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Fernsehen : Schade nur, daß Beethoven mit Bohlen kein Duett singt

  • -Aktualisiert am

Der Herr rechts hat beim ZDF noch Siegchancen, der linke ist ausgeschieden Bild: dpa/dpaweb

Gottschalk schlägt Goethe, und Küblböck ist in den Top 100: Das ZDF will im Studiozirkus Maximus herausfinden, wer „Unsere Besten“ sind. Mit einem Scheitern des Unterfangens ist leider nicht zu rechnen.

          "Scheitern", stellt der Soziologe Richard Sennett zur Verfaßtheit unserer Gegenwart fest, "ist das große moderne Tabu." Nimmt man, was derzeit im Fernsehen passiert, als gesellschaftlichen Spiegel, kann man ihm tatsächlich nur recht geben. Denn nichts beklatscht das Publikum dort gerade heftiger als Erfolgsgeschichten - und seien es auch nur solche mit der mäßigen Haltbarkeit eines einzigen Auftritts vor der Kamera. Gleichgültig, ob öffentlich-rechtliche oder private Sendeanstalten: Auswahl um der Selektion willen, darauf verständigt sich das Quotenrezept quer durch die Kanäle, das sich an darwinistisch anmutenden Ranking-Spielchen berauscht. Dabei zählt offenbar nur noch, daß man Erfolg hat, nicht aber, wie man diesen Erfolg erzielt beziehungsweise worin er eigentlich besteht.

          Der Begriff "Talent" ist bei Shows wie "Deutschland sucht den Superstar", "Starsearch" oder "Die deutsche Stimme" nur noch ein auf die Verpackung gedrucktes Werbewörtchen, in den Sendungen selbst geht es - ziehen wir zum Beispiel mal Musikalität als Maßstab heran - vergleichsweise talentfrei zu. Doch das macht ja auch gar nichts, denn um Leistungen, Talente oder große Taten eines Kandidaten geht es hier nicht. In der Aufmerksamkeits-Gesellschaft, in der das Ideal einer Leistungsgerechtigkeit der Zufallsideologie einer "Gelegenheitsökonomie" gewichen ist, bleibt vom Helden nur noch der Akt seiner Auswahl. Seine Macher und nicht er selbst stehen im Zentrum der Betrachtung. Das ist eine der Grundregeln im Staate Bohlen. Und das Publikum, das immer wieder aufs neue mehr oder minder willkürliche Entscheidungen mitträgt und darüber befindet, wer angeblich der oder die "Beste" ist, feiert letztlich sich selbst.

          Stars in Sekunden

          Rankings sind die Gladiatorenspiele unserer Tage und bieten wie im Alten Rom ein Racheforum, auf dem sich die Häme einer nicht-prominenten, ohnmächtigen Mehrheit an ausgewählten Dummyfiguren entlädt. Wie die Arenenbesucher genießen wir es im Studiozirkus Maximus per Telefon, Internet oder SMS binnen Sekunden über das Schicksal von Provinz-Cinderellas und Talmi-Prinzen abzustimmen und sogenannte "Stars" am Fließband zu produzieren, die bald wieder ins Nichts der Namenlosigkeit verschwinden. Jede inhaltliche Dimension einer "Heldentat" wird schon aus Gründen der langwierigen Darlegung echter "Werke" ausgeblendet.

          Bislang allerdings beschränkte sich die Spielerei auf Bewerber, die sich freiwillig meldeten. Nun allerdings bindet das ZDF auch Größen und Idole der Vergangenheit ins Ranking-Spektakel ein und läßt heute abend unter dem Titel "Unsere Besten" hundert Persönlichkeiten gegeneinander antreten, für deren Bedeutung und Prominenz die Anzahl der Nennungen in der "Bild"-Zeitung als genauso bedeutsam erachtet wird wie ihr Rang im Lexikon der Kulturgeschichte. 90 000 Menschen haben sich an der Umfrage, wer zum "größten Deutschen" aller Zeiten gekürt werden soll, beteiligt. Und dabei hat - soviel war vorab zu erfahren - der Talkmaster Thomas Gottschalk im direkten Vergleich mit Johann Wolfgang von Goethe mit 51 zu 49 Prozent besser abgeschnitten als der Dichter. Der Skandalproduzent Dieter Bohlen ist gegen den Komponisten Ludwig van Beethoven dann doch relativ sang- und klanglos untergegangen, mit 21 zu 79 Prozent der abgegebenen Stimmen. Erwähnenswert erschien den Showmachern vor dem heutigen Sendestart außerdem, daß sich unter den ersten Zehn "eine Frau" befindet und auf den hundert Listenplätzen auch "Paradiesvögel" wie Supersternchen Daniel Küblböck auftauchen. Ob dieses Land damit tatsächlich die "hundert Besten" bekommt, die es verdient?

          Bitterernste Sache

          Das ZDF jedenfalls nimmt die Sache bitterernst. Es gehe um die "Bestandsaufnahme der Kulturnation Deutschland" und um die "reizvolle Frage nach der deutschen Identität", behaupten die "Experten" und Fernsehhistoriker ehrenhalber Johannes B. Kerner und Guido Knopp in der Presseankündigung. Dabei ist ihre Bestenliste nichts anderes als jenes schicksalhafte Mißverständnis, dem auch der Held in Nick Hornbys Roman "High Fidelity" anhängt, der alles und jeden nach dem Musikgeschmack beurteilt und dabei nichts als persönliche Bestenlisten im Kopf und darüber vergessen hat, daß es eine Menge Dinge gibt, die vielleicht sogar von entscheidender Bedeutung sind, die sich nicht auf die Plätze eins bis zehn hintereinander verweisen lassen.

          Zu dumm auch, daß tote "Popstars" wie Goethe oder Beethoven nicht selbst etwas vortragen oder -trällern können. Beim ZDF sind sie deshalb in MTV-Manier auf die Idee verfallen, unter Anleitung von Guido Knopp, dem Popregisseur unter Deutschlands Fernsehhistorikern, über die bereits verstorbenen Nationalgrößen mit Musik unterlegte Videoclips zu drehen.

          Ähnlich wie in den Quizsendungen, die nur besteht, wer neben Mozart auch Mutter Beimer aus der Lindenstraße kennt, präsentiert sich bei "Unseren Besten" Bildung als ein "Kessel Buntes", von Bachs Präludium bis zu Beckers Bumm-Bumm darf nichts fehlen. Daß man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und Beethoven nicht den Tort antun kann, in seiner künstlerischen Disziplin von Bohlen herausgefordert zu werden, davon weiß die Elitebildung à la ZDF nichts. Nach insgesamt fünf abendfüllenden Shows will das Zweite Deutschen Fernsehen bekanntgeben, wer "der größte Deutsche" aller Zeiten ist. Mit einem Scheitern des Unterfangens ist - im Sinne der Veranstalter - leider nicht zu rechnen.

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