kommentar zu Straßburg : Das ist deutsche Hybris

          Kann es uns wirklich besser als Franzosen, Briten und Spaniern gelingen, die Ausbreitung von integrationsunwilligen Parallelgesellschaften zu verhindern? Ein Kommentar.

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.