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Fernsehen : Gesichtshaut ölig, Klamotten von der Heilsarmee

  • -Aktualisiert am

Auch Bravo-Chef Jeff Gaspin, der von seinem Arbeitgeber NBC unlängst beauftragt wurde, den kleinen Sender portfoliokompatibel zu machen, könnte sich am Dienstag abend erst einmal ein gepflegtes Glas eingeschenkt haben. Noch sind Quotenzuwachs und absolute Zuschauerzahl kaum meßbar. Bravos Gay-Offensive aber, die nicht nur als eine gezielte Förderung der Fröhlichkeit zu verstehen ist, hat dem Kanal schon vor seiner ersten Saison unter echten Wettbewerbsbedingungen öffentliche Resonanz eingebracht. Nachdem das höchste Gericht der Vereinigten Staaten gerade erst entschieden hat, daß es den Staatsanwalt auch zwischen West- und Ostküste nichts angeht, was erwachsene Menschen im Einverständnis zu Hause tun oder lassen, sieht Gaspin seinen Kanal erst recht als Vorkämpfer für jene gesellschaftliche Toleranz, die dem "American Way of Life" im Grunde eigen sein müßte. Bereits letztes Jahr hat Bravo mit "Gay Weddings" ein kontroverses Programm nicht ohne Proteste rechter Interessengruppen ausgestrahlt, und NBC brachte mit "Will & Grace" vor Jahren die erste Homosexuellen-Komödie erfolgreich ins Fernsehen.

In dieser Saison von Bravo außerdem geplant ist die erste gleichgeschlechtliche Datingshow im amerikanischen Fernsehen, "Boy Meets Boy". Nach bekanntem Schema wählt ein Mann seinen Partner aus fünfzehn ansehnlichen Bewerbern. Der Clou: In einer bewußten Umkehrung der sozialen Verhältnisse sind einige unter ihnen heimlich heterosexuell. Stereotypen und Vorurteile sollen so abgebaut werden. Ganz im Gegensatz dazu spielt "Queer Eye for the Straight Guy" absichtlich durch Übertreibung mit den Klischees. Homosexuelle haben ein Händchen für Blumenarrangements. Heterosexuelle halten jedes einzelne Nasenhaar für eine hart erworbene Trophäe. Homosexuelle tragen Dolce & Gabbana. Heterosexuelle halten das für zwei neue Eissorten. Das leichtfüßige Ergebnis ist so witzig wie der blonde Modeguru Carson Kressley, der im Überschwang der Begeisterung pausenlos unverzagt "1-800 Alarm me!" ruft.

Neuer Lifestyle-Trend

Für die "New York Times" war der erste Blick auf "Queer Eye for the Straight Guy" Anlaß genug, die "Metrosexuals" als neuen Lifestyle-Trend und David Beckham, der sich die Nägel lackiert, wahrscheinlich mehr Körperpflegeprodukte und sicher mehr modisches Gefühl besitzt als seine Frau Victoria, als seinen ersten heterosexuellen Helden auszurufen. Vielfach, und nicht immer mit adäquater Quellenangabe, wurde über die "Metrosexuals" seither rund um den Globus berichtet. Selbst die "Bild"-Zeitung ließ es sich nicht nehmen, auffallend gutaussehende nichtschwule Männer nach Pflege- und Speisegewohnheiten ("scharf gewürztes Fleisch") zu fragen.

Regelmäßige Fernsehzuschauer aber wissen, daß die "Metrosexuals", wenn es sich denn tatsächlich um einen neuen maskulinen Trend und nicht bloß um einen Popanz unterbeschäftigter Trendforscher handeln sollte, einen ganz anderen Ahnherrn besitzen - Joey Tribbiani aus "Friends". Beobachtet von Millionen, tat der nämlich schon vor einigen Staffeln, was in Amerika mittlerweile zum Pflichtprogramm aller Nachwuchsschauspieler gehört: Er ließ sich die buschige Augenbraue todesmutig in elegante Form zupfen. Nur eine, dann rannte er wimmernd mit auffallend asymmetrischer Physiognomie aus dem Schönheitssalon.

Platte Äußerlichkeiten

Warum allerdings der "Metrosexual" ein neuer Renaissancemann sein soll, wie neuerdings behauptet, leuchtet nicht recht ein. Schön wär's ja. Weder Castigliones bürgerlichem Hofmann noch seinem Erben, dem Freiherrn von Knigge, wäre jedenfalls auch nur im Traum eingefallen, den alle menschlichen Fähigkeiten beanspruchenden "esprit de conduite", der mit Small-talk-Training ebensoviel zu tun hat wie ein Stück Vollkornbrot mit einem Marshmallow, für platte Äußerlichkeiten zu opfern.

Von der zwangsgesteuerten Produktverherrlichung der "Metrosexuals" ist Brian Schepel am Ende der ersten Folge von "Queer Eye" noch weit entfernt. Seine Lebensberater haben mit Vergnügen und viel Lästerei ihr Bestes gegeben. Klischees entkräftigt haben sie - Gott sei Dank - nicht, findet auch Scott Seomin, Unterhaltungsmedien-Direktor der "Gay and Lesbian Alliance Against Defamation": "Wir können nicht nur bildschöne Porträts selbstloser Organspender verlangen, die in ihrer Freizeit Bücher für die Blinden transkribieren." Klingt richtig tolerant.

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