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Fernsehen : Fetternwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Die AOK bittet zu Tisch: „Die FettWegShow” Bild: NDR/Marcus Krüger

Deutschlands dickster Fernsehmoderator speckt ab - und läßt sich von der AOK dabei unterstützen. Die seltsame Show spielt Millionen ein, ihre Finanzierung aber bewegt sich in einer Grauzone.

          Das deutsche Fernsehen und seine Kuriosa: Im Norddeutschen Fernsehen läßt sich zur Zeit montags um 18.15 Uhr beobachten, wie sich der in Norddeutschland recht bekannte Michael Thürnau, mit 186 Kilogramm „Deutschlands dickster Moderator“ - so die AOK - , bemüht, abzunehmen.

          „Thürnaus FettWegShow - Der Norden speckt ab!“ heißt die Ratgeberreihe, die von den Allgemeinen Ortskrankenkassen von Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern unterstützt wird.

          Sendestart war am 10. Januar. „Ohne Zwang und Druck“, so erklärte Christine Lüer, damals noch Vorstandsvorsitzende der AOK Niedersachsen, am Tag zuvor, „kann sich jeder Übergewichtige seinem persönlichen Wohlfühlgefühl nähern.“ In der zweiten Sendung war die Managerin selbst zu Gast und begründete, warum sich die „Gesundheitskasse“ für bessere Ernährung und mehr Bewegung engagiert. Am 8. Februar wurde Lüer fristlos gekündigt: Wegen umstrittener Sonderprämien von 60.000 Euro war sie unter Druck geraten. Schon zu Beginn der Affäre hatte sie damit gerechnet, „daß mein Kopf rollen wird“.

          Das alles hat für Negativschlagzeilen gesorgt. Wesentlich positiver kommt die AOK in der „FettWegShow“ weg. Dort entsteht der Eindruck: Grün ist die Hoffnung. Die Leitfarbe der Krankenkasse leuchtet auf einem von Moderatorin Katrin Krebs und Abspecker Thürnau gezeigten „FettWegPass“ und auf grünen T-Shirts mit der Aufschrift „Fettweg-Team/AOK Mecklenburg-Vorpommern“. Auf Spruchbändern prangt das grüne AOK-Logo. Ein Werbespot ist das nicht, nein, eine Ratgebersendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. AOK und NDR engagieren sich - was sollte daran falsch sein? Das verrät der Blick auf die Finanzierung der Fernsehreihe.

          1,52 Millionen Euro

          Die „FettWegShow“ ist eine Auftragsproduktion der Firma TV Plus in Hannover für den NDR. Geschäftsführender Gesellschafter von TV Plus ist Michael Heiks, der mit seiner Berliner Firma TV 21 für die ARD „Sabine Christiansen“ produziert. Früher war Heiks NDR-Funkhausdirektor in Kiel. Der Produktionsetat für die Diätshow kommt nicht vom NDR, sondern von der Nordmedia GmbH in Hannover, einer Fördereinrichtung der Länder Niedersachsen und Bremen, bei welcher auch der NDR, Radio Bremen und das ZDF mit von der Partie sind. Ein Vergabeausschuß verteilt jährlich zehn Millionen Euro, etwa für Sendungen wie „Royalty“ (Rolf Seelmann-Eggebert), „Lieb und struppig sucht“, „Gartenduell“, „Fernsehtiergarten“, „Wohnträume in Niedersachsen“ sowie „Herrenhäuser und Schlösser in Niedersachsen“ (mit Alida Gundlach).

          Nun also die „FettWegShow“. Auch sie wird von Nordmedia begünstigt: TV Plus bekam 852.007,10 Euro für fünfzehn Folgen à dreißig Minuten. Zudem erhielt die Produktionsfirma rund 672.000 Euro aus sogenannten NDR-Aufstockungsmitteln. Das sind NDR-Gelder, die über Nordmedia zur Auszahlung kommen. Macht zusammen: rund 1,52 Millionen Euro. Nordmedia fördert offiziell fünfzehn Folgen. Daraus sind inzwischen zwanzig Sendungen geworden. Bei zwanzig Halbstundenformaten beläuft sich der Minutenpreis auf 2540 Euro. 1,52 Millionen: dies ist auch die Größenordnung, die sich Nordmedia als „Regionalfördereffekt“, also als wirtschaftsbelebende Ausgaben im Land Niedersachsen, erwartet. Gemäß den Förderrichtlinen wird vom Produzenten Heiks ein Eigenanteil von zehn Prozent erwartet: rund 150.000 Euro, für die er Nebenrechte behalten darf.

          Ein vierstelliger Betrag

          Ob im Förderantrag alle Finanzierungsquellen offengelegt waren? Was der Nordmedia und dem NDR bislang unbekannt war: Auch die AOKs der norddeutschen Bundesländer waren bereit, einen Produktionskostenzuschuß an TV Plus zu zahlen. Dies bleibe aber im vierstelligen Euro-Bereich, sagte Annegret Bartels, Marketingleiterin der AOK Niedersachsen. Gemeint ist: ein Betrag von 1000 bis 9999 Euro - pro Folge. So hätten also, zehn Folgen der ersten Staffel zugrunde gelegt, nochmals 10.000 bis fast 100.000 Euro hereinkommen können. Michael Heiks bestätigt die Absprache mit der AOK und will sie dem NDR und der Nordmedia „angezeigt“ haben.

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