https://www.faz.net/-gqz-rwe1

Fernsehen : Kein Grimme-Preis für Osthoff

Grimme-nominiert: Anne Will Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der absurde Vorschlag, Susanne Osthoff für den wichtigsten deutschen Fernsehpreis zu nominieren, fand keine Mehrheit. Statt dessen nominiert: Anne Will, „Speer und er“, „Pastewka“ und vieles andere.

          Die Sache ist einhellig beschlossen worden: Susanne Osthoff wird nicht für den Grimme-Preis nominiert - und niemand ist darüber wohl wirklich überrascht. Das große Bohei um die vermeintliche Nominierung der exzentrischen Bayerin für den Preis, der als die wichtigste deutsche Auszeichnung für Qualitätsfernsehen gilt, war mehr Medienposse als alles andere. „Es hat uns drei Tage Arbeit gekostet, das aufzuklären“, kritisierte Grimme-Chef Uwe Kammann. Er hofft, daß mit der Bekanntgabe der Nominierungen an diesem Donnerstag endgültig ein Strich unter die Sache gezogen worden ist.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Art und Weise, mit der der Absender des Vorschlags - ein Redakteur der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“, die die umstrittene Eingabe wenig später zuerst und exklusiv vermeldete - diesen formuliert hatte, war wohl nicht nur für Kammann ein Indiz dafür, daß es sich lediglich um eine Provokation und „Medieninszenierung“ gehandelt hat. Dem Ansehen des Preises habe der Trubel nicht geschadet, meint Kammann, der sich jedoch über Zuschriften ärgern mußte, die dem Grimme-Institut vorwarfen, es habe den ganzen Trubel selbst inszeniert.

          Skurrilität

          Zum anderen sah die Nominierungskommission von einer Aufnahme Frau Osthoffs unter die Preiskandidaten wohl ab, weil die Begründung, mit der sie ins Rennen geschickt wurde - Frau Osthoff habe sich den typisch festgefügten Projektionen, die sich Medien von Menschen und Geschehen machen, eindrucksvoll entzogen -, ähnlich skurril anmutete, wie die Fersehinterviews, für die sie ausgezeichnet werden sollte. Die Fernsehauftritte von Susanne Osthoff waren sicher kein Beispiel dafür, wie die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehens auf hervorragende Weise genutzt werden und nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis sein können - so lautet zumindest das allgemeine Bewertungskriterium.

          Wer den Grimme-Preis bekommt, wird am 15.März entschieden. Bis zu 14 Preisträger - ausgewählt aus insgesamt 56 Nominierungen - werden dann geehrt. Im Wettbewerbskontingent „Spezial“ gehören unter anderen Christian Busemann, Arno Heinisch und Oliver Kleinfeld zu den Nominierten. Sie stecken hinter der MTV-Show „Pimp my Fahrrad“, die das amerikanischen Pendant, die Auto-Aufmotzer-Show „Pimp My Ride“, parodiert. Nominiert sind außerdem Claire Doutriaux für Idee, Gestaltung und Realisation des Arte-Kulturmagazins „Karambolage“ und Tagesthemen-Moderatorin Anne Will. Sie ist für ihre Interviews nominiert - unter anderem für jenes, in dem sie Bundeskanzler Gerhard Schröder entgegen dem vereinbarten Thema (Außenpolitik) zum Thema vorgezogene Neuwahlen befragt hat. Elke Heidenreich wird mit der „Besonderen Ehrung“ des Volkshochschul-Verbandes, des Stifters der Grimme-Preise, bedacht.

          Ärgernis

          Im Wettbewerbskontingent „Fiktion& Unterhaltung“ sind in der Kategorie „Fernsehspiel / TV-Movie / Unterhaltung“ unter anderen das Fernsehkammerspiel „Die Konferenz“ (ARD/HR/Arte), der ZDF-Fernsehfilm „Die Nachrichten“ und die Tragikomödie „Das Leben der Philosophen“ (SWR/Arte) nominiert. In der Kategorie „Serien und Mehrteiler“ wählte die Nominierungskommission die deutsch-dänische Koproduktion „Der Adler - Die Spur des Verbrechens“ (DR/ZDF), „Stromberg“ (ProSieben), das Doku-Drama „Speer und Er“ (ARD/WDR/NDR/BR/ORF) und Dieter Wedels ZDF-Mehrteiler „Papa und Mama“ aus.

