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Fernsehen : Öztürks von nebenan

  • -Aktualisiert am

Fersehfamilienfusion: Schneider - Öztürk Bild: ARD/Hardy Spitz

Die zweifellos beste Serie, die der ARD seit langem eingefallen ist: „Türkisch für Anfänger“. Das Schema ist eine Art „Ich heirate eine Familie“ mit multikulturellem Hintergrund. Fusioniert werden Schneiders mit Öztürks, Klischees werden dabei lustvoll aufgebrochen.

          Wahrscheinlich verdienen sie sich beim ZDF gerade eine goldene Nase. Morgens, wenn die neuesten Verkaufszahlen vorliegen, gibt es Sekt. Und beim Vermarkter ZDF.enterprises wird gerätselt, wieso man nicht viel früher auf die Idee gekommen ist, Familienserien aus den achtziger Jahren auf DVD zu pressen. Wer will, kann „Die Wicherts von nebenan“ reanimieren (70 Euro im ZDF-Shop, pro Staffel, versteht sich), mit diesen „Drombuschs“ leiden (knapp 210 Euro) und sich in die „Schwarzwaldklinik“ einweisen (die erste Staffel erscheint Ende des Monats auf DVD). Oder man spart sich das Geld und dreht einfach eine moderne Variante seiner Lieblingsserie. Muß ja nicht fürs ZDF sein.

          Bora Dagtekin hat in den Achtzigern sicher häufiger ZDF geschaut. Inzwischen ist er selbst Autor und schreibt fürs Fernsehen - eine Zeitlang bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, aber das war nicht das Richtige, weil seine Ideen nicht in die Soap-Schemata paßten. „Da habe ich viel gelernt, bin aber schon negativ aufgefallen“, sagt der Siebenundzwanzigjährige. Danach kamen „Wilde Jungs“ und „Schulmädchen“, was man verzeihen kann, weil Dagtekin nun verantwortlich ist für „Türkisch für Anfänger“, die neue ARD-Vorabendserie, die man, ohne rot zu werden, als das Beste bezeichnen kann, was dem Ersten seit langer Zeit passiert ist. „Wir wollten auf keinen Fall ein Erfolgsformat kopieren“, sagt Dagtekin. „Die Idee ist aber am ehesten mit so etwas zu umreißen wie ,Ich heirate eine Familie' auf türkisch.“ Das hat ganz hervorragend geklappt.

          Gürkchen ist die Supernova

          Die flotte ARD-Serie hat nicht mehr viel mit dem ZDF-Klassiker (105 Euro im ZDF-Shop) zu tun, außer, daß es auch in „Türkisch für Anfänger“ um eine turbulente Familienfusion geht. Statt Peter Weck und Thekla Carola Wied verlieben sich die Therapeutin Doris und der türkische Kommissar Metin. Zum Entsetzen der sechzehnjährigen Tochter Lena beschließt Doris, die Haushalte Schneider/Öztürk zusammenzulegen. Lena, aus deren Perspektive der Schlamassel erzählt ist, hält den Umzug für eine Schnapsidee. Sie hat ständig ironische Kommentare parat und würde am liebsten zurück in die alte Wohnung. Ihre Mutter sagt: „Ich habe schon viele Kinder pubertieren gesehen, Gürkchen, aber du bist echt eine Supernova!“ Dabei kann man Lena verstehen, wächst sie doch mit einer Mutter auf, die in Konfliktsituationen sagt: „Wir holen tief Luft und atmen alle unsere Aggressionen aus.“

          Keine Parallelgesellschaft

          Gürkchens kleiner Bruder Nils kommt mit der Situation ganz gut zurecht und freut sich auf den Ersatzpapa. Und dann sind da Metins Kinder Yagmur und Cem - zwei wandelnde türkische Klischees: Yagmur sucht sich ihr Zimmer mit dem Kompaß aus, um morgens gen Mekka zu beten, und hält sich strikt an den Islam. Ihr Bruder hingegen ist ein echter Checker, der mit seiner Gang auf dem „Spieler“ (dem Spielplatz) abhängt, Mädels nachschaut und den Beschützer der Schwester spielt. Mit der neuen Situation fühlt sich auch der siebzehnjährige Türke unwohl - für Cem gehören Frauen hinter den Herd. Doris aber kann nicht kochen, hält es für eine Leistung, eine Herdplatte für warmen Kakao anzustellen, und schneidet Kuchen mit dem elektrischen Tranchiermesser.

          „Ich will Regeln!“

          Das alles hört sich ziemlich irre an, ist aber äußerst unterhaltsam: jung, unkonventionell, schnell und urkomisch. Hat man eine Episode gesehen, will man gleich die nächste anschauen. Und die übernächste. Weil es jedesmal Kleinigkeiten zu entdecken gibt, die mit der Erwartung der Zuschauer brechen. Im Mittelpunkt der Serie stehen nicht die großen kulturellen Differenzen zwischen Deutschen und Türken, sondern die Protagonisten mit ihren kleinen Macken. Daß es nach dem sehr realen Streit um die Mohammed-Karikaturen auch Ärger wegen „Türkisch für Anfänger“ geben könnte, fürchtet der Autor Dagtekin nicht: „Wir haben sehr genau darauf geachtet, wo die Grenzen sind. Für mich war es wichtig, auf einer familieninternen Ebene auf kulturelle Konflikte einzugehen, ohne dabei politisch zu werden.“

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