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Fernsehen : Menschen wie du und ich nicht

Das wahre Leben? „Do it Yourself - S.O.S.” bei Pro Sieben Bild: ProSieben

99 Hausfrauenpopstarballons: Die „Real People“ sind im Fernsehen das Gebot der Stunde. Sämtliche Sender planen weitere Programme, die das vermeintlich wahre Leben präsentieren.

          -Es ist die allerletzte Werbepause, versprochen, ehrlich, echt: Die Fans von "Big Brother - The Battle", deren Langmut wir ohnehin bewundert haben, wurden vor einer Woche, beim Finale der vierten Staffel der Mutter aller Reality-Schlachten, ein allerallerallerletztes Mal vertröstet. Diese eine Werbepause mußte noch rein, und dann stand fest: Jan, 23, aus Essen, von Beginn an everybody's darling im Container, durfte denselben als Sieger verlassen und 90.000 Euro mit nach Hause nehmen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Tusch, Feuerwerk im Hintergrund, Zigarre ins Gesicht, Jubel, Trubel im Publikum, eitel Freude Sonnenschein bei Sender und Produzent. Bis zu 3,81 Millionen Zuschauer haben dieses Finale verfolgt, der Marktanteil bei der Zielzuschauergruppe der Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen lag bei sage und schreibe bis zu 30,4 Prozent. Die Schlacht war geschlagen, RTL 2 und Endemol auf der Siegerstraße. Doch wer hätte das, als die vierte Staffel von "Big Brother" neunundneunzig Tage zuvor gestartet war, mit sportmartialischen Spielchen und Softpornoeinlagen aufgepeppt, gedacht? Sagen wir mal, außer Borris Brandt, dem Deutschlandchef der Firma Endemol?

          Toter Punkt

          Wohl kaum einer, vor allem wenn man bedenkt, daß "Big Brother" und alle Formate, die unter dem Rubrum "Reality TV" oder "Real People" liefen, zwei Jahre zuvor an einem toten Punkt angekommen waren und auf Jahre hinaus angezählt schienen. Matthias Alberti, der Unterhaltungschef von Sat.1, erinnert sich auf den Tag genau: Es war der 28. Januar 2001, an dem gleichzeitig "Big Brother", "Girlscamp" und "II C" ("to club") starteten: "Das war der Overkill." Dessen Folgen haben das Genre zwei Jahre lahmgelegt, so daß man zu dem Schluß kommen konnte, die Sache mit der Reality habe sich erledigt.

          Doch von wegen. Wir erleben nicht nur eine Renaissance, sondern eine Epidemie, die darauf hindeutet, daß es sich hier mitnichten um ein vorübergehendes Phänomen im Programm handelt. Die Pause vom Container & Co. war vielmehr eine "spezifische Anomalie" des deutschen Fernsehgeschäfts, wie auch Matthias Alberti von Sat.1 meint. In anderen vergleichbaren Märkten haben sich die Shows, die sich um die sogenannten "Real People" drehen, einfach kontinuierlicher und ohne solche spektakulären Ausreißer entwickelt. "Reality is coming home", könnte man sagen, oder mit Borris Brandt: "Reality ist ein Genre, das sich nicht mehr wegdiskutieren läßt."

          Die Abschlußklasse

          Bestes Zeichen dafür ist, daß ein Sender wie Pro Sieben, der in dieser Sparte bis dato eher Schiffbruch erlitt, gleich auf "Reality in Serie" setzt. Vier Shows werden im August anlaufen: die "Popstars", die jetzt, Big-Brother-ähnlich, ins "Duell" müssen, die "Abschlußklasse 2004", die Heimwerker-Show "Do It Yourself - S.O.S." und "Die Casting Agentur". Letztere wird als "reale Dokusoap mit Ruhrpott-Charme" verkauft und betreut von Christiane Ruff, der Geschäftsführerin der Sony Pictures Film- und Fernseh-Produktion. Daß sie sich einen Namen gemacht hat als Sitcom-Königin der Branche, deutet ebenfalls darauf hin, daß die "Real People" in immer mehr Bereiche der Fernsehunterhaltung hineindiffundieren.

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