          Im Wettbewerbsbereich „Information und Kultur“ sind in der Kategorie „Dokumentarfilm / TV-Journalismus / Feature / Essay“ gleich fünf Beiträge der WDR-Reportagereihe ,“Die Story“ nominiert. Außerdem gehören auch das Porträt „Mister Tony Blair“ (ARD/NDR) und die Fernsehreportagen „Ein Tag mit Folgen: Nach dem Mord an Theo van Gogh“ (Arte), zu den Grimme-Preis-Kandidaten. In der Kategorie „Serien und Mehrteiler“ wurden unter anderen der Arte-Zweiteiler „Spin Doctors“ und der Fünfteiler „Der Tag als...“ (ARD/HR) nominiert.

          Daß die Sendezeiten von Informationsbeiträgen außerhalb des Hauptprogramms „versenkt oder besser verschenkt“ werden, ist für Uwe Kammann ein besonderes Ärgernis. Dennoch: 2005 bewertet er als „starkes Fernsehjahr“. Im Fall Osthoff- Grimme bleibt dagegen lediglich das Gefühl von viel Lärm um nichts.

          Die Nominierungen im Überblick

          Wettbewerbskontingent „Fiktion & Unterhaltung“

          Fernsehspiel / TV-Movie / Unterhaltung

          König der Diebe (Arte/ZDF)

          Die Konferenz (ARD/HR/Arte)
          (Der beste Fernsehfilm für lange Zeit: „Die Konferenz“)

          Silberhochzeit (ARD/BR/Arte)

          Polizeiruf 110: Kleine Frau (ARD/RBB)

          Marias letzte Reise (ARD/BR)

          In Sachen Kaminski (ARD/SWR/Arte)

          Pastewka (1) (Sat.1.)
          (Bastian Pastewka spielt in „Pastewka“ Bastian Pastewka)

          Sperling und die Katze in der Falle (ZDF)

          Ich liebe das Leben (Sat.1)

          Ein toter Bruder (BR/SWR/RBB/Arte)

          Die Nachrichten (ZDF)

          Das Leben der Philosophen (SWR/Arte)

          Bei Krömers - Harte Kerle (RBB)

          Der Grenzer und das Mädchen (ARD/WDR)

          Wellen (ZDF)

          Mord am Meer (ZDF)

          Serien & Mehrteiler

          Der Adler - Die Spur des Verbrechens (DR/ZDF)

          Stromberg (ProSieben)

          Speer und Er (ARD/WDR/NDR/BR/ORF)
          (Der Engel Nachkriegsdeutschlands fährt zur Hölle)

          Papa und Mama (ZDF)
          (Dieter Wedels Zweiteiler „Papa und Mama“)


          Wettbewerbskontingent „Information & Kultur“

          Dokumentarfilm / TV-Journalismus / Feature / Essay

          Madeleine - Protokoll einer Genesung (ARD/RB/Arte)

          die story: Das Erbe der Väter (WDR)

          Ein Tag mit Folgen: Nach dem Mord an Theo van Gogh (Arte)

          die story: Sie hat sich benommen wie eine Deutsche (ARD/WDR)

          Ässhäk - die Seele der Wüste (Arte/ZDF/SF DRS/TSI/YLE/TV1)

          die story: Der Griff nach dem Öl (ARD/WDR)

          die story: Tod in Teheran (ARD/WDR)

          Allein gegen Strauß und die Millionen (ARD/NDR)

          Die Todeself (ARD/WDR)

          Die Frauen von Ravensbrück (MDR/RBB/SWR)

          die story: Why we fight - Die guten Kriege der USA (WDR/BBC/Arte)

          Und du bist raus (ARD/WDR)

          Welthauptstadt Germania (RBB/SWR/Arte)

          Mister Tony Blair (ARD/NDR)

          Abschiebung im Morgengrauen (NDR)

          Alias Alejandro (ZDF)

          Serien & Mehrteiler

          Der Tag als…. (ARD/HR)

          Fernsehen verboten (Arte)

          Spin Doctors (Arte)

          Die 20er Jahre (ARD/MDR/WDR)

          Wettbewerbskontingent „Spezial“

          Frank Beckmann und Sebastian Debertin für die Idee, Konzeption und Produktion von „KI.KA-Krimi.de“ (KIKA)

          Nina Kunzendorf als Entdeckung des Jahres für die Schauspielleistung in den Filmen „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ (ARD/BR), „Marias letzte Reise“ (ARD/BR), „Die Nachrichten“ (ZDF) und „Sperling und die Katze in der Falle“ (ZDF)

          Anne Will für ihre Interviews in den ARD-Tagesthemen u.a. mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (Moderatorinnen: Anne Will im Porträt)

          Peter Kremski für die Idee und unkommentierte Aufbereitung von historischen Fundstücken aus dem Filmarchiv des WDR

          Markus Reher für die angemessene Themenaufbereitung der gesellschaftspolitisch relevanten Fragen zur Sterbebegleitung in „Leben bis in den Tod“ (3sat/ZDF)

          Ingolf Gritschneider und Georg Wellmann als Autoren von „die story: Milliarden-Monopoly I und II“ für ihre außerordentliche Rechercheleistung und die politischen Auswirkungen, die dieser investigative Journalismus hatte (WDR)

          Christian Busemann, Arno Heinisch (Riesenbuhei Entertainment) und Oliver Kleinfeld (OKD Gute Unterhaltung) für die Idee, Konzeption und Produktion von „pimp my Fahrrad“ als parodistische Adaption des erfolgreichen amerikanischen Formats „pimp my ride“ (MTV)

          Tilman Achtnich als Autor der Dokumentation „Der Sitz des Bösen“ für beispielhafte Berichterstattung aus dem Bereich der Wissenschaft am relevanten Beispiel der Hirnforschung (SWR)

          Michaela May und Edgar Selge für die Hauptdarstellung in „Polizeiruf 110: Die Prüfung“ und „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ (BR)

          Nessie Nesslauer für das Casting zu den Filmen „Der Vater meiner Schwester“ (BR/SWR/Arte), „Durch Liebe erlöst“(ZDF) und „En garde“ (ZDF)

          Kurt Krömer als Autor für die Idee, die televisionäre Inszenierung, Konzeption und Präsentation der „Krömer-Show“ (RBB)

          Claire Doutriaux für die Idee, Gestaltung und Realisation des Kulturmagazins „Karambolage“ (Arte)

          Andreas Witte für seine live-Berichterstattung beim Boxen in der ARD

          David Safier für die eindrucksvolle Erweiterung der Grenzen fiktionalen Erzählens im deutschen Fernsehen am Beispiel der Folge 82 („Deus Ex Machina“) der Serie „Berlin, Berlin“ (ARD/NDR)

          Klaus Scherer als Ostasien-Korrespondent u.a. für „Wir mußten ja weiterleben“ (NDR)

          Daniel Hernandez für „FC Barcelona“ als herausragendes Beispiel für kritische Hintergrundberichterstattung im Bereich Sport (ZDF/Arte)

          Quelle: Grimme-Institut

          Weitere Themen

          Brasilien, quo vadis?

          Polit-Doku bei Netflix : Brasilien, quo vadis?

          Die Filmemacherin Petra Costa porträtiert ihr politisch gespaltenes Heimatland in einer Netflix-Doku auf so persönliche wie erhellende Weise. Sie warnt vor dem Ende der Demokratie.

          „Dark – Staffel 2“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dark – Staffel 2“

          Es geht weiter: Die 2. Staffel der „Dark“-Trilogie ist ab 21. Juni auf Netflix verfügbar.

          Was wollen die Plagiatsjäger?

          FAZ Plus Artikel: VroniPlag Wiki : Was wollen die Plagiatsjäger?

          Die Plattform VroniPlag Wiki treibt Politik und Wissenschaft seit Jahren vor sich her. Verfolgen die Plagiatsjäger politische Ziele, oder machen sie nur die Arbeit, die an den Universitäten liegen bleibt?

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Allerlei Hinweise und Vermutungen

          Gab es Mittäter beim Mord am Kasseler Regierungspräsidenten? Unklar bleibt auch, welche Erkenntnisse über den Tatverdächtigen Stephan E. gespeichert wurden.

          Streit mit Frankreich um Weber : AKK gibt nicht nach

          Kramp-Karrenbauer bleibt dabei: Weber soll neuer Kommissionspräsident werden. Das macht sie ausgerechnet in Paris deutlich. Zudem verlangt sie von den Grünen in der Außenpolitik einen klareren Kurs.
          Will ihren WM Titel von 2018 verteidigen: Kickboxerin Marie Lang

          FAZ Plus Artikel: Kickbox-Weltmeisterin Lang : Vom Küken zur Kriegerin

          Als Marie Lang zum Kickboxem kam, war sie ein „megaschüchterner Teenie“ – immer in der Opferrolle, wenn sie in der Disco einer begrapscht hat. Dank ihres Sports und ihres Trainers ist sie nun stark. Nur eines ist geblieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.